Fußball, Titz und steigender Druck

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1:0 gewonnen. 5 Punkte auf den Relegationsplatz 16, 5 Punkte auf die Nichtabstiegsplätze 15. und 14. Wer hätte das ernsthaft gedacht, dass der HSV noch einmal in Schlagdistanz gelangen könnte. Die Euphorie im Umfeld des Vereins ist riesig. Zu verdanken ist dies in erster Linie einem Mann, der bis vor kurzem lediglich Insidern bekannt war, dann als Amateurtrainer und Buchautor verhöhnt wurde und jetzt von fast allen als zukünftiger Trainer – auch in Liga 2 – gefordert wird – Christian Titz.

Jener Christian Titz, der mit Fiete Arp bereits bei der U17 zusammengearbeitet, ihn maßgeblich geformt und entwickelt hat. Jener Christian Titz, der – zunächst sehr zu meinem Leidwesen – dann qua Peters Entscheid die U21 vom durchaus erfolgreichen Dirk Kunert übernahm, den ich gerne länger hier gesehen hätte. Jener Christian Titz, der mich dann allerdings sehr schnell überzeugen konnte, mit der Art, wie er die Zwote Fußball spielen ließ und vor allem wie er mit dem gesamten Kader umging und wie er trainieren ließ.

Es gab einige wenige, die das Geschehen um die Zwote des Hamburger SV intensiver verfolgten, die Christian Titz schon viel früher gefordert haben. Um meine Meinung dazu gefragt, ob ich ihm den Sprung zutrauen würde, entgegnete ich: Ja, das traue ich ihm zu, ich hielte es aber für verkehrt, weil es den Erfolg der U21, die Regionalligameisterschaft und einen – in diesem Jahr in der Konstellation auch gegen Energie Cottbus durchaus möglichen Aufstieg in die 3. Liga – kosten würde.

Nun, die Möglichkeit Meister zu werden hat sich für die Zwote inzwischen in der Tat erledigt und das liegt meiner Meinung nach nicht daran, dass Christian Titz so viele Spieler aus der Zweiten hochgezogen hat – genau genommen ist es ja nur Matti Steinmann – sondern es liegt daran, dass es dem ‘Neuen’, Steffen Weiß, eben nicht gelingt, die Mannschaft, vor allem defensiv, so einzustellen, wie dies Christian Titz gelungen ist. Darüber können auch die letzten 2 Siege der U21 nicht hinwegtäuschen.

Eine der hervorstechendsten Eigenschaften und einer der Haupttrümpfe von Christian Titz ist der Umgang mit seinen Spielern. Ihm geang es bei der Zwoten alle Spieler im Kader bei der Stange zu halten, ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie dazugehören, dass sie gebraucht werden auch wenn sie kaum bis gar nicht eingesetzt wurden.

Ähnliches scheint ihm jetzt bei den Profis zu gelingen. Auch hier ist innerhalb kurzer Zeit eine Handschrift im Spiel zu erkennen. Man spielt plötzlich wieder Fußball in Hamburg. Das alleine reißt bereits zu Jubelstürmen hin. Fußball auf bescheidenen Niveau, aber immerhin. Und, der Mut diesen Weg zu diesem Zeitpunkt der Saison zu gehen, er wurde belohnt. Nach 5 Spielen stehen 2 Siege und ein Unentschieden auf der Haben Seite. Mehr als man erhoffen durfte.

Gegen Freiburg wurde der 2. Heimsieg in Folge erspielt – Halt! Erspielt ist im Falle des Freiburg-Kicks wohl das falsche Wort. In dieser Partie wurde eben wenig bis nicht gespielt. Es war spielerisch sicherlich der schwächste Auftritt der Rothosen unter der Regie von Titz. Es ist ganz offensichtlich, dass der Druck zunimmt. Der HSV, der Totgesagte, hat plöotzlich tatsächlich noch so etwas wie eine Chance auf den Klassenerhalt und damit wieder etwas zu verlieren. Das macht sich natürlich auch auf dem Spielfeld bemerkbar und macht es erklärbar, dass am vergangenen Samstag eher wieder in Gisdolscher oder Hollerbachscher Manier gepöhlt wurde.

Nun, Fußball ist und bleibt ein Ergebnissport. das 1:0 war ein Sieg des Willens, des Pollersbeckschen Willens, die Pille nicht in seinen Kasten zu lassen und des Holtbyschen Willens, die Pille unbedingt in das Freiburger Tor zu bugsieren. Das hat gegen verunsicherte und arg mit den Nerven kämpfenden Freiburgern (zu verschwörungstheoretischen Äußerungen und eingetretenen Türen an dieser Stelle kein Wort) gereicht. Ob dies auch am kommenden Wochenende zu Punkten in Wolfsburg, wo der Haussegen mehr als schief hängt, die Nerven blank liegen und den Spielern der Charakter abgesprochen wird, reichen wird?

Lewis Holtby ist sich zwar sicher, dass die Rolle des Jägers psychologisch von Vorteil sein wird. Christian Titz hingegen warnt vor zuviel Euphorie. Keine Frage, der Druck auf den Dino wächst, jetzt wo es wieder etwas zu verlieren gibt.

Diesen Druck erlebt gerade auch die U19 des HSV. Die Mannschaft von Daniel Petrowsky zitterte sich bei Kellerkind Holstein Kiel zu einem mühseligen 3:2 Auswärtssieg. Es geht um die Teilnahme an der Endrunde zur Deutschen Meisterschaft, dem größten Erfolg in der Bundesligageschichte der Junioren. Da können Beine und Kopf schon mal schwer werden und die Spielkultur auf der Strecke bleiben. 2 Spieltage vor Schluß führt die U19 die Tabelle noch mit einem Punkt Vorsprung auf Hertha BSC an. Am Sonntag erwartet man Dynamo Dresden und hofft darauf, dass Werder Bremen der Hertha in Berlin ein Bein stellen kann. Bei einem Sieg der Bremer und einem eigenen Sieg gegen Dresden könnte die Meisterschaft bereits eingetütet werden. Hält die U19 dem Druck stand?

Zurück zu Christian Titz, dessen Zukunft momentan ja ungeklärt ist. Sollte ihm der Klassenerhalt gelingen, dürften den Verantwortlichen die Argumente ausgehen, nicht mit ihm zu verlängern. Im Abstiegsfall wird viel davon abhängen, ob zeitnah ein neuer Spodi oder Sportvorstand installiert werden wird. Frank Wettstein äußerte bereits im Mai Entscheidungen bezüglich des Trainers treffen zu wollen, sollte bis dahin dieser Posten noch vakant sein und setzt damit den Aufsichtsrat und vor allem dessen Vorsitzenden Bernd Hoffmann unter Druck, der nach wie vor als Skeptiker bezüglich einer Weiterverpflichtung von Christian Titz gilt.

Was immer auch geschehen wird, eines scheint sicher, eine Rückkehr von Christian Titz in den Nachwuchsbereich des Hamburger Sportvereins wird es wohl nicht geben. Und genau da setzt mein Bedauern an, genau da, in der Ausbildung und Entwicklung junger Spieler und dem Heranführen an höhere Aufgaben hat Titz für mich die Stärken. Genau diese Rolle macht(e) ihn für den Hamburger SV eigentlich unbezahlbar. Ich sehe derzeit niemanden im Nachwuchsbereich in Hamburg, der diese Rolle auch nur annähernd einnehmen und so ausführen könnte. Aber gut, am Ende wird es eh wieder die große Lösung sein, die der große HSV anstrebt. Egal ob Abstieg oder nicht.

P.S. Punkteschnitt HSV Trainer

Titz 1,40
Hollerbach 0,43
Gisdol 1,08
Labbadia 1,16
Zinnbauer 1,04
Slomka 0,75
Marwijk 0,80
Fink 1,27
Oenning 0,64
Veh 1,42

Die Quote für Christian Titz könnte noch auf 0,875 sinken oder auf sagenhafte 2,0 steigen ;-)

 

P.P.S.
Man stelle sich vor, der HSV rettet sich auf Relegationsplatz 16. Die Massen feiern und dann geht die Relegation gegen Holstein Kiel verloren und ganz Deutschland feiert! Wen interessiert die Meisterschaft? Nur der HSV! :mrgreen:

4 Kommentare

  1. der Coach

    Der Hype, der gerade in den Medien stattfindet und auch bei Teilen der Fans herrscht, dieser ist ein zweischneidiges Schwert. Beflügelt er, so kann das Ganze tatsächlich noch im Klassenerhalt münden und man hätte “das Unmögliche möglich gemacht”, so wie einst Rocky mit seinen Siegen gegen Creed oder Drago – und das war Film, hier steht die Wirklichkeit und es grenzte einmal mehr an ein Wunder würde dies gelingen – aber das war ja in den vergangenen Jahren schon ein paar mal der Fall.

    Doch die andere Seite, sie darf man nicht aus den Augen verlieren – selbst nach einem Sieg gegen Wolfsburg stünden da noch 2 Punkte Rückstand – und der Abstieg ist realistisch betrachtet immer noch die wahrscheinlichste Option. Und dann stellt sich die Frage, wie reagiert das Umfeld, wie reagieren die, die gerade so euphorisiert sind und an den Klassenerhalt (wieder oder immer noch) glauben? Schlägt das Ganze dann (wieder) in Feindseligkeit um? Die Kreuze und Plakate sind nicht vergessen. Hoffentlich, sollte es tatsächlich zum Abstieg kommen, verläuft dies in geordneten Bahnen – mit Würde und Anstand.

    Egal wie es ausgeht, eine weitere Hoffnung muss man haben – die, dass endlich die richtigen Schlüsse gezogen werden und das endlich vernünftige Entscheidungen getroffen werden. So oder so, unabhängig von der Ligazugehörigkeit. Denn darauf hofften wir alle bisher vergeblich, vergeblicher als auf den Klassenerhalt – jedenfalls in der Vergangenheit…

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    1. HeLuechtHeLuecht (Beitrag Autor)

      Was die Reaktion der Fans im (höchstwahrscheinlichen) Abstiegsfalle anbelangt, dürfte es (bis auf eine Handvoll Chaoten) friedlich bleiben. Zu sehr ist da bei den Fans, trotz aller derzeitiger Hoffnung – ich weigere mich, hier von Euphorie zu sprechen – doch Realismus eingekehrt. Ich denke auch die Forderungen nach Titz zeigen in erster Linie, dass die Anhänger einen Schritt weiter sind, als die Clubverantwortlichen: günstige Lösungen, Nachhaltigkeit, junge Spieler bringen, entwickeln, die auch Fehler machen dürfen, Fussball spielen, auch wenn es am Ende nicht zu 3 Punkten reicht. Niemand greift nach den Sternen.

      Meine Hoffnung auf den Klassenerhalt ist gering, die Hoffnung auf künftige vernünftige Entscheidungen ist jedoch viel geringer, völlig unabhängig von der Ligenzugehörigkeit. Aber, das wird weiter für Schlagzeilen und Diskussionsstoff sorgen. Ist gut fürs Geschäft. Der HSV emotionalisiert und polarisiert, kaum jemand in der Republik kann sich dem entziehen. Da sind wir den Bayern um einiges voraus. Das macht doch Hoffnung, oder? :-D

  2. GVGV

    Bezeichnend ist, dass es der HSV garnicht selbst in der Hand hat. Er ist komplett von der (noch größeren) Schwäche der Konkurrenz abhängig.
    So, wie er dazu passend wirtschaftlich auch so gut wie nichts mehr selbst in der Hand hat; ein Schulden-Getriebener in der Falle.
    “Neuer HSV” ist ein weiterer Ettikettenschwindel.
    Einzig der Öffentlichkeitswert als quasi Skandal-Shownudel des deutschen Fußballs hat – allerdings zweifelhafte – Substanz.

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    1. GVGV

      … und jetzt kommt auch noch diese schwachsinnige Wunder-Story dazu.
      Wieder an Fallhöhe gewonnen.

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