Abwärts?

Fließt die Elbe noch? Ist noch Wasser im Hafen? Die Stimmung beim oder eher rund um den HSV lässt schlimmes vermuten – Weltuntergangsstimmung, da war es im April ’45 im Führerbunker ja noch fröhlicher. Nach dem 0:4 gegen Augsburg herrscht Panik oder Resignation, die Abstiegsangst regiert und selbst die Durchhalteparolen der größten Optimisten wirken gequält und aufgesetzt. Dabei sah es vor kurzem noch ganz anders aus – bei einigen herrschte fast euphorische Stimmung und die optimistischsten Fans sprachen sogar ganz leise von Europapokal.

Drei Spieltage vor Schluss steht der HSV auf Rang 16 –Relegationsplatz. Relegation? Oha, die hatten wir doch nun oft genug – eigentlich sollte man doch da mittlerweile weit entfernt von sein. Erinnert sich noch jemand an den Sommer 2016? Nachdem man mit Platz 10 erfolgreich die dritte Relegationsteilnahme vermieden hatte herrschte eine geradezu euphorische Stimmung im Blick auf die anstehende Saison. Investor Kühne lieh dem HSV mal wieder Geld, teure Spieler kamen und Herr Kühne sprach von Platz 6-8 als Ziel, welches dann so von Trainer Labbadia im Kicker-Sonderheft übernommen wurde. Die kritischen Stimmen wurden belächelt oder abgetan – „Das wird ne geile Saison“, wurde zum Satz des Sommers. Nach zwei Punkten aus fünf Spielen war dann aber Schluss mit lustig und Bruno Labbadia musste gehen. Sein Nachfolger wurde Markus Gisdol. Dieser startete zunächst schwach aber schaffte dann den Anschluss des Vereins an die Nichtabstiegsplätze und steht nun mit dem Team eben auf jenem 16. Tabellenplatz.

Und dabei ist die Lage eigentlich gar nicht so schlecht im Verhältnis zu den anderen Jahren in denen der HSV am Ende die Relegation erreichte. Direkt vor dem HSV stehen mit Mainz und Wolfsburg zwei Teams die punktgleich mit den Hamburgern sind und eben diese beiden Teams empfängt der HSV in seinen letzten beiden Heimspielen. Der HSV kann Abstieg und Relegation noch aus eigener Kraft vermeiden. 2013/14 konnten sie das nicht, angesichts von nur 27 Punkten grenzte es an ein Wunder überhaupt die Relegation erreicht zu haben. Bei fünf Niederlagen aus den letzten Spielen profitierte der HSV davon, dass es mit Nürnberg und Braunschweig tatsächlich zwei Teams gab denen dieses Kunststück ebenfalls gelang und die somit hinter dem HSV platziert blieben. Auch im darauffolgenden Jahr war der HSV bei seiner Aufholjagd unter Labbadia von den Ergebnissen der anderen Mannschaften bis zum Schluss abhängig. Dagegen erscheint die jetzige Ausgangsposition doch eigentlich hervorragend. Und doch, irgendwie erscheint gerade diese Lage besonders prekär, klingt komisch, ist aber so.

Während man in den anderen Jahren eigentlich schon abgestiegen war ist es diesmal anders, jetzt war man irgendwie gefühlt schon gerettet, der Trend sprach für den HSV und das vermeintlich leichte Restprogramm würde schon die notwendigen Punkte bringen – so stand es vor dem Werder-Spiel. Der HSV hatte sich unter Gisdol stabilisiert, wie schon bei den Vorgängern Zinnbauer oder Labbadia gab es zwar keine signifikante spielerische Besserung aber durch hohen Aufwand im Zerstören des gegnerischen Spiels gelang es eine ordentliche Punkteausbeute zu erreichen. Ausnahmespiele gab es gegen Leipzig (3:0) und die Bayern (0:8). Interessant dabei, dass das 0:8 gegen die Bayern bei weitem nicht so hohe Wellen schlug wie die vorangegangen Debakel gegen die Münchner. Der HSV punktete und verließ zwischenzeitlich dann sogar die Abstiegsränge, es lief ordentlich, jedenfalls was die Punkte anging und so verlängerte man den Vertrag mit Trainer Gisdol am 22.März – mit Gültigkeit auch für die zweite Liga. Doch ab diese zweite Liga dachte kaum mehr jemand in Hamburg – als es gegen Werder ging gab es die Chance mit diesen gleichzuziehen und sich Luft nach unten zu verschaffen. Doch hier gab es den ersten Rückschlag, 1:2 und während Werder in den nächsten Spielen bis auf einen Europapokalplatz hinaufstieg ging es in Hamburg bergab. Das Heimspiel gegen den Tabellenletzten Darmstadt, bis dahin sieglos, ja punktlos auf des Gegnern Plätzen endete für die eigentlich doch heimstarken Rothosen mit einer Niederlage und es sollte noch schlimmer kommen. In Augsburg verlor der HSV gar mit 0:4 und nun steht man wieder auf jenem ominösen 16. Platz. Und als sei das alles nicht genug erstarkten auch die hinter dem HSV liegenden Ingolstädter und sogar die Darmstädter im Saisonendspurt. Und nun, ja nun ist die Angst groß, denn in der Relegation würde auf jeden Fall ein starker Gegner warten – die in Frage kommenden Zweitligisten wirken jedenfalls stärker als einst Greuther Fürth oder der KSC und schon gegen diese Mannschaften war es ja verdammt eng.

Nach drei Niederlagen wirkt der HSV komplett verunsichert und die Unruhe und die Angst vor dem Abstieg ist groß. Es ist der Trend, das Auftreten der Mannschaft in den letzten Spielen und die offene Ratlosigkeit die so große Sorgen macht. Wie kann es sein, dass das Team plötzlich so untergeht wie gegen Darmstadt oder gerade gegen Augsburg, wo man doch vorher schon so gefestigt schien? Warum dieser Rückfall wo man doch gerade auf dem richtigen Weg war, oder war man das gar nicht? Gründe werden jedenfalls einige angeführt – von Kopfmüdigkeit, der Anstrengung der Aufholjagd, über irgendwelche Bruchhagen-Aussagen bis hin zu möglichen Auswirkungen von Lizenzbedingungen. Was davon tatsächlich kausal für die aktuelle Situation ist, schwer zu sagen, vielleicht spielt einiges davon eine Rolle, vielleicht alles, wer weiß das schon genau – auch beim HSV erscheinen die Leute eigentlich eher ratlos. Und man flüchtet sich in Aktionismus, Spieler werden suspendiert, man bezieht ein Kurztrainingslager.

Weitgehend einig scheint man sich darin, dass es vorrangig ein Kopfproblem sei und da ist etwas dran.

Spielerisch ist man so oder so seit Jahren auf niedrigstem Niveau unterwegs, relativ erfolgreich war man meist wenn man das Spiel des Gegners zerstörte – doch gegen andere Teams auf unterem Niveau ist dies schwierig, diesen fehlt das Niveau was man zerstören kann, sie agieren selbst oft auf diese Weise. Gegen diese Mannschaften steht man auf Augenhöhe und da ist mentale Stärke gefragt.

Doch, genau diese mentale Stärke scheint plötzlich komplett abhanden gekommen, gerade in dieser entscheidenden Phase des Abstiegskampfes scheint der HSV in ein Loch gefallen zu sein, jedenfalls ließ die Mannschaft zuletzt alles vermissen was im Kampf um den Klassenerhalt notwendig ist.

Neben all den genannten Gründen ist für mich ein weiterer Grund dafür maßgeblich, ein Grund der schon so oft beim HSV für Probleme gesorgt hat. Es ist die (unterbewusste) Selbstzufriedenheit, die Selbstüberschätzung -hinaufbeschworen durch ein zu frühes Gefühl der vermeintlichen Sicherheit. Ein hausgemachtes und altbekanntes Problem das sich nun auswirkt. Schleichend wurde diesem Problem der Weg bereitet, jetzt wirkt es schwierig da hinauszukommen. Wie im Treibsand wirken die Maßnahmen eher kontraproduktiv – es bleibt aber die Hoffnung irgendwie den Schalter nochmal umzulegen, so wie es ja in dieser Saison schon einmal geschafft wurde.

Von Beginn an stand der HSV in dieser Saison im Abstiegskampf, so wie schon in den letzten Jahren, auch wenn dies im Vorjahr oft etwas verdrängt wurde. Nach zehn Spielen wirkte der HSV wie ein sicherer Absteiger, abgeschlagen am Ende – doch schon gegen Ende der Hinrunde wurde der Anschluss wieder geschafft – im weiteren Verlauf gelang es sogar zeitweise die Abstiegsregion zu verlassen und vor dem Werder-Spiel schien die Möglichkeit da sich nach oben ins (sichere) Mittelfeld zu schieben. Doch dies gelang nicht, denn zu dem Zeitpunkt war der Schalter schon ganz heimlich und leise umgelegt worden – gefühlt war man dem Abstiegskampf eigentlich schon entronnen, auch wenn es die Tabelle anders auswies, man würde die notwendigen Punkte schon holen – es lief ja, man stand doch in der Rückrundentabelle auf einen Europapokalplatz. Mahnende Stimmen wurden wieder einmal ausgeblendet. Bezeichnend dabei die Pressekonferenz vor dem Darmstadt-Spiel. Britta Kehrhahn vom NDR stellte dort die (aus jetziger Sicht absolut berechtigte) Frage nach einem möglichen Spannungsabfall und wurde von Trainer Gisdol dafür böse abgekanzelt.

Aber er war da, der Spannungsabfall, die folgenden Niederlagen brachten dies deutlich zu Tage. Die punktemäßig gute Serie verdeckte die Defizite im spielerischen Bereich. Man erkannte nicht, dass diese Serie nicht das Normalniveau des HSV belegte, man musste jedesmal an die Grenzen gehen (oder gar darüber hinaus) und profitierte auch schon mal davon, dass der jeweilige Gegner deutlich hinter dem eigenen Leistungsvermögen blieb. Dieses „an die Grenze gehen“ ist allerdings schwerlich durchzuhalten und fallen dann wichtige Leute wie Müller aus, dann wird es ganz schwierig.

Dazu kommt eben das angesprochene Kopfproblem, man war doch schon sicher. Schon die Vertragsverlängerung mit Trainer Gisdol im März sendete dieses Signal aus und auch im Umfeld schien dieses Gefühl sich mehr und mehr durchzusetzen. Gab es in den vorangegangenen Jahren große Fan-Aktionen um die Mannschaft im Abstiegskampf zu unterstützen (Alle man an Bord usw.), so blieben solche große Aktionen diesmal aus. Es lief ja, man würde die notwendigen Punkte schon holen. Das schwache fußballerische Niveau wurde ausgeblendet, man holte ja Punkte. „Keine Sorge – wir schaffen das“ als 2017er Pendant zum sommerlichen „Wird ne geile Saison“.

Und nun macht sich dann die Angst breit, denn der Trend spricht nicht gerade für den HSV. Doch dieser kann es noch aus eigener Kraft schaffen, es muss nur gelingen den Schalter nochmal umzulegen. Das wird schwer genug aber noch ist es möglich die Klasse zu halten. Das muss jetzt absolute Priorität haben – was danach kommt, darüber kann man nach Saisonende nachdenken. Jetzt also gilt es, die entscheidende Phase beginnt, für den HSV gegen Mainz am Sonntag.

Hoffen wir das Beste…

– der Coach –

6 Kommentare

  1. HeLuechtHeLuecht

    Das Beste?

    Das Beste am Norden
    sind unsere Derbys!

    Antworten
    1. 1887Breisgau1887Breisgau

      Dann soll der Derbygegner halt mal aufsteigen.

  2. horst

    Morgen,

    da hat ein Wood ein Paar gute Spiele gemacht, schon ist er nicht mehr zu halten, am besten gleich großzügig den Vertrag verlängern und die Klausel ändern.

    Da schiesst ein Arp einen sauberen Hattrick bei der U 17 – Glückwunsch dazu – und selbiger soll umgehend in die erste Mannschaft integriert werde.

    Aber das der gute Junge noch kein Spiel im Männerfussball gemacht hat ist unwichtig.

    Aber was ist mit einem Stürmer wie Knöll, der in der U 21 ein Tor nach dem anderen schiesst ?

    Gruß horst

    Antworten
    1. HeLuechtHeLuecht

      A. Arslan war Torschützenkönig in der RL Nord und hat in der 3. Liga bei Osnabrück kaum Einsatzzeiten. Was soll also mit Knoell sein, er weiss, wo das Tor steht und trifft in einer selten schwachen 4. Liga. Ich sehe ihn nicht da oben. Man hat einen Waldschmidt, der ist weiter.

  3. horst

    In erster Linie ging es mir darum, nicht gleich einen Spieler hervor zu heben, wenn er mal ein Spiele erfolgreich Paar Spiele erfolgreich spielt.

    Wenn ein Spieler im Jugendbereich spielt, muss dass nicht gleich bedeuten,
    dass er im Männerbereich genau so treffsicher ist !

    Ob Waldschmidt oder Knöll da besser ins Bild passen kann und will ich damit nicht sagen !!!

    Es ist aber schon ein Armutszeugniss wenn Spieler wie Janjicic und oder Jung beim Spiel gegen Mainz noch zu den besseren Spielern gehörte !!!

    Eine schöne Woche und Gruß horst

    Antworten
  4. Lighthouse

    Moin Coach,
    danke für Deine sehr ausführliche Ausführung. Sachlich fundiert und (leider) erschreckend zu lesen.
    Was mich sehr nachdenklich gemacht hat, war Deine Aussage im letzten Absatz:

    >Das muss jetzt absolute Priorität haben – was danach kommt, darüber kann man nach Saisonende nachdenken<

    Das ist zwar korrekt…..gab´s aber fast immer zum Ende der Saisons…also in den letzten Jahren. Und was passierte? Gab es eine vernünftige Analyse seitens der Führung? Gab es Konsequenzen? Gab es fundierte Änderungen?
    Wird es davon etwas nach dieser Saison geben?
    Ich habe da so meine Zweifel.

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