Die Eingeborenen von Titzonesien oder die hypnotische Macht der Medien.

Die Seifenoper des HSV setzt sich auch in der 2.Liga fort. Das langanhaltende, unwürdige Schauspiel rund um Christian Titz hat nach der Punkteteilung gegen den VfL Bochum sein unrühmliches Ende gefunden. Der HSV trennte sich  am Dienstagmorgen von Christian Titz. Keine wirkliche Überraschung, wenn man die Entwicklung der letzten Wochen/Monate verfolgt hat. Die statische, uninspirierte Spielweise und die zum Schluss auch unbefriedigenden Ergebnisse in der bisher laufenden Zweitligasaison, forderten ihren Tribut. Die wachsende Ungeduld und Unzufriedenheit bei den Vereinsverantwortlichen (speziell im Vorstand) und zum Schluss auch bei Teilen des treuen Anhangs, führten letztendlich zur Demission von Christian Titz. Mit z.T. glücklichen Siegen und rumpeligen Remis, wurde eine Trainerdiskussion am Köcheln gehalten, die bei weniger eingefahrenen Zählern, schon viel früher beendet gewesen wäre.

Nutznießer dieses verzwackten und hausgemachten Problems waren die Leitmedien, die auf dem Rücken von Christian Titz, ein vorgetäuschtes Scharmützel der Marke „Good Cop, Bad Cop“ inszenierten. Auf der einen Seite die Hamburger Morgenpost und das Hamburger Abendblatt, die sich als Sprachrohr aller Titz-Versteher verstanden und auf der anderen Seite die BILD-Zeitung, denen man einen guten Draht zur Vorstandsetage nachsagt. Dass Hoffmann von Titz nie wirklich überzeugt war und auch mit ihm nicht längerfristig planen wollte, ist inzwischen ein offenes Geheimnis. Er hätte lieber eine „große Lösung“ bevorzugt, aber der zum Saisonende für viele überraschende Aufschwung unter Titz, machte ein Strich durch die Rechnung. Es entstand ein Fan- und Medienhype um Titz, sodass Hoffmann seine Trainervorstellungen vorübergehend auf Eis legen musste. Zu heftig wäre der Gegenwind gewesen, wenn man mit Titz nicht verlängert hätte. Hoffmanns strategischer Feldzug, entgegen seiner Verlautbarung, erneut Vorstandsvorsitzender des HSV zu werden, war zu offensichtlich. Vielleicht unterschätzte Hoffmann auch den Fußballlehrer Titz und rechnete nicht mit so einer Aufholjagd, die zumindest den Relegationsplatz noch am letzten Spieltag möglich machte. Das durchaus sympathische Auftreten von Titz in der Öffentlichkeit tat sein übriges.

Natürlich hat Christian Titz den unglaublichen Zuspruch wahrgenommen, ihn mediengerecht genutzt und sich dementsprechend positioniert. Die Kaderbeschaffenheit und den Trainerstab konnte er nach seinen Wünschen zusammenstellen. Soweit die finanziellen Möglichkeiten es hergaben. Titz umgab sich mit Leuten, die seit Jahren zu seinem Freundes- und Bekanntenkreis zählen. Er verpflichtete als Co-Trainer André Kilian, B-Lizenzinhaber,der gerade einmal ein Jahr beim Regionalligisten Homburg tätig war und mit Maik Goebbels (UEFA-A-Lizenz), der vor 4 Jahren zuletzt in Luxemburg einen Verein trainiert hatte und danach ein Fitnessstudio eröffnete. Bei allem Respekt vor deren Tätigkeit, aber wäre es nicht angebrachter gewesen, in Absprache mit Titz, zwei bundesligaerfahrene Assistenten zur Seite zu stellen? Dass mit Holtby und Moritz zwei Spieler im Kader sind, die zur selben Berateragentur gehören wie Titz, bot natürlich zusätzlich eine Angriffsfläche.

Statt sich in der Vorbereitungsphase zur neuen Saison, ganz auf das ausgerufene Projekt sofortiger Wiederaufstieg zu konzentrieren und die Öffentlichkeitsarbeit auf ein Minimum zu reduzieren, schien sich Christian Titz in der Rolle des neuen Sympathieträgers zu gefallen. Ausführliche Interviews, Fernsehauftritte, Vorträge, wo er selbst um die doppelte Redezeit bat, oder eine Audienz beim Gönner Klaus-Michael Kühne – Christian Titz war allgegenwärtig. Die Medien nahmen es dankbar auf. Auch der Verein war anscheinend nicht unglücklich über die Dauerpräsenz ihres Trainers. Im Gegenteil, man konnte den Eindruck haben, dass sich die Beliebtheit von Titz auch positiv auf den Gesamtverein auswirken könnte. Man schob also mit an oder ließ es gewähren. Ob Wortspiele mit „Liebesbekundungen“ auf T-Shirts, oder einfache Pullover mit Aufschrift, die Titz an einem Spieltag trug – der Verein und Titz nutzten die Gunst der Stunde, um den Hype in bare Münze umzuwandeln. Fairerweise muss hinzugefügt werden, dass Titz es auch für wohltätige Zwecke tat.

Wie kam es zu diesem Stimmungsumschwung in den letzten Wochen? Das historische 0:5 gegen Jahn Regensburg war wahrscheinlich der Wendepunkt in der Haltung zu Christian Titz. Vielleicht auch schon ein bisschen davor. Der Auslöser soll die Verweigerung von Titz gewesen sein, die BILD mit exklusiven Meldungen zu versorgen. Die bis dahin auch auf der Titz-Welle mitgeschwommene BILD, kritisierte nach dem Regensburg-Spiel erstmals in großen Buchstaben den Trainer und berichtete von einem Ultimatum von Vereinsseite aus. Dieses rief die beiden anderen bekannten Boulevardblätter, Hamburger Abendblatt und Hamburger Morgenpost auf den Plan, um sich mit Christian Titz zu solidarisieren und die aus ihrer Sicht völlig überzogene kritische Haltung zu Christian Titz anzuprangern. Eine scheinheilige Debatte, die letztendlich nur dazu dient, den Lesern/Fans einen „Zeitungskrieg“ vorzugaukeln, der in Wahrheit nur ein verlogenes Scheingefecht der Journaille darstellt. Das Titz der mopo einen exklusiven Einblick in einer Trainingswoche gab, sei nur am Rande bemerkt…

Natürlich soll nicht in den Hintergrund geraten, dass der Trainerwechsel durchaus eine Berechtigung hat. Es waren keine Ansätze mehr zu erkennen, um Hoffnung zu haben, dass sich etwas zum Positiven verändert. Es war leider zum Schluss eine einzige Quälerei und der Ballbesitzfussball diente nur noch zum reinen Selbstzweck. Wieso Titz bis zuletzt so beratungsresistent blieb und so beharrlich an seinem 4-1-4-1 System festhielt, ist auch nur bedingt zu verstehen. Denn dieses System führte er erst als Trainer der Regionalligamannschaft (U21) des HSV in der Saison 2017/18 ein. In all den Jahren zuvor, sei es bei der U17 des HSV oder beim FC Homburg, bevorzugte er überwiegend ein 4-4-2…

 

4 Kommentare

  1. Lumpie

    Zwar kritische aber sehr weitsichtige Auseinandersetzung mit der Thematik. Danke für die Ausführungen welche ich gerne gelesen habe und welche auch tatsächlich durch einige Hintergrundinformationen „erhellt“ haben. Ich denke ja, dass die Aussagen alle fundiert sind ?!

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  2. Joachim Lembke

    Danke. Treffend analysiert.Naive Begeisterung und soziale Kompetenz konnen Erfahrungen und fachliche Rationalität nicht ersetzen.

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  3. Fohlenstall

    Sehr gute Zusammenfassung der Ereignisse rund um den „Chaos Club“ und deren
    Protoganisten.Man hat dass“Gefühl“ es ändert sich nix beim HSV.Hoffmann durch
    die Hintertür zum VV,die Medien „geilen“ sich immer mehr auf (fairer realer
    Journalismus ist schon länger nicht mehr gegeben),dazu diese „Fans“ die jeden
    positiven Ansatz (Symphathieträger Titz,Volksnah,Bierkisten für die Journalie usw.)
    gnadenlos ,u.z.T.“Blind“, zu unerhörten Eintrittspreisen unterstützen….weiter,immer
    wieter…! Spätestens am Ende der Saison hat dass ganze,mMn, sowieso ein Ende…Sportlich
    und Finanziell!

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  4. ky

    Sehr gelungener Gastbeitrag, Prof. – Chapeau!

    Jo, der Hamburger Medienstadel weiß es leider nur zu gut, mediale Aufmerksamkeit zu erzeugen und zu steuern. Da hilft nur eine sehr starke Medienarbeit über die eigenen Kanäle, und auch mal die konsequente Verweigerung der Zusammenarbeit bzw. rechtliche Durchsetzung von Gegendarstellungen.

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