David gegen Goliath

3:0 gewonnen. Es war ein historischer Sieg und ein Auftakt nach Maß für die Kieler Störche. David bezwingt den Goliath in dessen eigenem Wohnzimmer.

Am Tag danach, großer Andrang beim Auslaufen der Kieler.

20 Kiebitze, zwei TV-Kamera-Teams, ein Hörfunkreporter und zwei Print-Journalisten – ein derartiges Interesse herrschte nach einem Pflichtspiel schon lange nicht mehr im Storchennest.

Größenordnungen über die man beim großen HSV nur schmunzeln kann.

Von Euphorie in Kiel keine Spur. Man konzentriert sich auf das Tagesgeschäft und gibt sich am Tag danach geerdet und fokussiert.

Die Stimmen:

Jae-Song Lee: Es freut mich, dass ich heute in der Startelf stehen durfte. Wir haben umgesetzt, was der Trainer von uns sehen wollte. Das Gegenpressing und der Ballbesitz waren die Schlüssel zum Erfolg. Das Volksparkstadion ist eine traumhafte Arena, und ich möchte noch in vielen solch schönen Stadien spielen, auch wenn sie vielleicht etwas kleiner sind. Mein Traum ist, mit Kiel in die Bundesliga aufzusteigen. Die Mannschaft hat das Potenzial dafür.

Johannes Van den Bergh: Beim ersten Spiel weiß man eigentlich gar nicht, wo man steht. Aber wir haben Mut bewiesen und sind dafür auch belohnt worden. Am Anfang war es ein offenes Spiel, aber am Ende war der Sieg hochverdient, weil wir Hamburg höher gepresst, unsere Fehler abgestellt und den Ballbesitz konsequent genutzt haben.

Alexander Mühling: Am Ende haben wir den HSV eiskalt ausgekontert. In der ersten Halbzeit haben sich beide Mannschaften schwer getan, aber nach dem Wechsel haben wir nicht mehr viel zugelassen, stark gekontert und die Chancen genutzt.

Kenneth Kronholm: Das war richtig gut von uns. Von der Chancenverwertung her haben wir es heute überragend gemacht. Aber jetzt geht’s richtig los in der Zweiten Liga, und wir müssen noch viel arbeiten. Dieser Hexenkessel hier war Motivation pur für uns.

Hauke Wahl: Am Anfang haben wir’s nicht so spielen können, wie wir wollten. Danach sind wir mehr auf die zweiten Bälle gegangen. Und in der zweiten Halbzeit haben wir noch das Pressing optimiert.

Jonas Meffert: Wir haben daran geglaubt, dass wir umsetzen können, was der Trainer sehen will. Und nach dem ersten Tor haben wir einfach weitergespielt, den Druck hochgehalten, und standen defensiv gut. Beim meinem Tor hat der Ball genau die Flugbahn genommen, die ich ihm geben wollte. Wir hatten Mut, und der wurde belohnt.

David Kinsombi: In der zweiten Halbzeit war es ein offener Schlagabtausch, und wir haben auch das Quäntchen mehr Glück gehabt.

Trainer Tim Walter blickte bereits unmittelbar nach dem Spiel voraus und freut sich auf den ‚Start‘ der 2. Liga am kommenden Sonntag, was dann doch zeigt, dass Spiele gegen den HSV etwas Anderes, etwas Besonderes sind:

„Die Leistung der Jungs in der zweiten Halbzeit bei diesen Temperaturen war grandios. Aber die Zweite Liga beginnt jetzt erst am kommenden Sonntag mit dem Heimspiel gegen Heidenheim.“​

Während beim kleinen David in Kiel die Welt in Ordnung ist und alles trotz diverser Personalwechsel seinen gewohnt unaufgeregt Gang geht, hängt der Haussegen in Hamburg zumindest im Umfeld und bei Teilen der Presse bereits wieder schief. Am kommenden Wochenende steht der HSV bereits massiv unter Druck und mit ihm auch Trainer Christian Titz, der kleinlaut zugeben musste:

„Ich gebe zu, dass ich gedacht habe, dass wir vor allem mit dem Ball eine andere Stärke zeigen.“

Nicht unbedingt ein ermutigendes Zeichen, wenn der Cheftrainer, das Spielvermögen seiner Mannen so fehl einschätzt.

Der nächste David, der SV Sandhausen, der wird das auszunutzen versuchen.

Denis Linsmayer zum Beispiel blickte nach der Niederlage in Fürth für die Sandhausener bereits nach vorn:

Wir hatten gute Kontermöglichkeiten, die wir leider schlecht ausgespielt haben. Da hätten wir das 2:0 machen müssen. Das gilt es jetzt schnellstmöglich aufzuarbeiten, damit wir in der nächsten Woche den ersten Dreier der Saison gegen den HSV einfahren.

Wer glaubt(e) , die Gegner würden sich gegen den HSV ehrfürchtig hinten rein stellen und versuchen, sich ein Unentschieden zu er mauern, mit Kratzen, Beissen und Spucken…

… weit gefehlt, wie nicht nur das Auftaktspiel bereits zeigte. Nein, man will gewinnen gegen diesen HSV, auch in Sandhausen, Aue, Magdeburg oder wo auch immer.

Von verschiedener Seite wurde zwar immer wieder darauf hingewiesen, dass die 2. Liga kein Selbstgänger ist und viele Fans und Spieler haben dies auch dann pflichtschuldig nachgeplappert. Was das aber wirklich bedeutet, das hat kaum jemand wirklich begriffen und verinnerlicht. Da nehme ich mich ausdrücklich nicht aus.

Es wird 32 Mal David gegen Goliath heißen in dieser Saison und dabei muss die junge HSV Truppe muss über ihre Leistungsgrenze hinweggehen, in jedem Spiel, um in dieser Liga zu bestehen.

Die Auftakt Niederlage sollte ein Weckruf zur rechten Zeit sein!

7 Kommentare

  1. ky

    Schöne und zutreffende Blogs, HL.
    Noch schöner, wenn Du jetzt wieder etwas regelmässiger schreibst, Themen gibt es ja genug 🙂
    Würde dann hoffentlich auch wieder die Frequenz der „user“ erhöhen, denn nachwievor hast Du den einzig kompetenten Blog rund um den HSV.

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  2. bopsi

    Ich bin ja nun wirklich einer, der diesen HSV NICHT aufsteigen sieht, der an diesen Trainer nicht glaubt, der vom Sportdirektor noch weniger hält und den VV nicht minder verachtet als den Totengräber Beiersdorfer höchstpersönlich.
    Man scheint in Hamburg nicht begriffen zu haben, dass der Abstieg kein locker wieder zu reparierender Betriebsunfall ist, sondern die logische Konsequenz von jahrelanger hundsmiserabler Arbeit auf allen Ebenen des HSV! Anstatt den Kader soweit wie möglich neu zu gestalten, gab man den Abstiegsversagern und Topverdienern neue Verträge. Verträge übrigens, die sie aktuell bei keinem anderen Club bekommen hätten, siehe z.B. auch Lasogga, Kostic, Ekdal, etc.
    Selbstverständlich werde ich in Sandhausen nicht live Vorort sein, kann als Sky-Kündiger das Spiel auch nicht sehen, aber ich werde mich nicht wundern, wenn Sandhausen den HSV bereits nach 2 Spieltagen in den Untiefen der 2. Liga versenken würde.
    Ich bin sehr gespannt, wie lange sich Hoffmann das ansehen wird, für seine Geduld war er nie bekannt, schließlich muss er doch mit einem Sportdirektor und einem Trainer in diese Saison gehen, die er beide eigentlich gar nicht will.
    Es ist schon tragisch, wenn ausgerechnet Hunke nun ein Interview gibt, in dem er alles, aber wirklich alles richtig sieht, aber selbst doch eigentlich nie danach gehandelt hat. Der HSV ist und bleibt ein Opfer seines ahnungslosen, sich selbstbedienenden Personals, das von speichelleckenden Medien und treudoofen Fans in unfassbarer Mehrheit gestützt wird.
    Die kleine Chance Abstieg, wurde bereits verspielt. Hoffmann riskiert finanziell alles, er wird wieder verlieren, naja, er persönlich nicht, der HSV wird wieder verlieren, doch dieses Mal evtl. endgültig.

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  3. PaderbornerPaderborner

    Mein normaler HSV-Spieltag:

    1. In der Sport 1 app nach dem HSV ergebniss schauen
    2. Kopfschuetteln
    3. Die 80er verfluchen
    4. Aergern das man nicht einfach RB-Leipzig fan werden kann
    5. Im internet nach gleichgesinnten HSVern suchen
    6. Auf Beiersdorfer, Hoffmann, Jarchow schimpfen
    7. Repeat nach etwa 7 tagen –> siehe 1.

    Ein Teufelskreis und scheinbar Liga unabhaengig 😉

    Nur der HSV!

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  4. CalaveraCalavera

    Ein ebenso wiederkehrendes Phänomen ist die Welle der Häme bzw. Schadenfreude, die dem HSV entgegenschlägt, wobei diese in den letzten Jahren bereits abebbte und durch Fremdschämen oder genervte Zurkenntnisnahme ersetzt wurde. Und dennoch gibt es nach wie vor Fans, die sich entgeistert fragen: warum denn immer mein HSV? Jahrelang lag die Antwort auf der Hand: es lag selbstverständlich am Neid. Die ewige Bundesligazugehörigkeit des HSV war Fußballdeutschland ein Dorn im Auge, auch oder besonders den Fans des FC Bayern München, die sonst fast jeden Rekord für ihren Klub beanspruchen können, aber diesen einen eben nicht. Haters gonna hate. Und wenn man dem Abstieg mal wieder in letzter Sekunde von der Schippe springen konnte, wusste man dies anschließend in gewohnt souveräner und sympathischer Manier mitzuteilen. Beispiele?

    https://goo.gl/images/lO6Qxh

    https://goo.gl/images/AETk5w

    Als während der Sommervorbereitung vom FC Bayern München (drunter geht es offenbar nicht) der zweiten Liga geschrieben wurde, ließ man dies bis auf einige Pseudo-Einschränkungen auch erst einmal so stehen oder befeuerte diesen irrsinnigen Vergleich sogar (siehe Lewis Holtby). Soviel also zur Einsicht durch den Abstieg und zum Selbstverständnis des „neuen HSV“. Nachdem man sich zum Zweitligaauftakt gegen Kiel bis auf die Knochen blamierte und dies selbstverständlich auch ein mediales Echo in Artikeln oder auf Fanportalen nach sich zog, wird sich so mancher HSV-Fan wieder entgeistert fragen: warum denn immer mein HSV? Scheinbar bekommt wirklich jeder Verein die Fans, die er verdient und umgekehrt.

    Diese Mischung aus Großkotzigkeit, Ignoranz und verfehltem Lerneffekt sollte schleunigst nachträglich im Leitbild des HSV verankert werden, denn nichts beschreibt den Dauerzustand der letzten Jahre ligaunabhängig so sehr wie o.g. Punkte und sie werden synchron vom Verein wie auch großen Teilen seiner Anhänger gelebt. Einen Punkt habe ich allerdings noch vergessen: die Anspruchslosigkeit. Wenn nach dem saft- und kraftlosen Kiel-Debakel noch lustige Aufmunterungszettel am Trainingsplatz ausgehängt werden, verdeutlicht dies eben auch eine Konstante der letzten Jahre: man gibt sich mit allem zufrieden und versucht die Situation gesundzubeten. Bis irgendwann der Rubikon überschritten ist – dann hängen keine Aufmunterungszettel mehr aus, sondern es werden wieder Kreuze in den Boden gehämmert. Weder das Eine noch das Andere hat auch nur im entferntesten etwas mit gesundem Anspruchsdenken zu tun.

    Vielmehr führen diese Botschaften zum Stillstand und damit zum Rückschritt. Irgendwie so gar nicht Bayern like…

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    1. ky

      Uli Hoeness hätte diese Truppe am Sonntag um 7.00h morgens zu sich an den Tegernsee zitiert, 10 Minuten eine Strafpredigt gehalten und dann hätte die Mannschaft zu Fuß in die Säbener Strasse laufen dürfen; der letzte Ankommende hätte 10.000 Euro in die Mannschaftskasse zahlen dürfen, der Vorletzte 9.000 usw.

      Die hätten sich danach geschworen, dass das nie wieder passieren darf.
      So viel zum Thema Leistungskultur.

      Ich war schon bedient, als „Hamburg, meine Perle“ von Pape intoniert wurde, und die IQ-Tiefflieger alle den alten Text mitsangen. Es geht eben nicht mehr um Dortmund, Schalke, Bremen, Bayern, sondern um Aue, Sandhausen, Heidenheim, etc.

      Diese „Fans“ sind echt Teil des Problems, und die dumpfbackigen Mitglieder auf den MVs auch. RB macht es richtig – 9 Mitglieder 🙂

  5. GVGV

    Ob Tabellenführer St.Pauli das Derby demnächst auch als „David vs. Goliath“ empfinden wird?

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  6. ky

    Keine Lust mehr, HL? Oder Dringenderes/Wichtigeres in Familie etc.?
    Ich hoffe, es geht Dir gut.
    GLG, ky

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