Der HSV und der moralisch leichtfertige Verkehr mit dem Boulevard

Als der Schauspieler Curd Jürgens mal gefragt wurde, ob es ihm nichts ausmacht, dass in der Presse über sein turbulentes Privatleben stets ausführlich berichtet wird, antwortete er, dass es ihm völlig egal wäre, Hauptsache der Name ist richtig geschrieben.

Gerade in der Unterhaltungsbranche ist es wichtig, sich immer wieder in Abständen mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen – seien sie noch so belanglos – ins Gespräch zu bringen. Unabhängig ob es sich um gestandene Showgrößen handelt oder x-beliebige C-Prominenz, Mitläufer, Trittbrettfahrer etc. Das Geschäft des Boulevard ist gnadenlos. Wer sich nicht jeden Tag neu orientiert, ist schnell weg vom Fenster. Der vorgegebene Zeitgeist gibt den Takt vor. Wer sich nicht an bestimmte Vorgaben hält, darf sich nicht wundern, wenn er keine einigermaßen seriöse Anfragen/Aufträge/Anstellungen mehr erhält. Gefallene Stars und/oder diejenigen, die dazu auserkoren werden, landen oft in den tiefsten Abgründen von Realityshows. Nur wenige sind wirklich (finanziell) so unabhängig, dass sie es sich erlauben/leisten können, aus dem Mainstream auszuscheren.

Auch der Fußball-Boulevard kann mit ähnlichen Strukturen aufwarten. Das Internet und die Sozialen Medien haben in den letzten Jahren dieser Thematik eine noch intensivere Aufmerksamkeit verschafft. Natürlich darf der HSV auch da keine Ausnahme bilden und war in den letzten Jahren, neben der sportlichen und wirtschaftlichen Misere, auch in dieser Kategorie exzellent in den Medien vertreten. Mit dem jungen niederländischen Ex-Glamourpaar Sylvie und Rafael van der Vaart sollte eine bis heute anhaltende Seifenoper die Schlagzeilen auch über die Grenzen Hamburgs hinaus füllen. Der Boulevard und die Fußballjournaille bauten ihre „Beckhams von der Elbe“ auf. Da passte es gut ins BILD, dass bei der Rückkehr des blonden Engels auch die Ehefrau des Gönners Klaus-Michael Kühne ihren Wunsch bekräftigte, ihre Kaffeefreundin Sylvie wieder in die Arme  schließen zu können. Der sportliche Effekt bei seiner Rückkehr tendierte gleich Null, dafür überschlugen sich die privaten Ereignisse wöchentlich. Ehekrach, Trennung, Zickenkrieg (Boulahrouz), Gewaltvorwürfe, Scheidung, Affären – das komplette Programm eines niederen Unterhaltungsformates.

Im Windschatten dieses öffentlich ausgetragenen Rosenkriegs, profilierte sich das Ehepaar Dana und Dennis Diekmeier. Sie präsentierten sich als volksnahe, stets anwachsende Großfamilie, die ihren Tagesablauf in den Sozialen Medien mit ihren „Followern“ teilen. Familienfotos, Einkaufsbummel, Schwangerschaft, Taufe, Tattoos, Urlaub, Reisen, Feiertage – keine Privatsphäre konnte öffentlicher sein, um ihre „Fans“ auf dem Laufenden zu halten. Der Hamburger Boulevard nahm diese Form der Öffentlichkeitsarbeit dankend an und baute Dennis Diekmeier, unabhängig von seinen sportlichen Qualitäten, als Fanliebling auf. Trotz einer sehr durchschaubaren Medienkampagne (angebliche Angebote anderer Vereine), die es ermöglichen sollte, dass der HSV mit Diekmeier noch einmal verlängert, blieb der Verein standhaft. Zwar sind die Diekmeiers weiterhin Gesprächsthema in der Hansestadt, aber dem Boulevard fehlt der aktuelle Bezug und die Nähe zum HSV.

Mit den Lasoggas ist nun die nächste eng verknüpfte Zusammenarbeit eines HSV-Spielers mit dem Boulevard erfolgt. Ein Jahr begleitete die BILD die Großfamilie. Eine Fußball-Daily-Soap. Eine Steigerungsform zu der bisherigen Berichterstattung. Es wird der Beginn einer Kampagne sein, die den Zweck erfüllen soll, Einfluss auf die kommenden Vertragsverhandlungen zu nehmen. Die „Fans“ werden ein wichtiger Faktor sein und dementsprechend mobilisiert. Die Entlassung von Christian Titz kam Lasogga schon mal sehr gelegen. Mit jedem erzielten Tor wird der HSV unter Druck gesetzt, um mit ihm zu verlängern. Natürlich zu einem angemessenen Gehalt. Die Unterstützung von vielen jungen Menschen aus der Nordkurve wird ihm gewiss sein. Eine kalkulierte Geschichte, die in den nächsten Monaten in eine sehr tendenziöse Richtung gehen wird…

Eine kurze Anmerkung noch zu den „Feuerteufeln von Wehen“:

Ich hoffe, dass der Verein endlich durchgreift und diese Pyromanen ausfindig macht. Videos auswerten, die Personen identifizieren und dass es endlich Konsequenzen für diese Unbelehrbaren hat.

Aber auch die Spieler müssen mal ein Zeichen setzen. Diese hätten nach dem Schlusspfiff schnurstracks in die Kabine gehen sollen. Stattdessen hüpften sie fröhlich und ausgiebig vor denen, die dafür verantwortlich waren, dass das Spiel kurz vor einem Abbruch stand. Und van Drongelen holt sich vom „Capo“ das Megaphon ab, der zuvor noch auf dem Zaun den Pyro-Wahnsinn verbal befeuerte. Es ist schon erstaunlich, dass der HSV noch keine Kurven- bzw. Stadionsperre erhalten hat. Man tanzt weiterhin fröhlich den Leuten auf der Nase rum und das einzige was der HSV befürchten muss, ist wieder einmal eine hohe Geldstrafe.

Fazit: Der Profifußball und der Boulevard sind eine nicht mehr wegzudenkende Symbiose, in welcher der HSV zu einer Unterhaltungshure der Fußballjournaille verkommen ist…

10 Kommentare

  1. Karl-Heinz GrabowskiKarl-Heinz Grabowski

    Wenn der HSV die Unterhaltungshure des Fussballs geworden ist, was sind dann Vereine wie der FC Hollywood schon seit Jahrzehnten? Die Frage wäre eher, was der HSV dafür kann und ob es optional zu unterbinden wäre? Denke eher nicht, daß bei Vertragsabschluss – Mr. Diddi schon gar nicht – daran dachte vertraglich abzusichern, daß Spieler des Vereins nicht in Realdoku-Soaps auftreten dürfen. Ob diese „Unterhaltung“ den Lasoggas eher schadet oder nützt ist die zweite Frage. Das Ex Spieler des FC Bayern mit Ihren Realdokusoaps davon profitierten wage ich zu bewzeifeln. Diese bleiben doch bei den Herrn Effenberg und Matthäus eher als peinliche Auftritte in Erinnerung.

    Antworten
    1. Prof. VitzliputzliProf. Vitzliputzli (Beitrag Autor)

      Ich denke, dass in diesem Ausmaße derartige Verhaltensweisen früher nicht in die Öffentlichkeit getragen worden sind wie heute. Das ist zweifellos dem Internetzeitalter geschuldet. Der Hinweis zu den „Personality-Shows“ von Lothar Matthäus und Stefan Effenberg ist aus meiner Sicht nur bedingt richtig, unabhängig von der Beurteilung dieser „Sendungen“, die ich ebenso als peinlich empfinde. Die Aufnahme und die Ausstrahlung erfolgten nicht zu ihrer aktiven Zeit als Spieler. Natürlich waren/sind beide alles andere als öffentlichkeitsscheu und trugen mit ihren Eskapaden dazu bei, dass der Boulevard ein ständiger Begleiter wurde.

      Was wir jetzt aber erleben ist eine offensiv angelegte Medienkampagne für eine bestimmte Zielgruppe, die die Abläufe des Arbeitgebers von Pierre Michelle Lasogga (in-)direkt beeinflussen und unter Druck setzen sollen.

      Ich kann mich dieser Art von Unterhaltung entziehen. Mich spricht es einfach nicht an. Was ich zum Ausdruck bringen möchte und mich enorm stört ist, dass der HSV seit vielen Jahren ein Sammelort für Abzocker, Aussortierte und Verlierer ist und dieses Image mit solchen tolerierten (?) Werbeauftritten, denn nichts anderes ist es, verfestigt und für die wieder herbeigesehnte Seriosität im Verein nicht förderlich ist…

  2. HeLuechtHeLuecht

    In der Tat stellt sich die Frage, ob und wieviel der HSV dafür kann, wenn der Boulevard Homestories mit Spielern des Vereins bringt und ausschlachten.

    Hier prostituieren sich in erster Linie doch die Spieler und deren Familien.

    Dass mit der Lasogga Soap Druck aufgebaut wird in Richtung Vertragsverlängerung, ist mMn nixht von der Hand zu weisen. Schon Jurek Rohr erg begann mit dieser Kampagne.

    Bleibt letztlich zu hoffen, dass der HSV diesem Druck nicht nachgibt. Wie das gehen kann, haben die derzeit Verantwortlichen bei der U populären Entlassung von Christian Titz ja immerhin bewiesen.

    Antworten
  3. slobocop plusslobocop plus

    so weit es mir bekannt ist, wollte becker mit PML doch bereits weit vor saisonbeginn verlängern, um gehaltskosten für diese saison einzusparen. zumindest geisterte diese meldung einige zeit durch die presse. es hätte auch durchaus sinn gemacht, PML einen neuen vertrag zu reduzierten bezügen anzubieten, denn sein gehalt wird ja dank der damalig agierenden, völlig umnachteten exzellenzen (war es kreuzer?) auch in liga 2 in voller höhe ohne jegliche einbußen gezahlt. offenbar konnte oder wollte man sich aber nicht einigen. dass PML wohl bei keinem anderen verein einen annähernd gut dotierten vertrag erhalten wird wie jetzt beim HSV, selbst wenn er 20 plus tore in liga 2 macht, sollte sowohl ihm als auch seiner mama klar sein. ansonsten hätte man ihn sicherlich längst verkauft. wenn er (oder besser mama) nicht zu einbußen bereit sind, dann ist er halt zum saisonende weg. sollen sie halt pokern. ich kann aber nun beim besten willen nicht nachvollziehen, was die doku soap der BILD damit zu tun hat, mein lieber prof. da von einer kampagne zu reden, die das ziel hat, dass becker den wahrscheinlich völlig unrealistischen forderungen der lasoggas nachgibt, ist mir ein wenig zu viel verschwörungstheorie. und selbst wenn es so wäre, würde becker sich darauf nicht einlassen, denn er hat jetzt absolut nichts mehr davon. PML kostet uns diese saison, was er kostet. dass PML (oder besser mama) versucht, das beste für sich rauszuholen, ist legitim und hat ja schon mal funktioniert, aber ich glaube nicht, dass die BILD (oder der boulevard generell) da irgendeinen einfluss drauf hat. mausi diekmeier ist das beste beispiel.

    Antworten
    1. WORTSPIELERWORTSPIELER

      hier vermag ich eine durchaus naive sichtweise herauszulesen. was öffentlicher druck im fußball bewirken kann, ist doch auch dir in den letzten 10-15 jahren nicht verboregn blieben. dass die medien – insbesondere die BILD – dann als katalysator respektive beschleuniger und v.a. verschärfer fungieren, wurde häufig genug bewiesen.

      becker mag sich bis dato auch souveräner als seine vorgänger präsentieren, wird aber in entscheidenden fragen nicht am volk(spark) vorbeidirigieren können.

      wenn du nun behauptest, dass die dokusoap nun nur aus „spaß an der freud'“ gemacht wurde, dann unterschätzt du kerstin lasogga gewaltig – und die BILD. beide wissen wie es geht. stichwort: aufmerksamkeit. stichwort: money rulez the world.

      und dann gibnt es einige unentwegte HSV-hüpfer, die diesem treiben sehr, sehr aufgeschlossen gegenüberstehen, ohne dass sie merken, dass sie die schwungmasse in diesen prozessen sind und als druckmittel gegenüber der vereinsführung dienen.

      dass darüber hinaus (stichwort: geben & nehmen) die berichterstattung gegenüber einem so verdienten *sic* spieler – oder müsste ich verdienenden schreiben (?) manipuliert wird, ergibt sich von selbst.

      oder glaubst du ernsthaft, dass lasogga nach 3-4 spielen ohne eigenen treffer sofort angezählt würde…?

  4. slobocop plusslobocop plus

    zusatz: dass der boulevard keinen einfluss auf vertragsverhandlungen hat, setzt natürlich immer voraus, dass seitens des HSV fähige und kompetente leute derartige verhandlungen führen. dies war in den letzten acht bis zehn jahren leider so gut wie nie der fall. bei becker besteht nun zumindest die hoffnung, dass er kein grüßaugust ist, da er jüngst zwei unpopuläre, aber völlig richtige entscheidungen traf (peters und titz weg). was seine kaderplanung in der IV und seine verlängerungen mit holtby, sakai und hunt angeht, so ist dies eine andere sache und kritik dafür ist mehr als berechtigt. aber die BILD geht becker völlig am arsch vorbei. da bin ich sicher.

    Antworten
  5. Prof. VitzliputzliProf. Vitzliputzli (Beitrag Autor)

    Ergänzend zu meinem Blog, ein Auszug aus einer Diplomarbeit aus dem Jahre 2006:

    „Externe Einflüsse auf das Austauschverhältnis zwischen Profifußballern und ihren Vereinen: Probleme und institutionelle Lösungen im deutschen Profifußball „ .

    4.2.2. Die Medien

    Mit dem Markteintritt des Privatfernsehens 1988/89 begann nicht nur der ökonomische Aufstieg des deutschen Profifußballs, auch die Kommerzialisierung und Inszenierung des Produkts „Profifußball“ nahm ihren Anfang (ZIEBS 2002: S. 62). Auch die Änderung des Stils der Berichterstattung der Printmedien von kritischen Analysen und Fachberichten hin zu Klatsch und Tratsch kann ebenfalls an diesem Datum festgemacht werden (MRAZEK 2005: S. 180). Seitdem ist eine kontinuierliche Programmausdehnung, die dem Fußball gewidmet ist zu verzeichnen, der Trend geht dabei hin zu einer zunehmenden Emotionalisierung, Personalisierung und Boulevardisierung (ZIEBS: 2002: S. 64). Medienvertreter sind mittlerweile permanente Begleiter von Fußballvereinen und Spielern und können dementsprechend in einigen Punkten großen Einfluss auf die internen Strukturen ausüben, was im Folgenden (analog zum Vorgehen bei der Analyse der Einflüsse der Spielerberater) genauer überprüft werden soll. Der Medienbegriff wird dabei in einem weiteren Sinn verstanden und umfasst sowohl TV-und Printmedien:

    4.2.2.3. Medien und versteckte Absichten

    Für die Drohkulisse eines beabsichtigten Vereinswechsels bei der erpresserischen Forderung eines Spielers nach einer vertraglichen Nachverhandlung können die Medien in verschiedener Hinsicht eine Rolle spielen. Sie können das Vehikel von strategisch lancierten Pro-forma-Angeboten darstellen und so vorhandene Informationsasymmetrien zugunsten eines Spielers verschärfen, oder durch Recherchen und Konsultation von Kontakten Anbahnungen von Verhandlungen oder Interessensbekundungen anderer Vereine öffentlich machen und damit aus Sicht der Vereine Informationsasymmetrien abbauen. Als eine bewährte Strategie der ökologischen Kontrolle seitens Spieler, die darin besteht, Personen indirekt über Manipulation ihrer Umwelt zu beeinflussen (vgl. SAAM 2002: S. 157) gilt die öffentliche Ankündigung, über einen Vereinswechsel nachzudenken. Vor allem sehr populäre Spieler können damit die Fans mobilisieren, die sich für den Verbleib des Spielers aussprechen und somit die Vereinsführung unter Druck setzen, bei den Vertragsverhandlungen bis an die finanzielle „Schmerzgrenze“ gehen zu müssen.

    http://www.zhb.tu-dortmund.de/wilkesmann/fussball/_publi/Michael_Hintennach.pdf

    Antworten
    1. GVGV

      In diesem Zusammenhang ist der Niedergang des HSV seit dem Ende der Achtziger nicht zufällig synchron vonstatten gegangen.
      Dem oberflächlichen Reiz des Boulevards erlegen und „zur Unterhaltungshure der Fußballjournaille verkommen“ – selbsterklärend.

  6. bopsi

    Ich halte die Soap mit Lasogga für fürchterlich und völlig sinnentleert.
    Aus Sicht von Mama Lasogga ist es ein Geniestreich, denn es wird ihren völlig in Vergessenheit geratenen Sohn ins Rampenlicht zurückführen und für die blinden Hüpfer etwas ganz Großartiges sein, wenn sie am Leben der Lasoggas teilnehmen dürfen.
    Mama Lasogga hat bereits bewiesen, dass sie viel mehr drauf hat als sehr viele ihrer männlichen Kollegen.

    Antworten
  7. GVGV

    „der HSV zu einer Unterhaltungshure der Fußballjournaille verkommen“
    Sehr schön !!

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.