Das Millerntor als Pulvermanns Grab

Was treibt einen noch an, ein Fußballspiel des HSV zu verfolgen? Das Fan-Dasein im positiven Sinne, die Lust an Grausamkeit oder die gewachsene Antipathie gegenüber dem Verein? Eigentlich in jeder Hinsicht eine Zeitverschwendung. Unübersehbar zeigt die Formkurve des HSV nach der Winterpause nach unten, sehen wir von dem kleinen Ausschlag nach oben im Pokal gegen Nürnberg mal ab, wobei die bundesligauntaugliche Darbietung der Franken sehr dazu beitrug.

Wieder einmal weicht die Anfangseuphorie der harten HSV-Realität. Zwar wurde unter Hannes Wolf das aktive Passspiel ein wenig mehr nach vorne verschoben, wodurch es zu zwingenderen Offensivaktionen kommt, aber die Behäbigkeit ist nie ganz verschwunden und ist jetzt wieder voll in Erscheinung getreten. Hinzu die auffällig vielen technischen Mängel. Das ist jetzt eine kurze subjektive, sachliche Zustandsbeschreibung. Man könnte aber auch sagen, dass es im Vergleich zur Amtszeit von Christian Titz zwischendurch nur leichte erkennbare Veränderungen gegeben hat und man inzwischen sportlich dort wieder angekommen ist, was letztendlich zur Freistellung von Titz führte. Die Begründung zur Freistellung war klar und eindeutig:

Ralf Becker: „Es gehört zu unserer Verantwortung, die sportliche Situation sachlich zu analysieren. Wir sind zu der Erkenntnis gelangt, dass wir leider nicht die angestrebte Entwicklung genommen haben und ein erhöhtes Risiko sehen, dass wir unser Saisonziel verfehlen werden.“

Bernd Hoffmann: „Unsere Aufgabe ist es, den HSV zu stabilisieren, ihn mittelfristig wieder in die Bundesliga zu führen, und nicht Popularitätspunkte zu gewinnen. Wir haben eine dramatische wirtschaftliche Situation und wenn wir glauben, dass die sportliche Entwicklung gefährdet ist, dann müssen wir handeln.“

Die reine Ergebnisbilanz von Hannes Wolf ist immer noch zufriedenstellend. Aber hat es tatsächlich eine sportliche Verbesserung gegeben, außer die von mir schon angesprochenen Veränderungen? Wolf startete mit einem Kaltstart in Magdeburg. Knapp 40 Minuten in Unterzahl, gewann man gegen einen völlig verunsicherten Gegner, der sich schon im Krisenmodus befand. Es folgte ein aberwitzig hoher Sieg mit 3:0 im Pokal bei Wehen/Wiesbaden. Der Drittligist war meist über die gesamte Spielzeit feldüberlegen, vergab ein halbes Dutzend an Torchancen und im Strafraum des HSV herrschte oft ein heilloses Durcheinander. Gegen den 1. FC Köln wirkte die Mannschaft schon geschlossener. Ein verdienter Sieg, doch bevor der HSV kurz vor Schluss den entscheidenden Treffer erzielt, hatte Köln die größte Torchance, als Narey auf der Linie klärte. Läuft es also sehr unglücklich, hätte es auch anders laufen können. Nach dem 3:1 in Aue folgte ein 2:2 gegen ein starkes Eisern Union aus Berlin. Hier wäre sicherlich sogar ein Sieg möglich gewesen, hatte doch Hwang Sekunden vor dem Ausgleich der Berliner (90. Minute), die hundertprozentige Torchance zum 3:1. Beim 2:1 in Ingolstadt rettete Pollersbeck kurz vor Ultimo mit einer glänzenden Fußabwehr den Auswärtssieg. Eine pomadige zweite Hälfte, die fast den Sieg gekostet hätte.

Gegen Paderborn (1:0) konnte man im Vorfeld schon Bedenken haben, spielte doch der Aufsteiger bisher einen erfrischenden Offensivfußball und brachte schon so manchen Favoriten in Bedrängnis oder gar zu Fall, doch beim Gastspiel in Hamburg war meist davon nichts zu sehen. Das Phänomen, dass die Vereine in der 2. Liga ängstlich und ohne Mumm gegen den HSV antreten, war auch hier wieder zu beobachten. Erst in den letzten 10 Minuten agierten die Ostwestfalen so, wie man sie bisher in der laufenden Saison bewundern durfte. Das letzte Spiel vor der Winterpause wurde mit 2:1 beim MSV Duisburg gewonnen. Einer fulminanten Anfangsphase folgte viel Krampf und Hektik und es wurde wie so oft darauf gebaut, zum Ende des Spiels, mit verstärkter Abwehr, das Spiel über die Runden zu bekommen.

Der bisherige Verlauf nach der Winterpause muss als sehr enttäuschend und als Rückschritt betrachtet werden. Sich nur auf einen soliden bis guten Pollersbeck, einen überdurchschnittlichen Santos, den technischen Qualitäten eines Hunt und auf die Torjägerqualitäten eines Lasogga zu verlassen, kann sicherlich nicht im Sinne des Trainers sein, aber als Außenstehender hat man schon den Eindruck, als wenn Minimalismus und Dilettantismus als gekonnte Effektivität verkauft wird. Der HSV kann sich glücklich schätzen, dass die meisten Gegner immer noch zu viel Respekt vor dem „großen HSV“ haben und nicht nüchtern den aktuellen Zustand der Mannschaft analysieren und sich mehr zutrauen. Wer sich auf fußballerisch limitierte Spieler wie Sakai oder Jung verlassen muss, oder selbst für Zweitligaverhältnisse, unbewegliche und hüftsteife Innenverteidiger in seinen Reihen hat, auf die formschwachen Narey und Mangala setzen muss und auf divenhafte Größen wie Hunt und Holtby angewiesen ist, der hat ein allgemeines Problem mit dem Leistungsprinzip in einem breiten Kader. Hier verweise ich gerne auf den Stadtteilverein…

Die Niederlagen in Kiel (1:3), Bielefeld (0:2) und Regensburg (1:2) waren absolut verdient. Da gibt es nichts dran zu deuteln! Zudem wurstelte man sich gegen Sandhausen (2:1, gruselig!) und gegen Dynamo Dresden (1:0) zu Heimsiegen. Beim hart umkämpften 2:2 in Heidenheim kann man durchaus, mit viel Wohlwollen, noch etwas Positives abgewinnen. Aber die Tendenz ist ernüchternd. Die Geduld und Zeit für Verständnis und Nachgiebigkeit scheint so langsam zu schwinden. Der aufgebaute Druck ist sichtbarer denn je. Hannes Wolf wirkt angespannter und nervöser und Ralf Becker verstimmt und angefasster, wenn er zur momentanen Situation angesprochen und bei bestimmten Themen nachgehakt wird. Der (Pflicht-)Aufstieg ist als Alternativlosigkeit unumstößlich manifestiert.

Der unterirdische Auftritt und schmeichelhafte Sieg gegen einen biederen aber wackeren Gegner aus Fürth, hat vermutlich eine aufkommende Trainerdiskussion vorerst verstummen lassen. Bei einem Remis oder gar einer Niederlage wäre das Stadtderby am kommenden Sonntag mit einer zusätzlichen Brisanz versehen gewesen. Aber auch so stehen die Vorzeichen nicht besonders günstig. Der FC St. Pauli hat sich inzwischen stabilisiert und gefällt auch fußballerisch wieder. Beim HSV ist momentan nicht viel Positives zu erkennen. Man quält sich weiter von Spiel zu Spiel.

Die Partie am Millerntor könnte ein Wendepunkt markieren. Sowohl im Positiven als auch im Negativen. Entweder die Spieler des HSV nehmen den Kampf mit Leidenschaft und Disziplin an und werden die einmalige Stimmung für sich nutzen und überwinden diese hohe Hürde, oder sie lassen sich den viel zitierten Schneid abkaufen und könnten sogar unter die Räder geraten. Dieses eine Spiel entscheidet natürlich nicht über den weiteren Saisonverlauf bzw. Aufstieg, aber es kann von diesem Duell ein wichtiges Signal für die Endphase der Saison ausgehen…

3 Kommentare

  1. WORTSPIELERWORTSPIELER

    Der bisherige Verlauf nach der Winterpause muss als sehr enttäuschend und als Rückschritt betrachtet werden. […] als Außenstehender hat man schon den Eindruck, als wenn Minimalismus und Dilettantismus als gekonnte Effektivität verkauft wird. Der HSV kann sich glücklich schätzen, dass die meisten Gegner immer noch zu viel Respekt vor dem „großen HSV“ haben und nicht nüchtern den aktuellen Zustand der Mannschaft analysieren und sich mehr zutrauen.

    wochen- / monatelang – auch ind er post-titz-ära – wurde von seiten der HSV-verantwortlichen bemängelt, dass sich die gegner nur hinten hereinstellen und nicht wirklich am spiel teilnehmen würden. es wäre ja viel einfacher, wenn es räume gäbe, wenn die kontraheneten mal ihre eigene spielhälfte verließen…! die rückrunde zeigt exakt das gegenteil. sobald sich die konkurrenz mutig(er) präsentiert zeigen sich die eklatanten spielerischen schwächen im spielaufbau. der „große HSV“ verliert mehr und mehr an gewicht, respektive der tiefe respekt schwindet selbst bei (unter-)durchschnittlichen teams der besten 2. liga aller zeiten…!

    mehr und mehr kommt es nun also auf individuelle klasse an, die beim HSV einfach nicht (dauerhaft) vorhanden ist. oder aber es bedarf mannschaftstaktischer lösungen, die der trainer seit beginn seiner amtszeit nur selten präsentierte. hier bin ich ein wenig erschrocken, denn HWvierus kann seinen wirklich klugen taktischen analysen bei der WM2018 keien taten folgen lassen. im nachhinein ist man immer schlauer, aber suspekt war mir schon beim amtsantritt, dass der titz-nachfolger „kaum etwas ändern“ wolle. die trainingsunintensiven zeiten setzten den seltsamen trend fort, wobei vor allem und immer wieder auffällt, dass die sogenannten leistungsträger so dermaßen häufig belastungssteuern, dass es wohl gar nicht möglich ist, an abläufen mit eben diesem personal zu arbeiten…?!

    erstaunlich ist die halbwertzeit des HSV-selbstbewusstseins in diesen tagen. die großkotzigkeit der spieler („am ende stehen wir oben“ – hunt) und des journalstischen umfeldes sind der eindeutige indikator für den abwärtstrend. die geschmeichelte tabellenführung, die über wochen ja auch nur daherrührte, dass der „eff-zeh“ ein spiel weniger ausgetragen hatte, hat wieder einmal vielen fans und sympathisanten die sinne vernebelt. es ging – und das tut es imemr noch – nur um das duell mit köln. es ging nur darum, ob man als meister oder als vizemeister aufsteigt. die rathausbalkon-debatte wurde ja mitnichten nur vom bürgermeister thematsiert: „beim weihnachtsmarkt auf dem rathausmarkt habe ich schonmal nach oben geschaut“, wusste holtby in der winterpause zu berichten.

    auch jetzt wirft natürlich das stadtderby seine schatten voraus, aber ich höre seit dem glückssieg gegen das glücksklee nur noch, dass man vom FCSP wege der vier punkte vorsprung nicht eingeholt werden könne, aber der direkte verfolger aus berlin wird sich eisern dagegen zu wehren wisssen, nach den verbleibenden spielen hinter dem HSV aufzuschlagen – alleine schon, weil das direkte duell an der alten försterei im april wohl eine vorentscheidung bringen wird…?! btw: wer glaubt allen ernstes, dass der HSV beide spiele in paderborn für sich entscheiden wird…?!

    so oder so ist die zukunft des HSV beschrieben, denn auch die zweite riesige chance in diesem jahrtausend hat der HSV verpasst. nach der ausgliederung wurde weiter wild gewurschtelt, obwohl man hätte einen echten neuanfang starten können. und auch der abstieg bot immer ein szenario, das man hätte nutzen können, alte zöpfe endlich abzuschneiden und sich einer (neuen) identität zu entsinnen und selbiger konsequent zu folgen.

    ehrlich gesagt und nüchtern betrachtet wurde es noch einmal schlimmer. der #buddyismus ist ausgeprägter als je zuvor. der klüngel und die lügen der verantwortlichen werden immer dreister und abartiger. die schuldenuhr tickt schneller und lauter als es die „dino-uhr“ jemals tat. die entscheidungen im sportlichen wie wirtschaftlichen bereich werden immer absurder. und das schlimmste: die häßlichen fratzen des abstiegs turnen noch immer – oder nächste saison wieder – für unsummen im volkspark herum.

    und das allerschlimmste: die zukunft wurde bereits verkauft – und zwar personell wie finanziell. die sportlichen hoffnungsträger, auf die man sich seit monaten im sportlichen bereich beruft, finden nicht statt. sie bekommen nicht einmal einsatzzeiten. der „campus“ (NLZ) kostet und kostet und kostet, aber kostic schießt die tore nun für frankfurt. die hochgepriesenen HSV-talente und „juwelen“ sind maximal als füllmaterial im kader, finden auf dem grünen rasen aber nicht statt. in der startelf spielen und spielten – auch in der erfolgreichsten phase vor der winterpause – keine nachwuchsspieler aus den eigenen reihen. die jungen „stars“, die für den HSV in der 2. liga auflaufen, sind (aus)geliehen und/oder nicht beim HSV groß bzw. ausgebildet geworden. und die wenigen hoffnungsträger werden von den millionarios ausgebremst, weil der trainer keinen mut hat, sie spielen zu lassen – vermutlich auf ansage von oben…! dass ein hwang so häufig in der startelf stand, hat natüüürlich nichts mit dem vertrag zu tun, dass er günstiger bei x-startelfeinsätzen für den HSV ist…?!

    letztendlich ist es egal, ob aufstieg oder nicht. letztendlich ist es egal, ob insolvenz oder nicht. letztendlich hat #nurderHSV keine zukunft…! und das unterscheidet den „ex-dino“ vom (tatsächlich) großen BVB, dem man ja von der schippe springen zu kopieren versucht…!

    p.s. seit der „wahl“ von marcell jansen geht es bergab. #karmaisapitch

    p.p.s. die alle(z)gorie des pulvermannsgrabs gefällt mir, hätte aber von mir kommen müssen…!

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  2. 1887Breisgau1887Breisgau

    Es ist die Mannschaft und deren „Hierarchie“. Man hätte sich konsequent von den Gesichtern des langsamen Abstiegs trennen müssen nach der Saison. Vermutlich norden die Kapitäne (Sakai, Holtby, Hunt) und PML10Maschine als sogenannte Führungsspieler die jüngeren gerne auf ihre Linie ein. #wohlfühloase…..

    Wolf ist klar, dass nur der Aufstieg hier in HH zählt, womöglich ist dies der Grund, dass er keinen Umbruch im Team einleitet.

    Ich persönlich hätte kein Problem mit noch einem Jahr zweite Liga und dem Aufbau einer neuen Mannschaft. Das diese nicht nur aus jüngeren bestehen muss, zeigt immer wieder der SC Freiburg (welcher wohl eher als Beispiel dienes sollte…). Ich bin kein Fan von Christian Streich, aber was hier jedes Jahr geleistet wird, nötigt einem schon Respekt ab.

    Dort werden Spieler ala Jung oder RvD allerdings auch nicht ständig die Fähigkeit abgesprochen in der BL zu spielen. Typisch hier auch, einem 19/20jährigen schon jede weitere Entwicklungsmöglichkeit abzusprechen.

    Aber wir sind ja der „große“ HSV….

    Wir sind in der zweiten Liga! Da gehör(t)en wir seit Jahren auch schon hin.

    Und warum ich den HSV immer noch schaue…..tja…..weil mein Sohn es will :))))

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  3. GVGV

    Blog wie Kommentare sind sehr treffend.
    Erstaunlich scheint mir, dass gerade die Abstiegsgesichter und „Führungsspieler“ wenig gesteigertes Engagement zeigen wieder aufzusteigen. Das würde immerhin selbst ihren Marktwert wieder erhöhen helfen.
    Aber wahrscheinlich können sie nie mehr irgendwo so fett einsacken wie beim HSV, egal in welcher Liga…
    Die nächste Chance zu einer Erneuerung wird mutmaßlich viel weiter unten stattfinden können und damit womöglich weitaus größere Erfolgsaussichten haben.

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