Harmonie (Wochenrückblick 03/2019)

Irgendwie ist es gar nicht so einfach, wenn man auf die Woche zurückblicken will etwas zu finden, was nicht schon Lichtjahre her zu sein scheint. Zu bestimmend war in meiner Wahrnehmung die Mitgliederversammlung des HAmburger SV und natürlich im Rahmen dieser die Präsidentschaftswahl.

Es wird sich nicht vermeiden lassen, auf diese gestrige Veranstaltung in der Halle der Hamburg Towers im Wilhelmsburger Inselpark noch einmal ausführlicher einzugehen und die harmonische Inszenierung an dem einen oder anderen Punkt zu beleuchten.

Harmonie jedenfalls schien es in diesem Winter sowohl im Trainingslager des FC St. Pauli wie auch beim Hamburger SV zu geben. Beide inzwischen aus selbigem zurückgekehrt (die Kiezkicker heute bereits mit dem ersten Wintertrainingstag, der HSV startet morgen in die Eiseskälte), beide mit durchwachsenen Testspielergebnissen, je einer Niederlage und einem Sieg, wobei beide Teams auch bei den Siegen nicht wirklich überzeugen konnten. Harmonisch einträchtig quasi im Gleichschritt auch die beiden Trainer in ihrer grundsätzlichen Ausrichtung. Jeder sollte sich zeigen dürfen, und so kam jeder zum Einsatz, oft in Konstellationen, die man nie im Leben in einem Pflichtspiel so sehen wird. Auch von der Belastungssteuerung nahmen weder Kauczinsky noch Wolf Rücksicht. Es wurde voll trainiert und dann gespielt, das eine oder andere ausprobiert. Das sorgte bei einigen Fans zumindest im Falle des HSV schon wieder für Schnappatmung, die da befürchten, Wolf würde künftig regelmäig in einem 3-5-2 in der 2. Liga agieren. Bei St. Pauli nahm man das lockerer und gelassener. Die Laune war gut und wenn man die Berichte bei St. Pauli TV oder auf Instagram verfolgte, hatte man eher das Gefühl, es handele sich bereits um die Aufstiegsurlaubsreise. Zuviel des Guten wie Trainer Kauczinsky letztlich monierte. Er brauche keine Harmonie, Reibung und Konkurrenzkampf sei ihm viel lieber, aber das werde spätestens in Hamburg wieder kommen, wenn einige Spieler nicht berücksichtigt werden können. Gleich eine klare Ansage in Richtung Nachwuchs: keiner habe sich derart aufdrängen können, dass er in die Startelf drängen würde. Kein Luis Coordes und letztlich auch kein Finn Ole Becker, der allerdings zumindest aus meiner Sicht doch recht vielversprechende Ansätze zeigte.

Etwas, was die Harmonie bei den Kiezkickern zwar nicht zerstörte, die Laune aber ziemlich verfinsterte, war die schwerwiegende Verletzung, die sich Phillip Ziereis im Trainingslager zuzog. Kreuzband und Innenmeniskusschaden lautete die Diagnose, die nicht wirklich überraschte, wenn man sah mit welch schmerzverzerrtem Gesicht der junge Innenverteidiger vom Platz geführt wurde. Die Saison ist gelaufen, der Vertrag läuft aus. Der Klub möchte ihn halten. Mal schauen, auf jeden Fall von dieser Stelle gute Besserung und vollständige Genesung.

Die Stimmung bei den Rothosen war durchweg auch gut in La Manga, auch wenn Hannes Wolf zwischenzeitlich mehrfach laut wurde, was er selber allerdings sofort dahingehend relativierte, dass das ab und an mal sein müsse, um die Ansprüche hoch zu halten. Die Testspiele wie gesagt eher ein Muster ohne Wert, ein Matti Steinmann als LIV, da fragt man sich dann schon, ob es für ihn da nicht besser wäre, er würde sich noch im Winter einen neuen Verein suchen. Ein Profivertrag, wie noch unter Titz angekündigt, scheint weiter denn je in Ferne. Aber, wo sollte Matti hin? Was wäre sportlich und finanziell interessanter als die Regionalligatruppe des HSV. Wobei, dort läuft es ja auch alles andere als rund. Sportlich nicht und von der Stimmung eben auch nicht.

Ähnlich wie bei St. Pauli, so fällt auch beim HSV das Urteil über die Youngster aus, wenngleich Hannes Wolf das weit verklausulierter ausdrückt als sein Counterpart vom Kiez. Er habe sich gewünscht, dass die jungen Leute sich in den Testspielen etwas mehr hätten zeigen können. In der Tat konnten weder Arp und Vagnoman bleibende Akzente setzen. Jonas David, Aaron Opoku und Patrick Pfeifer ebenso wenig. Auch ein Manuel Wintzheimer konnte sich letzlich nicht aufdrängen. Gut, unterm Strich konnte das niemand, aber wer nachrücken will, der muss eben.

Positive Erkenntnis des Trainingslagers. Keine ernsthaften Verletzungen, Gideon Jung ist wieder belastbar, aber bei weitem noch nicht wirklich wettkampffähig, da fehlt noch eine Menge Spriztigkeit. Auffallend jedoch, dass er gesucht wird gerade von den jüngeren Spielern. Auf und neben dem Platz. Damit kommt ihm so oder so eine iwchtige Funktion in der Rückrunde in dieser Zweitligatruppe zu.

Disharmonisch dürfte das Gefühl beim Kieler David Kinsombi nach seinem Schienbeinbruch sein, der eine OP notwendig macht. Der Störche Kapitän wird dem Klub in der Rückrunde nicht mehr zur Verfügung stehen. Optimistische Kieler Schätzungen gehen von einer 3monatigen Pause aus. Fälle gleicher oder ähnlicher Verletzungen zeigen aber, das die Zeit bis ein Spieler nach einer derartigen Frauktur wieder leistungssportlich belastbar ist wesentlich längerausfallen dürfte. Hier sind 6-8 Monate eine her realistische Annahme. Und auch der bevorstehende Abgang von Kingsley Schindler zum 1. FC Köln im Sommer dürfte Spuren hinterlassen, wenngleich alle Seiten beteuern, dass er sich weiterhin voll reinhängen würde.

Richtig harmonisch zeigte sich in der letzten Woche auch eine Gruppe Arbeitsloser, die die Sonne Spaniens genießen durften. Nein, nicht auf Staatskosten. Match IQ hatte eingeladen und so sah man dann 4 gutgelaunte ältere Herren (Ralf Zumdick, Michael Henke, Mirko Slomka und Thomas Doll) zunächst im Trainingslager beim FC St. Pauli und kurze Zeit später beim HSV. nd angebracht, ob das gut angelegtes Geld ist, denn die Aussichten dieser Herren demnächst wieder in Lohn und Brot zu stehen und dann ein Trainingslager über Match IQ zu buchen sind doch eher bescheiden. Für das Trainingslager des FCSP jedenfalls war Match IQ noch zuständig und die Kiezkicker fühlten sich in Oliva Nova ja sehr wohl. Die Frage sei allerdings erlaubt, warum der Verein seine Trainingslager nicht selber bucht und organisiert. Die Vermarktung übernehmen sie jetzt im Sommer ja komplett in Eigenregie, da sollten solch vergleichsweise Kleinigkeiten doch gleich kostensparend mit organisiert werden.

Alles Fragen, die sich dem HSV dereinst nicht stellen, da dieser auf signing fees angewiesen ist und die auch bereits bis auf weiteres vereinnahmt hat.

Aber, die Lage ist nicht desolat, sondern nur schwierig an der Sylvesterallee, wie wir gestern bei einer zawr zum Teil zähen und langwierigen am Ende aber doch überaus harmonisch verlaufenden Mitgliederversammlung erfahren durften.

Ich will die Einzelheiten hier auch gar nicht mehr breittreten. Ich habe mich gestern und heute zu den meisten Dingen bereits auf anderen Kanälen zur Genüge geäußerst. Deshalb nur in gebotener Kürze:

Jürgen Hunke hatte Recht mit seiner Feststellung, dass alles schön inszeniert war. Natürlich weiß gerade er das gut zu beurteilen, aber dieses Mal waren seine Widersacher besser vorbereitet und vor allem in der Überzahl. Bereits als Hunke in den Saal kam un über 1200 Mitglieder versammelt waren, war klar, hier gibt es heute nichts zu holen. Natürlich war jeder Tagesordnungspunkt bestens vorbereitet, für jede Eventualität bereits eine vorgefertigte Antwort parat, ein Redner, der auf Zuruf, Fingerzeig oder Augenzwinkern seine Rolle zu erfüllen hätte. So etwas kann eben nicht nur ein Herr Hunke.

Die Versammlung bot also für jemanden, der sich ein wenig informiert und ab und an mal das Ohr am Puls der Zeit hat nichts wirklich überraschendes. Dass Bernd Hoffmann sich und den Vorstand für gute Arbeit loben und loben lassen würde, dass Frank Wettstein gutgelaunt verkünden würde, man habe alles im Griff, nichts sei wirklich dramatisch und dann auch noch ein Redner ihm fast auf Knien dankt, was er, der Finanzjongleur, doch ach so großartiges für den HSV geleistet hat in den letzten Jahren… geschenkt, Politheater, durchschaut jeder auf den ersten Blick, dazu noch lobende Worte aus Quickborn, gepaart mit der Drohung beim nächsten Mal werde wieder der Freund von Siemens dabei sein… ja, es war durchaus für Unterhaltung gesorgt. Dass dann verkündet wurde, die alte Anleihe durch eine neue in gleicher Höhe abzulösen, geschenkt, war jedem der in der ersten Klasse Grundschule aufgepasst hat ohnehin klar und auch der Zeitpunkt überrascht nicht.

Überraschender da schon eher das klare Bekenntnis von Interimspräsident Thomas Schulz, man wolle sich doch die Option für Anteilsverkäufe bis 33% offenhalten, für den Fall der Fälle. Dass man das will war klar, dass es so deutlich geäußert wurde überrascht. Und nun, nun wo die 24,9% festgeschrieben werden sollen? Na, keine Panik. es gibt Vereinsrecht, Aktienrecht und dann mahlen die Mühlen langsam, so langsam, dass man im März mit Sicherheit noch schnell etwas machen kann, wenn klar sein sollte, dass ansonsten die Lizenz in Gefahr wäre. Da wird man durch den angenommenen Antrag nicht de jure gebunden sein und es wird – sorry – keine Sau scheren.

Wie mman da vorgehen könnte, das zeigt die Diskussion um vom Beirat zu genehmigende (oder nicht zu genehmigende) Ausgaben im eV, wo es unterschiedliche Ausführungen gab. Letztlich hat das amtierende Präsidium diese allerdings schadlos überstanden, ebenso wie den Bericht der Rechnungsprüfer, die mangelnde Kooperation beklagten und bemängelten, dass Unterlagen verspätet oder gar nicht zur Verfügung gestellt wurden. Wirklich Trara gab es dann aber auch nicht, das amtierende Präsidium wurde dann nicht entlastet, na und. Weiter im Programm zu den Präsidentschaftswahlen.

Marcell Jansen als erster Redne ausgelost, die Redezeit auf 15 Minuten befrenzt. Er wirkt nervös. Neues hat er nicht zu vermelden. Jürgen Hunke als Zweiter, weiß genau, dass für ihn nix zu holen ist, schon gar nicht mit Hundert Spickzetteln der Selbstbeweihräucherung von denen höchsten 2 in einer Viertelstunde abgearbeitet werden können. Entsprechend unorganisiert wirkt die Abschiedsrede des alten Mannes denn auch. Dennoch, er zeigt sich verssöhnlich und erfreulicherweise halte sich die Buhrufe auch in einem erträglichen Rahmen.

Tja und dann kam Jürgen Hartmann….bääääm. Was für eine Rede? Donnerwetter. Flüssig, pointiert auf den Punkt gebracht mit einer klaren Abgrenzung zu Marcell Jansen ohne dabei verletzend, persönlich zu werden. Das hat mir imponiert. Wenngleich, neue Inhalte wurden auch nicht offenbar, aber der bis dato profillose Mann aus der Mitte zeigt plötzlich klare Konturen.

Da hat dann schon der eine oder andere im Saal noch mal wieder überlegt. Wenngleich es auch jene gab, die genau diese Rede zum anlass nahmen sich endgültig für Marcell Jansen zu entscheiden. Genau das dürften auch einige entschieden haben als Jürgen Hunke, der für mich und viele letztlich nicht unerwartet seine Kandidatur nach der Rede zurückzog, eine Wahlkampfempfehlung für Ralf Hartmann abgab.

Das dürfte Hartmann, der inzwischen lauthals einen Platz im AR für sich reklamiert, wohl am Ende mehr Stimmen gekostet als gebracht haben.

Wie dem auch sei, es hat erwartungsgemäß nicht gereicht. Jansen wurde mit 799 zu 490 Stimmen zum Präsidenten des eV gewählt, bei einer Wahl, bei der es weniger um Inhalte als vielmehr um Aussenwirkungen ging. Aber gut, Schnee von gestern Marcell Jansen ist der gewählte Präsident und ich schrieb es gestern bereits auf Twitter: Das Volk hat gewählt. Na, dann Glückwunsch @MarcellJansen. Mach was draus!

Wobei das mit dem Volk ja auch wieder so eine Sache ist. 1289 Mitglieder von 87.000. Na ja, die anderen hätten ja alle kommen können. Womit ich dann abschließend noch beim Thema Fernwahl/Briefwahl wäre. Die diesbezüglichen Anträge wurden abgelehnt. Sicherlich nicht nur, weil die Antragsteller zu vorgerückter Stunde nicht mehr vor Ort waren um ihre Anträge zu begründen und vernünftig darzulegen, sondern weil sie einfach schlecht formuliert waren. Wenn man hier wirklich etwas bewirken will und eine 75% Mehrheit für eine Satzungsänderung erreichen will, dann muss man besser vorbereitet kommen, sonst ist das Unterfangen von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Bereits jetzt habe ich im Vorfelde und im Nachgang zu dieser Veranstaltung erleben können und leider müssen, wie verfahren die Situation hier ist, wie tief der Karren im Dreck steckt, die Fronten verhärtet sind. Es wird teilweise derart vehement gestritten ohne auch nur einen Millimeter auf die Gegenseite einzugehen. Ergebnisoffen kann hier nicht diskutiert werden. Aber gut, das trübte die Harmonie auf der Versammlung nicht, denn das hat ohnehin schon niemend mehr mitbekommen.

Tja, was gab es sonst noch? Die Beiratswahlen. Der Vorsitzende Jan Wendt hat die Quittung für viele Dinge in seiner letzten Amtszeit bekommen und wurde entsprechend nicht wieder gewählt. Anders als Patrick Ehlers, der SC Kandidat darf sich über eine weitere Amtszeit in diesem – für mich abgeschafft gehörenden – Gremium freuen. In Kürze wird es dann auch noch die Kooptierungen geben, die Auswahl hier ist wie gehabt äußerst begrenzt.

So, am Ende alles friedlich verlaufen, keine Toten, kein Pyro. Die digitale Revolution bei der Abstimmung wurde eingeläutet und dann hat es doch tatsächlich schon wieder Spiele in der 1. Bundesliga gegeben und was soll ich sagen, die alten HSVer Müller, Walace, Wood und Osrtzolek immer noch in der bestechenden Form alter Tage. Feste Jungs, macht nur weiter so, ihr wisst ja wie es geht:

P.S. Wie es geht weiß angeblich ja auch der Mann mit der selbsternannten Sportkompetenz. Ich hege da nach wie vor so meine Zweifel, aber eines möchte ich an dieser Stelle mal abschließend ganz deutlich sagen: Sein junges Alter ist ganz sicher kein Grund, dass er es nicht können können sollte!

In diesem Sinne Peace & Harmony
Euch allen eine schöne und erfolgreiche Woche

#nurderHSV
#ForzaSanktPauli
#ahoiKiel

9 Kommentare

  1. Avatarky

    Danke Dir, auch für den Blick über den Grenzzaun am Millerntor 🙂
    Pointiert wie immer, mit feiner Ironie gepaart, ohne sarkastisch zu verletzen – schön geschrieben, HL.

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  2. GVGV

    Der Blick auf Pauli gefällt mir sehr gut! ich war früher meist bei beiden live, wenn ich konnte. Zu Pauli gehe ich immernoch, wenn sie in der Nähe spielen.
    Dieser Wochenrückblick in griffig überschaubarem Format und gutem Ton ist ein schönes Format.

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    1. HeLuechtHeLuecht (Beitrag Autor)

      Es gibt hier einen Blick auf Sankt Pauli. Pauli gibt es bei Rolf Kauka. 😉

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  3. GVGV

    Meinetwegen. Wichtiger Unterschied?

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    1. HeLuechtHeLuecht (Beitrag Autor)

      Letztlich wohl eine Frage des Standpunkte. Gibt ja etliche ‘Hasis’, für die ‘St. Pipi’ eine Witzfigur ist. Die wären mit Kaukas Pauli natürlich besten bedient.
      Beim FCSP legt man Wert auf das Sankt oder St. Pauli und da es mir hier nicht darum geht, eine wie auch immer geartete Feindschaft zu pflegen, ist es für mich ein Ausdruck des einfachen Respekts, mich an diese Gepflogenheiten zu halten.
      Zumindest im Blog 😉

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      1. GVGV

        Ok, wie gewünscht.
        Allerdings mir sind nicht wenige Paulianer teils seit langem bekannt, die keinerlei Wert darauf legen, gar noch solches verwenden… es mag wohl etwas Offizielles sein.
        nichts liegt mir hier ferner denn Feindschaft; ganz im Gegenteil.

      2. Avatarder Coach

        Also die meisten St. Pauli-Fans die ich kenne sprechen von Pauli. Ich höre selten das Sankt.

  4. Avatarproposer

    es wäre toll, wenn das kommentar modul in der seitenleiste auch das datum des kommentars zeigen würde

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  5. Avatarder Coach

    Es wäre auch toll wenn alle Welt in Frieden leben würde.

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