Freud und Leid (Wochenrückblick No. 27)

Ich hätte es bleiben lassen sollen, hätte ganz einfach am Freitagabend genüsslich das Wochenende einläuten und es mir seit langer, langer Zeit als HSV Sympathisant mal wieder so richtig gut gehen lassen sollen, nach dem Sieg in Gladbach. Hätte, hätte, Fahrradkette.

Leid I

Ich habe es nicht getan! Irgendetwas trieb mich zu „meiner“ U23, die – weil es ja nun „meine“ ist – ich noch nie so intensiv verfolgt habe wie in dieser Saison. „Meine“ U23 die vom Himmelstürmer und Hoffnungsträger der letzten Saison inzwischen wieder in der Normalität gelandet ist. Zur Erinnerung: Normalität bei der U23 in der Regionalliga Nord bedeutet gegen den Abstieg zu spielen.

Regen war angesagt für den ganzen Tag in und um Hamburg. Hätte ein Grund sein können zuhause zu bleiben. Ich war in der Tat versucht, mir das Heimspiel gegen den Aufsteiger aus Hildesheim zu schenken. Hätte, hätte ich mal auf meine innere Stimme gehört. So habe ich mir mein Wochenende zu guter letzt dann doch noch versaut!! Die heutige Vorstellung der U23 war schlecht, sehr schlecht. Das Schlechteste, was ich bisher gesehen habe.

Nicht, dass ich erwartet hätte, die Rothosen würden diese lästige Pflichtaufgabe im Spaziergang erledigen. Nein, dazu waren die bisher gezeigten Leistungen der Zinnbauer-Jungs zu bescheiden. Einen Sieg gegen den zweiten Aufsteiger aus Niedersachsen habe ich allerdings schon erwartet. Kein spielerisches Glanzlicht. Das nicht! Dazu ist die Mannschaft nach den Abgängen von Sven Mende und Matti Steinmann sowie Mo Gouaida sicherlich nicht in der Lage. Tolcay Cigerci, der für Stabilität im Mittelfeld sorgen könnte, fehlt nach wie vor verletzungsbedingt. Sein Comeback wird sich noch mindestens einen Monat hinziehen; er befindet sich derzeit im Aufbautraining.

Wieder mit dabei – zum ersten Mal nach längerer Verletzungspause war Ashton Götz, von dem sich Joe Zinnbauer mehr Stabilität in der Defensive erhoffte. Die sollte auch Sebastian Haut auf der 6 bringen. Ahmet Arslan wieder mehr auf seiner angestammten Offensivposition.

Der HSV legte engagiert los, bereits nach einer Minute die erste Schusschance durch Arslan, der allerdings verzog. Danach der HSV mit optischem Übergewicht gegen tiefstehende und geschickt verteidigende Hildesheimer, die immer wieder durch katastrophale Fehler im Aufbauspiel (vor allem von Verteidiger Oschkenat) profitierten um selber zu Konteransätzen zu gelangen. Nach ca. 20 Minuten würden die Gäste mutiger und erkämpften sich ein leichtes Übergewicht. Ab der 25 Minute bekamen die Hamburger überhaupt keinen Zugriff mehr auf das Spiel. Chancen Mangelware und eher durch Zufall. Gab es welche, wurden diese kläglich vergeben, wie jene von Philipp Müller kurz vor der Halbzeit, der freistehend vor Hildesheims Keeper es fertig brachte, ihm den Ball direkt in die fangbereiten Arme statt ins Tor zu spitzeln.

Fast folgerichtig dann das Führungstor der Gäste und wieder einmal nach einem Standard, dieses Mal nach einer Ecke. 1:0 hieß es in der 33 Minute. Dies war auch der Pausenstand.
Zur zweiten Hälfte brachte Zinnbauer Said Benkarit für den indisponierten Oschkenat. Die Zeichen standen auf Offensive. Stattdessen sahen allerdings Mickel und drei seiner Abwehrspieler erneut nach einem Standard zu, wie die Hildesheimer gedankenschneller waren und quasi aus dem Nichts das 2:0 erzielten (51. Minute). Zinnbauer wechselte Kulikas für Küc ein und die Hamburger warfen noch mal alles nach vorne und wurden dafür auch belohnt. Nico Charrier erzielte in der 57. Minute den Anschlusstreffer und nutzte dabei die Verwirrung in der Hildesheimer Hintermannschaft nach einer bereits vertanen Chance von Said Benkarit. Ja und dann….

Dann gab es eigentlich nix mehr. Zu einfach konnten die Niedersachsen das Spiel der Hamburger unterbinden. Zuwenig Bewegung, zu ungenaues Passspiel, zu schlechte Flanken. Am Ende ein völlig verdienter Sieg für diszipliniert auftretende Hildesheimer, die das Manko des Hamburger Spiels wieder einmal deutlich machten.

Mangelhafte Passgenauigkeit, mangelnde Gedankenschnelle, mangelnde Genauigkeit im Torabschluss, mangelndes Selbstvertrauen. Wo soll es auch her kommen, nach den Auftritten und den Resultaten. Das wird ein mehr als schweres Jahr für die U23, die aufpassen muss, dass sie jetzt nicht in einen Abwärtssog gerät und sich dann im kommenden Jahr in der Oberliga Hamburg wiederfindet, in der Klasse, in der diese „Mannschaft“ momentan spielerisch gehört, ohne dabei den Teams von Barmbek-Uhlenhorst und dem TuS Dassendorf zu nahe treten zu wollen.

Versucht man Ursachenforschung zu betreiben, so bleibt festzuhalten, dass die Truppe von Joe Zinnbauer sehr jung und unerfahren ist und auch selten in einer Stammformation agieren kann. Knackpunkt dürfte allerdings ebenfalls sein, dass Joe Zinnbauer im Vergleich zur Vorsaison erst sehr spät als Trainer feststand und in die Kaderplanung involviert war. Dies ist keine Truppe, die ER zusammengestellt hat. Viele Personalentscheidungen waren bereits gefällt, bevor er seine Bereitschaft signalisierte die U23 wieder übernehmen zu wollen.
Tatsache ist, dort steht im Gegensatz zur Vorsaison keine Mannschaft auf dem Platz. Es läuft nicht rund, die Stimmung ist eher gedrückt und mir stellt sich nach meinen Beobachtungen die Frage, wie weit Joe Zinnbauer diese Mannschaft erreicht und formen bzw. verbessern kann. Das Potenzial der meisten Neuen ist deutlich geringer als jenes der Vorjahresmannschaft. Ein Kulikas wird über ein Regionalligaengagement nicht mehr hinauskommen, ein Benkarit wohl ebenfalls nicht. Die jenigen, die Potenzial haben, wie Jurcher oder Feka sind eindeutig noch zu grün mit ihren gerade 18 Jahren und müssen erst einmal Lehrgeld bezahlen. Das war aber vorher klar und Zinnbauer hat von vornherein gesagt, man wolle versuchen so schnell wie möglich nichts mehr mit dem Abstieg zu tun zu haben. Ebenfalls klar: in diesem Jahr wird aus der U23 nichts für den Profibereich abfallen.
Das Jahr dient dazu, die A-Jugendlichen an die Regionalliga Luft zu gewöhnen mit hoffentlich gutem Ende für den Verein. Von der 3. Liga ist man auf absehbare Zeit allerdings Lichtjahre entfernt.
Ich leide also mit „Meiner“ U23.

Leid II

Ich leide aber auch mit der U19 des HSV die nach einer grandiosen Vorbereitung, mit tollen Spielen ganz schlecht in die Saison gestartet ist. Eine Mannschaft gespickt mit guten Fußballern, die offensichtlich aber noch nicht (charakter)stark genug ist, Rückschläge in Form von unerwarteten Niederlagen wegzustecken. Hier steht Daniel Petrowsky unter Beobachtung und auch unter Druck. Er muss liefern. Bei der U23 ist es unter ihm schlecht gelaufen, wenn es jetzt bei der U19 ähnlich schlecht weiterläuft, dürften und sollten seine Tage auch gezählt sein.

Freude pur

Nun, es gibt aber ja auch Erfreuliches zu berichten. Es gibt den Gewinner der Woche!!! Es gibt Bruno Labbadia, der in dieser Woche alles richtig gemacht hat und seine Jungs zu einem nicht erwarteten Sieg in Gladbach geführt hat. Jener Bruno Labbadia, der für den HSV in der letzten Saison die Kohlen aus dem Feuer holen musste und dies auch in der jetzigen Saison omnipräsent tut.
Labbadia verkörpert das Positive beim HSV, selbst und gerade auch dann, wenn er einmal Fehler macht. Bruno gibt alles und das muss er auch, denn diese Mannschaft war so leblos und dieser Verein ist noch immer so leblos und zum Teil gelähmt, dass es außerordentlicher Kräfte bedarf um diesen Kahn wieder flott zu kriegen. Bruno hat für Bewegung gesorgt. Für mehr Bewegung als ich ihm zugetraut hätte. Dafür gebührt ihm an dieser Stelle Lob und Anerkennung. Lob und Anerkennung auch dafür wie er als Vereinsverantwortlicher die Präsentation des neuen Busses übernommen hat.

Bruno Labbadia stellt sich der Herausforderung, vor der Thomas Tuchel sich in Hamburg gedrückt hat. Er ist mehr als nur ein Trainer. Ich wünsche ihm, dass er durchhält, aber ich wünsche ihm eigentlich viel mehr, dass er endlich Leute an seine Seite bekommt, di e mit ähnlichem Engagement und Mut an ihre angestammten Aufgaben herangehen und Entscheidungen treffen, wie der Trainer es tut, wenn er Jung zum Beispiel auf die Tribüne „verbannt“. Er wird seine Gründe gehabt haben und das Spiel in Gladbach hat ihm recht gegeben.
Also, 6 Punkte nach vier Spieltagen. Das sind zwei mehr, als ich erhofft hatte. Alles im grünen Bereich bei der Ersten, aber kein Grund euphorisch zu werden oder von Europa zu schwafeln. Durchatmen, zurücklehnen und verhalten freuen, dass es eine knappe Woche ohne großen Druck gibt.

Das ist Balsam auf die geschundene HSV Seele, die sich weiterhin in ach so vielen Bereichen große, große Sorgen machen muss. Aber das hat Zeit, Zeit bis nach Frankfurt…

Euch allen eine entspannte Woche!

2 Kommentare

  1. Horst Schlau

    Gratulation an Herr Knut Kircher – eine Person, die einen gemachten Fehler zu gibt, verdient meine Hochachtung und Respekt !!!

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  2. ky

    Sehr schöner, aussagekräftiger Bericht zur U23, ihren Möglichkeiten und Problemen. Das späte Commitment von und zu JZ ist wirklich eine gravierende Ursache (1 Woche vorher, mann, mann, alles bezahlte Amateure im Vorstand). Und das diese Truppe nicht so viel Talent hat wie die im Vorjahr, ist auch nach zu vollziehen.
    Vielleicht aber ist auch der “Motivator” JZ nicht mehr so motiviert wie vor einem Jahr, welches eingedenk seiner Erfahrungen mit Knäbel, Peters, etc. vielleicht auch nachvollziehbar wäre.
    Tja, die U19, schade.

    Mein Hei-Leid dieser Woche ist aber die Rückkehr von PK in der Öffentlichkeit, und die von Lars Pegelow genannten 100.000 Euro zur internen Aufklärung des Rucksack-Gate.

    Das hat doch Methode, oder? Soviel Dreistigkeit legten früher nur Leute an den Tag, die unbedingt gegen Abfindung von ihren Posten entbunden werden wollten, oder die so ahnungslos waren wie der ZK-Sekretär Günter Schabowski bei der Ankündigung der Reisefreiheit (“Ab wann das gilt? Ich glaube, ab heute…”).

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