Der Nachwuchs im Fokus – Teil I: Platzierungen der U-Teams als Erfolgsnachweis?

Erfolg in der Nachwuchsarbeit, was ist das?

Woran lässt sich der Erfolg oder Mißerfolg vereinseigener Nachwuchsarbeit messen? Müssen die Nachwuchsteams dafür Deutsche Meisterschaften oder Pokalsiege einfahren, zumindest aber Landespokalsiege oder Staffelmeisterschaften? Müssen die im eigenen Verein ausgebildeten Spieler ebendort zu Nationalspielern in ihren jeweiligen Jahrgängen reifen oder besser noch gleich in der A-Nationalmannschaft? Und wie viele Spieler pro Jahrgang müssen es sein, die den Sprung zu den Profis und in die 1. Bundesliga (jetzt ja 2. Bundesliga) schaffen, damit von erfolgreicher Arbeit gesprochen werden kann?

All das ist nicht leicht zu beantworten und hängt ganz sicher auch von der formulierten Zielsetzung des Vereins ab.

Beim Hamburger SV unter Bernhard Peters wurde postuliert, dass das Abschneiden der Teams in den jeweiligen Ligen eher sekundär ist. Primär sollte es vielmeehr um die individuelle Weiterentwicklung der Talente und das sukzessive Heranführen an den Herrenfußball und die Erhöhung der Durchlässigkeit zu den Profis sein. Ziel sei es (gewesen) so viele Spieler wie möglich in den bezahlten Fußball zu bringen ( 1. – 3. Liga) im eigenen oder in anderen Vereinen. Eine Zielvorgabe, wie viele Spieler pro Jahr in den Profikader gelangen sollten gab es nicht.

Beim FC St. Pauli formuliert NLZ Leiter Roger Stilz das schon ein wenig präziser. Er spricht von durchschnittlich 1-2 Spielern pro Saison, die man zu den Profis bringen möchte. Wobei allerdings bereits eine Kaderzugehörigkeit ohne Einsatzzeiten als Erfolg gewertet werden würde. Dabei sei aber auch klar, dass es Jahrgänge geben würde, die insgesamt schwächer sind, wo diese Ziel kaum erreicht werden könne, sowie gute Jahrgänge aus denen mehr als 2 Spieler den begehrten Sprung schaffen können. Platzierungen der Teams spielen beim Kiezklub durchaus eine Rolle, allerdings in erster Linie nur insofeern, dass man dort anstrebt, was beim HSV als selbstverständlich vorausgesetzt wird (und bei dem deutlich höheren Mitteleinsatz auch vorausgesetzt werden muss), dass man in der jeweils höchsten Spielklasse vertreten ist.

Auch wenn die Platzierungen der Teams nicht als seligmachendes Erfolgskriterium gesehen wird und werden kann, wollen wir nachfolgend doch einen Blick auf die Platzierungen der Nachwuchsteams beider Vereine über die Jahre werfen.

Ein Kriterium bei der Zertifizierung von Nachwuchsleistungszentren war und ist auch immer die Durchlässigkeitsrate zu den Profis. Während die Kaderzugehörigkeit alleine noch nicht unbedingt als Erfolg eingestuft weren kann, so müssen zumindest (regelmäßige) Einsatzzeiten als das angesehen werden, was sie sind: ein Riesenerfolg. Einer der pro geleisteter Einsatzminute vom Verband ja auch finanziell honoriert wird. Im zweiten Teil dieser Betrachtung der Nachwuchsarbeit, werden wir also einen Blick auf die Einsatzzeiten der vom Verein ausgebildeten Local Player (Spieler, der in drei Spielzeiten/Jahren im Alter zwischen 15 und 21 Jahren für den Club spielberechtigt war) der letztjährigen Zweitligisten im Vergleich werfen und schauen, wie der Hamburger SV und der FC St. Pauli dort abschneiden um dann ein Fazit zu ziehen und einen Ausblick zu wagen auf das, was uns bei beiden Klubs in naher Zukunft erwarten wird.

1. Die Platzierungen der Nachwuchsteams des HSV und des FC St. Pauli im Zeitstrahl

Immer mehr Vereine bemühen sich immer früher um Talente. Dies geschieht immer intensiver und häufig bereits unter nicht unerheblichem Aufwand finanzieller Anreize. Während sich die beiden Hamburger Vereine in der C- und B-Junioren Regionalliga lediglich mit norddeutschen Lokalgrößen messen müssen, gesellen sich in den Bundesligen noch die Global Player von RB Leipzig und Hertha BSC zur ohnehin traditionell starken Konkurrenz aus Wolfsburg und Bremen hinzu. Während der Hamburger SV von der Zielsetzung und dem Mittelaufwand her schon in die Phalanx der Großen 4 im Norden/Nordosten eindringen muss, um von erfolgreicher Arbeit bei den Platzierungen sprechen zu können, stellt sich die Situation für den FC St. Pauli ein wenig anders dar. Ein 4. oder 5. Platz in den Regionalligen hinter Bremen, Wolfsburg, dem HSV und Hannover ist da sicherlich ein gutes Ergebnis. Die Teams aus Kiel, Braunschweig, Flensburg, Lübeck, Osnabrück oder Meppen sollte man schon hinter sich lassen können. Zumindest sollte das die grundsätzliche Zielsetzung sein.

Realistischerweise sollte man beim HSV die Zielsetzung haben, in den Regionalligen mindestens 3. zu werden sowie in den Bundesligen mindestens 5. Schlechtere Platzierungensind bei den Gegebenheiten als sportlicher Mißerfolg zu werten.

Genug der langen Rede. Los geht es mit dem Blick auf die Platzierungen und damit >Entwicklungen der letzten Jahre im sogenannten Leistungsbereich, zu dem hier bereits die U15, also der ältere Jahrgang der C-Junioren gezählt werden soll.

Die Platzierungen der HSV und der FCSP U15 (C-Junioren) in der Regionalliga Nord

Nachstehendes Schaubild zeigt ein relativ konstantes Niveau bei Hamburger SV. Nie schlechter als 4., aber eben auch nie besser als 3. Da es dem etwas wechselhafter agierenden FC St. Pauli mit seiner U15 immerhin 2 mal gelang, in der Endabrechnung vor dem HSV zu stehen, bedeutet dies für den HSV immerhin zumindest einen der großen Konkurrenten aus Wolfsburg und Bremen hinter sich gelassen zu haben.

Platzierungen der HSV und FCSP U15 seit 2013/14

Platzierungen der HSV und FCSP U15 seit 2013/14

Im Hamburger Verbandspokal hieß der Sieger bei den älteren C-Junioren in den vergangenen 10 Jahren 6 mal Hamburger SV. Der FC St. Pauli konnte diesen Pokal mit der U15 lediglich 2009/10 sowie 2012/13 ans Millerntor holen. (Je einmal gewannen Concordia Hamburg und Eintracht Norderstedt)

Die Platzierungen der HSV und der FCSP U16 in der Regionalliga Nord

Für die Zweitvertretungen der B-Junioren ist die Regionalliga-Nord die höchstmögliche Liga. Hier tritt der jüngere B-Juniorenjahrgang in der Regel gegen die älteren Jahrgänge anderer Norddeutscher Vereine an, so diese nicht ebenfalls mit ihrer Zweitvertretung antreten.

Die U16 der Rothosen hat hier in den letzten Jahren ziemlich geschwächelt. So sieht es zumindest aus. Dazu muss man allerdings wissen, dass viele der Spieler, die noch für die U16 spielberechtigt waren, bereits für die U17 in der Bundesliga an den Start gingen. Gleiches gilt mit Abstrichen auch für den FC St. Pauli, der insgesamt lange Zeit auch über einen kleineren Spielerpool verfügte und sich ohnehin nur in 7 von 12 Saisons überhaupt für die Regionalliga qualifizieren konnte.

Platzierungen der HSV und FCSP U16 seit 2007/08

Platzierungen der HSV und FCSP U16 seit 2007/08

Die FCSP U16 konnte im vergangenen Jahr die Klasse nicht halten, hat sich als Oberligameister für die kommende Saison allerdings wieder für die Regionalliga qualifiziert, so dass es auch hier wieder die üblichen Derbys der beiden großen Hamburger Klubs 😉 geben wird.

Die Platzierungen der HSV und der FCSP U17 (B-Junioren) in der Bundesliga Nord/Nordost

Die Platzierungen der HSV U17 in den vergangenen Jahren dürfen durchaus als Erfolg gewertet werden, wobei der Abstand zu den führenden dreien in diesem Jahr doch  sehr deutlich ausfiel und der Vorsprung auf den sechstplatzierten Stadtrivalen am Ende lediglich 6 Punkte betrug. Die Tatsache, dass sich der FC St. Pauli in den letzten Jahren auf diesem Niveau stabilisieren konnte ist sicher ebenso als Erfolg zu werten.

Platzierungen der HSV und FCSP U17 seit 2007/08

Platzierungen der HSV und FCSP U17 seit 2007/08

Anders als bei den C-Junioren, kann der Hamburger SV seine Vormachtstellung im Hamburger Verbandspokal der B-Junioren nicht behaupten. Hier stehen 3 Pokalsiege für die Rothosen, 5 Pokalsiegen für die Boys in Brown entgegen. Keinem der beiden gelang dabei eine Titelverteidigung in den letzten 10 Jahren. Der FC St. Pauli brachte in dieser Saison allerdings das Kunststück fertig, den U17 Pokal mit seiner U16 zu erspielen. Weitere Titelträger in diesem regionalen Wettbewerb waren Eintracht Norderstedt (2011/12) und der Niendorfer SV (2013/14)

Die Platzierungen der HSV und der FCSP U19 (A-Junioren) in der Bundesliga Nord/Nordost

Bei den A-Junioren geht es munter auf und ab. Zumindest beim Hamburger SV. In dieser Saison stürzte man allerdings bis auf Rang 7 ab. Man könnte jetzt meinen, es läge daran, dass der Juwelier Peters von Bord ging, aber genausowenig wie sich ihm und seiner Arbeit die vorausgegangenen guten Platzierungen zuschreiben ließen, läßt der Absturz irgendwelche Rückschlüsse auf die konkrete Arbeit von Bernhard Peters zu. Tatsache ist, dass etliche der eigentlichen Leistungsträger dieser A-Junioren bereits bei den Profis oder in der U21 agierten, ein Resultat des sehr starken 2000er Jahrgangs. Von diesem starken Jahrgang profitierte übrigens in diesem Jahr der FC St. Pauli, der seine Spieler weitgehendst bei den A-Junioren behielt, die daraufhin auch lange die Tabelle anführten und erst zum Ende der Sasion ein wenig zu schwächeln begannen und am Ende Rang zwei und drei verspielten. Dennoch bleibt der 4. Platz die beste bisher erreichte Platzierung.

Platzierungen der HSV und FCSP U19 seit 2003/04

Platzierungen der HSV und FCSP U19 seit 2003/04

Im Hamburger Verbandspokal, dem Oddsetpokal der A-Junioren, hatte der HSV seit 2011/12 nichts mehr zu melden. 3 Titel in den letzen 10 Jahren stehen derer 6 des FC St. Pauli gegenüber, die diese 6 Titel in Folge erzielen konnten. Ein Mal durfte der Niendorfer SV jubeln und im darauffolgenden Jahr im DFB Pokal antreten. Im DFB Pokal haben die Hamburger Klubs es nie wirklich weit gebracht. Der HSV erreichte 2011/12 immerhin das Halbfinale. Der FCSP musste sich letztlich mit 2 Viertelfinalteilnahmen als größtem Erfolg zufrieden geben.

Zwischenfazit Juniorenbereich

Nimmt man die eingangs formulierten Kriterien als Bewertungsmaßstab, darf man feststellen, dass es für den FC St. Pauli eine durchweg erfolgreiche Sasion im Nachwuchsbereich war. Beim Hamburger SV stellt sich das etwas durchwachsener da. Dafür gibt es zwar Gründe, aber am Ende zählt das Resultat und ja, da darf man durchaus etwas mehr erwarten.

Die Platzierungen der Zweitvertretungen des HSV und des FCSP (U21/U23)

Während die Zweitvertretung, die Amas, beim FC St. Pauli als U23 organisatorisch dem NLZ und ihrem Leiter Roger Stilz unterstellt ist, gehört die U21 des Hamburger SV organisatorisch nicht mehr in den Nachwuchsbereich, was häufig genug zu Kompetenzstreitigkeiten (z.B. zwischen Bernhard Peters und Peter Knäbel) führte. Bei den Rothosen wurde bewußt der Begriff U21 gewählt, da diese Manncschaft den Übergangsbereich bilden sollte. Eine erste Station für U19 Spieler um im Herrenbereich EErfahrungen zu sammeln. 2 Jahre maximale Verweildauer, dannn zu den Profis oder weg. So war es einst von Peters angedacht. Beim FC St. Pauli ist die Zweitvertretung durchaus als Reifestation gedacht. Man setzt ganz bewußt auf diese U23 um auch Spätentwicklern eine Chance zu geben und diese an die Profis heranzuführen. Eine Marktnische quasi. Man kann eben auch mit 21 oder 22 noch ein Talent sein und sich für die Profis empfehlen und vielleicht ein stattliches Transfersümmchen einbringen, so der Hintergedanke dabei. Da geht es dann beiden Teams tatsächlich weniger um Platzierungen und/oder mögliche Aufstiege als mehr um Entwicklung einzelner Spieler.

Platzierungen der Zweitvertretungen des HSV und des FCSP

Platzierungen der Zweitvertretungen des HSV und des FCSP

Während die Kiezkicker noch lange Zeit zittern mussten um den Klassenerhalt zu sichern und die Relegation zu verhindern, gestaltete sich die vergangene Saison für den HSV unter dem scheidenden Trainer Weiß zum Ende hin noch etwas versöhnlicher. Unterm Strich bei dem Kader ist der 7. Platz aber keineswegs als Erfolg anzusehen, eher im Gegenteil. Immerhin wechseln sich bei den Rothosen erfolgreiche und wenige erfolgreiche Saisons ab. Ein ganzer Schwung A-Junioren die in die U21 gespült werden, bedeutet halt im Herrenfußball ein Lehrjahr, so die einhellige Sichtweise, wenn man es denn gut meint, wobei ich es hier und heute belassen möchte.

Das Abschneiden des FC St. Pauli in der Regionalliga Nord ist aus meiner Sicht bescheiden und deutlich unter den Möglichkeiten. Aufgrund dieser Tatsache allerdings von erfolgloser Nachwuchsarbeit zu sprechen wäre vermessen, gerade wenn man in Rechnung stellt, dass die Kiezkicker erst seit 2007 wieder aus der 3. Liga zurück sind und erst seit 2015 mit einer zunehmend professionelleren Nachwuchsarbeit unter Roger Stilz begonnen haben. Aber auch ihn jetzt als Juwelier zu bezeichnen würde zu weit führen, obschon es auch einige seiner Schützlinge zu Einsatzzeiten bei den Profis in dieser Saison gebracht haben.

Dazu dann in Kürze mehr in Teil II: Die Einsatzzeiten der Nachwuchskicker in den Vereinen der 2. Liga (2018/19)

9 Kommentare

  1. HeLuechtHeLuecht (Beitrag Autor)

    Und wie bestellt ein Interview mit FCSP NLZ Leiter Stilz zur Bewertung der ‘Erfolge’ des Nachwuchses und zur generellen Ausrichtung:

    https://www.fcstpauli.com/news/nlz-leiter-roger-stilz-im-interview-1920/

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  2. GVGV

    Stilz erzählt wenig über die Schwierigkeiten bei der U23. Das wäre schon sehr interessant gewesen.
    Insgesamt eine sehr gute Sache, dieser Nachwuchsüberblick!

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    1. HeLuechtHeLuecht (Beitrag Autor)

      Natürlich nicht, war ja auch ein Clubinterview.

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      1. GVGV

        Naja, man könnte gerade auch mal intern selbstkritisch sein.
        Da scheinen sich die meisten Clubs wohl wenig zu unterscheiden.
        Eigentlich ist nüchterne Selbstkritik ein Merkmal von Stärke.

  3. Avatarder Coach

    Tja, woran misst sich der Erfolg? Ich würde ihn schon daran bemessen, wie viele Spieler schaffen es in den Profibereich und schaffen dort tatsächlich den Durchbruch zum Bundesligaspieler oder Zweitligaspieler oder vergleichbarem. Wichtig ist meiner Ansicht nach vor allem die Ausbildung der Spieler. Erfolge der Nachwuchsmannschaften müssen dem aber nicht entgegenstehen, sie sollten durchaus mit angestrebt werden, allein schon um auch die notwendige “Siegermentalität” zu entwickeln. Aber sie sind nachrangig, es kommt am Ende vor allem darauf an, was kommt bei der Ausbildung für den Profikader raus.

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  4. AvatarHamburgerjung

    Ein sehr interessanter Beitrag. Ich bin gespannt auf weiterführende Einträge, welche auch in die Interpretation einsteigen. Generell würde ich persönlich mehr von der Jugend vom HSV erfahren. Ich freue mich auf weitere Einschätzungen von dir!

    Vielen Dank, dass es den Blog gibt! 😉

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    1. GVGV

      Die weiterführenden Einträge könnten sich womöglich als Nachruf auf den eigenen Nachwuchs herausstellen …

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  5. GVGV

    Da ja offenbar nun “Alles muss Raus” Devise ist, bleibt abzuwarten, ob noch Jugend übrig sein wird, über die es zu schreiben lohnt.
    ich hätte aber auch gerne mehr dazu gewusst.
    Dieses Verschleudern der vormalig so schillernden Peters-Perlen ist doch etwas seltsam.

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    1. HeLuechtHeLuecht (Beitrag Autor)

      Ja, zumal außer zerschlagen auch unter Boldt nicht zu erkennen ist, wohin die Reise gehen soll. Vor Ende September wird er das Thema Nachwuchs eh nicht angehen.

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