53 Minuten auf dem Weg zur Verklärung

Wenn ein 53minütiger Auftritt eines Spielers aus der 2. Mannschaft des Hamburger SV, dem Flaggschiff des Nachwuchses, bei einem Bundesligaspiel im Volksparkstadion einen kollektiven Jubelrausch bei den Fans hervorruft, sich wildfremde Menschen in den Armen liegen und Tränen in den Augen haben, dann ist das eine (tolle) Sache.

Eine Sache aber auch, die zeigt, wie armselig es ganz offensichtlich um das Spielerische bei diesem Traditionsverein seit Jahren bestellt ist. Eine Sache die zeigt, wie ausgehungert das Fußballvolk ist, wie groß und ungestillt die Sehnsucht nach ansehnlichem Fußball, nach Spaß am Spiel ist.

Der 20jährige Japaner Tatsuya Ito hat sich mit seinem unbekümmerten Auftritt, seinen erfolgreich bestrittenen 1:1 Situationen unmittelbar in die Herzen der Zuschauer gedribbelt bis er quasi unmittelbar nach Wiederanpfiff, von Krämpfen geplagt, erschöpft und ausgelaugt, den Platz unter stehenden Ovationen wieder verlassen musste, was zu einem Bruch in einem ohnehin nicht hochklassigen Spiel sorgte.

Die kollektive Verzückung wie gesagt, ist eine Sache, eine nachvollziehbare. Wenn dann allerdings, dieser 53minütige Einsatz eines 20jährigen einen Hype über eine erfolgreiche Jugend- und Nachwuchsarbeit beim HSV auslöst, dann ist das eine andere Sache.

Mal losgelöst von der Tatsache, dass ein Tatsuya Ito erst in der U19 zum HSV gestossen ist und sich von daher die Frage stellt, ob und inwieweit der HSV hier überhaupt Nachwuchsarbeit geleistet hat (auch ein Gideon Jung kam ja aus Oberhausen und erhielt dort einen wesentlichen Teil seiner fußballerishcen Ausbildung, wie auch ein Janjicic in Zürich), ist der Einsatz eines Spielers aus der zweiten Mannschaft prinzipiell nichts Neues beim HSV und spricht nicht zwangsläufig für gute Jugendarbeit. Das hat es in der Vergangenheit, als die Nachwuchsarbeit allgemein bemängelt wurde, des öfteren gegeben. Unter Joe Zinnbauer mit Götz, Steinmann, Marcos, Gouaida und Arslan. Zuvor auch mit Son, Lam oder Tah.

Zugegeben, die U21 ist Tabellenführer in der Regionalliga Nord, die U19 steht momentan an der Tabellenspitze der A-Junioren Bundesliga Nord/Nordost und auch die U17 ist recht erfolgreich in die Saison gestartet. Aber auch das hat es in der Vergangenheit immer wieder gegeben, auch das ist so neu nicht, wie ein Blick auf die Platzierungen der drei Mannschaften aus den letzten Jahren zeigt:

Platzierungen der Zwoten (U23/U21) des HSV in der Regionalliga Nord

Platzierungen der Zwoten (U23/U21) des HSV in der Regionalliga Nord

Vor 3 Jahren klopfte die von Joe Zinnbauer und Oliver Kreuzer zusammengestellte U23 bereits an der Tür zur 3. Liga, der sie sogar bis 2008 angehörte. Eingebrannt haben sich allerdings die zwei Jahre unmittelbar vor der Ausgliederung, als die Zwote lange gegen den Abstieg spielte. Diese Talsohle scheint man zwar inzwischen durchschritten zu haben, daraus einen generellen Trend abzuleiten, erscheint mir jedoch zu früh.

Eine ähnliche Talsohle durchschritt die U19 unmittelbar vor der Ausgliederung. Inzwischen befindet man sich wieder in jenen Gefilden, in denen man auch zwischen 2006 und 2012 unterwegs war, ohne dabei allerdings so erfolgreich gewesen zu sein, dass man im Pokal erfolgreich war oder sich für Meisterschaftsendrunden qualifizieren konnte.
Detaillierte Auflistungen über die A-Junioren des Hamburger SV in Meisterschaft und Pokal gibt es unter: A-Junioren Deutsche Meisterschaft (seit 1969) A-Junioren DFB-Pokal (seit 1987)

Platzierungen der A-Junioren (U19) des HSV in der Bundesliga Nord/Nordost seit Gründung

Platzierungen der A-Junioren (U19) des HSV in der Bundesliga Nord/Nordost seit Gründung

Und bei den B-Junioren, der U17, die sich momentan auf Rang 4 der Tabelle befindet, kann man aufgrund der Platzierung ohnehin nur von ‘business as usual’ reden.

Platzierungen der B-Junioren (U17) des HSV in der Bundesliga Nord/Nordost seit Gründung

Platzierungen der B-Junioren (U17) des HSV in der Bundesliga Nord/Nordost seit Gründung

Die nackten Zahlen jedenfalls können keine Grundlage für den derzeitigen Hype und ‘Jugendwahn’ liefern, der die BILD unter anderem dazu veranlasst vom “Juwelier” Peters zu sprechen. Nun muss man Berhard Peters zugute halten, dass er selber die Entwicklung zwar durchaus positiv, aber bei weitem kritischer sieht, speziell was die Durchlässigkeit zu den Profis anbelangt. Auf die hier (noch) verbesserungswürdige (mangelhafte) Durchlässigkeit wurde auch bei der NLZ Zertifizierung von der Agentur Foot Pass ausdrücklich hingewiesen.

Dennoch, es wurden zweifelsohne Dinge auf den Weg gebracht im Nachwuchsbereich die Hoffnung machen. Vor diesem Hintergrund begrüße ich ausdrücklich diesen Weg mit Bernhard Peters weiter zu gehen, ihm mehr Zeit zu geben, nach seinen Vorstellungen zu gestalten und dafür zu sorgen, dass sich das Leistungsdenken zumindest im Nachwuchsbereich (weiter) durchsetzt.

Wenn sich allerdings Trainer Gisdol und Sportchef Jens Todt dieser Tage hinstellen und proklamieren, der Kader sei extra so zusammengestellt, dass man dem Nachwuchs eine Chance geben könne, dann ist diese Aussage schlichtweg hahnebüchen.

Mit vier Niederlagen in Folge, ohne einen Torerfolg und desaströsen Angriffsbemühungen, waren der Einsatz von Ito und Janjicic im Spiel gegen Bremen schon fast so etwas wie die letzte Patrone. Wenn nichts mehr geht, dann muss die Unbekümmertheit des Nachwuchses helfen. Das hatten wir bereits in der vergangenen Saison. Damals mit Jatta und Janjicic. Die Jungen haben damals Akzente gesetzt, vershcwanden danach aber sofort wieder im zweiten Glied. Es dürfte dieses Mal nicht anders sein, aber zunächst ist Ruhe in der Länderspielpause. Ohne den Auftritt von Ito, nach einem 0:0, einem weiteren Spiel ohne eigenes Tor und ohne die Einwechslung von Jann-Fiete Arp kurz vor Schluss, hätte das anders ausgesehen. Da wäre bereits jetzt Feuer unterm Dach gewesen.

P.S. Ach ja, man musste diesen Weg gehen mit Jann-Fiete im Bremen Spiel. Ein Bundesligaeinsatz für das Sturm Juwel war zwingend notwendig unmittelbar vor der U17 WM, wo die Scouts und Berater nichts unversucht lassen werden ihn dem HSV abspenstig zu machen. Der 3 minütige Einsatz nährt die (trügerische?) Hoffnung, ihn halten zu können, wenn man ihm die sportliche Perspektive (Einsatz in der Bundesliga) aufzeigt. Schnittstellen-Manager Marunus Bester dürfte alle Hände voll zu tun haben in Indien um das wirkliche Nachwuchstalent des HSV zu ‘beschützen’ und bei der Stange zu halten. Wünschen wir ihm das Beste.

6 Kommentare

  1. ky

    Sehr erhellende Tatsachen der “performance” der U-Mannschaften der letzten Jahre, mit Quellen und Belegen; etwas, was man von “bezahlten” Journalisten wohl nicht mehr erwarten kann… Danke, HL.
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    Gisdol ist schon sehr geschickt und eloquent in der Aussendarstellung, mal gucken, wie er ggf. den Abstieg “begründet”…
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    Schnittstellen-Manager Marinus Bester… tja, was ihn dafür wohl qualifiziert, außer “der Raute im Herzen” bzw. auf dem Gehaltskonto…
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    Vielleicht sollte Heribert Bruchhhagen mal Herrn Kühne anfragen, ob dieser nicht Matthias Sammer als Sportdirektor bei K&N anstellt, um ihn dann gegen geringe Leihgebühr an den HSV auszuleihen…
    Es mangelt so sehr an Leistungsbereitschaft im Umfeld der Bundesliga-Truppe (u.a. auch die geringe Trainingsintensität, die Julian Pollersbeck wohl auch überraschte…), da hilft nur gründliche Kurskorrektur.
    Sammer muss man nicht mögen, aber mangelnden Ehrgeiz und mangelnde Kompetenz kann man ihm sicherlich nicht vorhalten.
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    Und Gerry Ehrmann ist sicherlich kein “moderner Torwart” gewesen – wie weiland auch unser TW-Trainer Stefan Wächter nicht, aber hat zumindest den Ehrgeiz, sehr gute Leistungen aus seinen Schützlingen heraus zu kitzeln…
    Zitat aus Wikipedia: “Die von Ehrmann trainierten Torhüter Roman Weidenfeller, Tim Wiese, Florian Fromlowitz, Tobias Sippel, Luis Robles, Kevin Trapp, Marco Knaller, Marius Müller und Julian Pollersbeck schafften den Sprung in den Profibereich.”

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  2. ky

    Und die ca. 30 Leute in der Medienabteilung kriegen nicht mal die Ergebnisse von HSV 2 nachgetragen, geschweige denn, einen aktuellen Tweet zum Kick heute um 13.00h gegen Havelse…
    Guckst Du hier:
    https://www.hsv.de/nachwuchs/hsv-ii/spielplan-und-testspiele/
    Findest Du: Nichts.
    Nicht einmal das Ergebnis vom Montag in Hannover, welches sogar auf Sport1 übertragen wurde – was für ein arbeitsscheuer Haufen… dieser Verein ertrinkt in Selbstzufriedenheit und Pflegma.

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    1. HeLuechtHeLuecht (Beitrag Autor)

      Sorry, da bist du auf dem Holzwege. Beim HSV gibt es zwei Twitter accounts. @HSVYoungTalents twittert regelmäßig über den Nachwuchs.

      Und es gibt auch Berichte vor und nach den Spielen der U21 inzwischen. Man muss nur wissen, wo man auf hsv.de gucken muss. Hannover: https://www.hsv.de/nachwuchs/meldungen/saison-201718/oktober-2017/u21-dominiert-hannover-96-siegt-aber-nur-10/

      Die Berichte könnten zeitnaher eingestellt werden, die Navigation klarer sein, aber gerade im Nachwuchsbereich gibt es zunehmend mehr und bessere Infos (natürlich immer im Sinne des HSV)

      Die von dir verlinkte Liste sollte allerdings auf dem Laufenden sein und die Verlinkung zum jeweiligen Spielbericht wäre ebenfalls angesagt. Luft nach oben ist da sicherlich noch reichlich gegeben. Da hat der Stadtteilklub die Nase noch weit vorne.

  3. GVGV

    Ist “die Zweite” eigentlich wirklich so viel schlechter als die hochbezahlten Profis ?
    Leider(?) sehe ich die Jungen fast nie spielen.

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    1. HeLuechtHeLuecht (Beitrag Autor)

      Momentan 3 Klassen!

      Aber im Ernst: natürlich sind die schlechter. Die ‘Leistungsträger’, an denen sich die Nachwuchsleute orientieren und aufrichten (sollen), bilden zwar eine stabile Achse (Mickel, Giese, Steinmann, Gouaida und auch Haut bzw Knöll), haben aber allesamt (Ausnahme Knöll) gezeigt, dass es für höhere Aufgaben (2. Liga, 3. Liga, Schweizer Liga) nicht reicht. Da können sie noch so erfolgreich in der RL NORD stehen.
      Wie weit und schwer der Weg ist, kann man ja gerade am Beispiel Finn Porath sehen, dem von Kunert prinzipiell das Potenzial für die Bundesliga bescheinigt wurde, der sich jetzt aber bei Haching auch erst dirchbeissen und Drittligatauglichkeit beweisen muss.
      In einer halbwegs stabilen Mannschaft, mit dem Vertrauen des Trainers und regelmäßigen Einsatzzeiten über längere Zeiträume, ist sicher der Eine oder Andere brauchbar, wie man ja auch bei Jung sehen konnte.

      Juwelen wie Tah oder Arp sind nicht dabei…schauen wir mal, wie es mit Ito und Janjicic weitergeht. Jatta sollte man verleihen, fühttps://www.dfb.de/news/detail/yeboah-ich-bin-ein-strassenfussballer-175642/r ihn wird es für das Oberhaus nicht reichen.

  4. ky

    HL, ja, der Abstand ist gewaltig von RL zu BL. Kurz nach der Ausgliederung habe ich mal geschrieben, dass für HSV 2 unbedingt ein hochprofessioneller Trainer-Stab inkl. Scouting und ein entsprechendes Budget zur Verfügung gestellt werden muss, um HSV 2 mit an die Spitze von Liga 3 zu führen.
    Dann wäre der Weg von oben Liga 3 zu unten Liga 1 zwar immer noch deutlich, aber sicherlich für den ein oder anderen machbar.
    .
    Titz/Peters scheinen bislang das gut zu machen, ob der Weg weiter geht, insbesondere bei den wirtschaftlichen Zwängen, einer Neu-Besetzung des AR und ggf. einem Abstieg der Ersten, wird man abwarten müssen, ich bin da aber – aus leidgeprüfter Erfahrung – eher pessimistisch, was Konstanz und nachhaltige Konzepte beim HSV angeht…
    .
    Jatta sehe ich ähnlich wie Du – sehr schnell und unorthodox, aber mangelnde Technik und Spielintelligenz sind große Problemzonen. Wird nicht für Liga 2 reichen, voraussichtlich.

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