Kein Grund zur Euphorie, aber…

Eigentlich sollte es heute um etwas ganz anderes gehen, doch das muss ein paar Tage warten, denn das gestrige Spiel und die Reaktionen darauf bewegten mich, doch erstmal etwas dazu zu schreiben.

Nein, keine Angst, hier gibt es nun nicht den x-ten Spielbericht, vielmehr eine Stimmungsbeschreibung. Denn eines fällt auf, irgendwas ist anders, irgendetwas hat sich in den vergangenen Wochen getan.

Schauen wir auf das Spiel, oder auf die letzten Spiele der Hamburger, ist das wirklich plötzlich so viel besser geworden? Ich sehe immer noch viele Fehlpässe, Unzulänglichkeiten, viel „langen Hafer“, schwachen Spielaufbau, schlechte Ballannahmen usw., okay hin und wieder leichte Verbesserungen, zeitweise recht gutes Mittelfeldpressing und die Zahl der haarsträubenden individuellen Fehler, der Slapstick-Einlagen in der Abwehr scheint zurückgegangen zu sein. So wirklich signifikant verbessert wirkt das noch nicht, allenfalls in Ansätzen und doch scheint irgendetwas anders als vorher. Oh,ja, der HSV gewinnt, trotz aller immer noch vorhandenen Defizite.

Wille, Einsatz, Kampf und auch Glück (das Glück des Tüchtigen?) haben es dem HSV ermöglicht wieder Anschluss zu finden und die Abstiegsränge zu verlassen. Dabei profitiert der HSV auch von einer sehr ausgeglichenen (ausgeglichen schwachen?) Liga in der nur die Bayern im positiven sowie Darmstadt und (mit Abstrichen) Ingolstadt im negativen sich deutlich vom Rest abheben. Und noch etwas kann man wieder spüren: Vertrauen. Zunächst Selbstvertrauen der Spieler, aber auch Vertrauen bei Fans und Umfeld, beides bedingt und beeinflusst einander und ist ein Baustein für den Aufschwung in den letzten Spielen. Zu Saisonbeginn und auch in den ersten Spielen nach dem Trainerwechsel war immer wieder zu beobachten, dass die Mannschaft nach einem Gegentor kaum in der Lage war sich wirklich aufzubäumen. Oft genug schien sich das Team in sein Schicksal zu fügen. Der Wille mag da gewesen sein,aber es ging einfach nicht viel. Auch als Fan erlebte man das, jeder Gegner schien zu gut, die eigene Mannschaft schien um Gegentore zu betteln, irgendwie ging man schon im Vorfeld von einer Niederlage aus und meist wurde man bestätigt. Demonstrativ zur Schau gestellte Siegesgewissheit wirkte deplatziert, geradezu lächerlich, stets eher wie das Pfeifen im Walde.

Doch genau das ist heute anders. Während man früher nach dem der Gegner ausgeglichen hatte nur noch auf den Zeitpunkt des nächsten Gegentores wartete traut man der Mannschaft jetzt zu das Spiel doch noch zu gewinnen oder wenigstens den einen Punkt halten zu können. Und die Mannschaft glaubt auch selbst wieder daran – sie kämpft, sie versucht ihr Glück und den Erfolg zu erzwingen. Klar funktioniert dies nicht immer so, dass es auch reicht, aber der Wille ist da und man versucht es. Rückschläge gibt es natürlich auch, sogar ganz bittere wie das 0:8 in München, aber die Mannschaft scheint nun eher in der Lage damit umzugehen.

Schöner Fußball, guter Fußball? Nein, den gibt es beim HSV nicht zu sehen, ordentliche Spiele, ja, aber mehr auch nicht. Das wird wohl vorerst auch so bleiben, eine wirklich signifikante Steigerung ist im Laufe dieser Spielzeit wohl nicht mehr zu erwarten.

Es bleibt festzuhalten,der HSV ist wieder mittendrin, das Rennen ist wieder völlig offen, das Feld hat sich dicht zusammengeschoben. Aber, um bei der Radsportmetapher zu bleiben, das Rennen ist noch lange nicht vorbei und die härteste und entscheidende Etappe liegt noch vor uns. Und es sind keine lockeren Flachetappen, jetzt kommen die schweren Anstiege, Mont Ventoux und Alp d’Huez lassen grüßen.

Es bleibt ein Ritt auf der Rasierklinge, noch ist nichts geschafft,lediglich dem Besenwagen ist man davon gefahren und hat Anschluss ans Hauptfeld gefunden. (So, jetzt ist aber auch gut mit den Tour-Metaphern.)

Was oben zu Vertrauen und Selbstvertrauen und deren Wechselwirkung gesagt wurde, es könnte zu einem, in Hamburg, beim HSV, wohlbekannten Problem führen. (Selbst-)Zufriedenheit, (Selbst-)Überschätzung, fehlerhafte Einschätzung des eigenen Könnens und der eigenen Leistungen und falsche Einordnung derselben im gesamten Kontext der Bundesliga.

Die ersten Fans reden von Europapokal (überwiegend noch leise und zum Teil eher im Spaß, aber nicht nur), die Spieler feiern sich und das Verlassen der Abstiegsränge wie die Deutsche Meisterschaft (verdienen aber wie CL-Teilnehmer), Herr Holtby steht mit Megaphon in der Kurve und lässt sich für sein Tor abfeiern (bei dem was er verdient müsste er wohl eher 15 Tore im Jahr machen).

Nein, hier muss man aufpassen – für Euphorie gibt es keinen Grund und alle, Spieler, Funktionäre, Fans täten gut daran mit beiden Beinen schön auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben. Der Klassenerhalt ist wieder möglich, aber noch nicht in trockenen Tüchern. Immer schön locker durch die Hose atmen. Immerhin ist es schon ein gutes Gefühl wieder an die Mannschaft glauben zu können und auf den HSV zu setzen ohne das Gefühl zu haben damit habe man grad seinen Einsatz verbrannt.

Mein Fazit der derzeitigen Situation: Man muss nicht mehr deprimiert auf die beinahe sichere Niederlage warten, der HSV kann wieder Spiele gewinnen und hat Anschluss gefunden. Man ist mitten in einem Kampf zur Vermeidung des 16. Platzes, an dem mindestens ein Drittel der Liga beteiligt ist und man hat durchaus die Chance in diesem Kampf zu bestehen. Wie es dann weitergeht steht eh in den Sternen. Hoffen wir das Beste…

– der Coach –

4 Kommentare

  1. slobocop plusslobocop plus

    jau, coach, wir sind wieder im geschäft und es macht wieder spaß, die spiele anzusehen, auch wenn es meistens an die nerven geht. der mitte der hinrunde eingekehrte fatalismus ist weg, zumindest bei mir. das schöne ist, dass die ballerinas es wieder selbst in der hand haben und aus eigener kraft schaffen können, die relegation zu vermeiden. wer hätte das nach dem 15. spieltag noch gedacht? ich jedenfalls nicht. zwei faktoren könnten uns im nach wie vor akuten und wohl bis zum letzten spieltag andauernden abstiegskampf von vorteil sein. 1) wir sind gefühlt schon seit dem 3. spieltag in diesem abstiegskampf und zum ende der hinrunde hat die mannschaft das auch angenommen. einige andere teams wie mainz, augsburg, wolfsburg merken erst jetzt, wie ernst die lage und wie eng die tabelle ist. selbst die pillen, schalke oder gladbach sind noch nicht durch. 2) die wiedererlangte heimstärke trägt dazu bei, dass wir endlich wieder dreifach punkten und zwar auch gegen teams aus den oberen regionen der tabelle. sechs der letzten sieben heimspiele gewonnen und gegen freiburg nur remis gespielt, weil hunt unbedingt mal einen elfer “schießen” wollte. das ist schon nicht schlecht und war auch bitter notwendig, weil wir ja punkte aufholen mussten. ich hoffe, dass das auch so bleibt. die vermeintlich schwächeren teams und direkten konkurrenten kommen ja erst noch.

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  2. HeLuechtHeLuecht

    Genau, absolut kein Grund für Euphorie. Erst recht nicht, wo der beste Hamburger dieser Spielzeit, Nikolai Müller, für den Rest der Saison ausfallen ird und niemand im Kader ihn auch nur annähernd adäquat ersetzen kann. Kein Hunt, kein Gregoritsch und erst recht kein Waldschmidt oder Porath. Es wäre die Zeit für den ‘kleinen’ Mats Köhlert, aber der laboriert auch noch an den Folgen einer Verletzung.

    So bleibt (inzwischen berechtigtes) Hoffen auf weitere Punkte, möglichst gleich gegen die namhaften Gegner BVB und Hoffenheim. Mit denen auf Augenhöhe oder darunter hat man traditionell ja so seine Probleme (Augsburg, Mainz, Darmstadt) und Bremen…

    Der Drops ist noch lange nicht gelutscht. Das durfte auch St. Pauli eine Klasse tiefer gerade wieder erfahren. Also, schön auffem Teppich bleiben meine ‘Jubel-Pester’.

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    1. ky

      jau, Coach, das ist eine sehr klare Zustandsbeschreibung, die ich genau so sehe.
      Deine Tour-Metaphern haben mir auch sehr gefallen, aber “Jubel-Pester” solltest Du Dir wirklich schützen lassen :-)))) Endlich weiß ich ein Wort dank Dir für meine Person:
      JUBEL-PESTER.

  3. Aradia

    Hallo ihr Lieben.
    Wir haben 3 wichtige Punkte gegen den Abstieg geholt
    und mit dem einen Punkt gegen Freiburg, unser Torverhältnis
    unwichtig gemacht. Darum bitte keine ein Punkte Spiele mehr!
    Unser Problemvorort, also die unsichtbare Stadt westlich
    hinter den Elbbrücken, hat einen Lauf und ist nicht zu bremsen.
    Wolfsburg wehrt sich und hat auch ein hochwertiges Spielermaterial
    und wir? kränkeln weil wir alles geben müssen um nicht zu verlieren.
    Der Verschleiss fängt an und Verletzungen können wegen Bedarf
    nicht ausheilen. Also ähnlich wie die letzten Jahre.
    Da werden natürlich Einzelaktionen, wie es letztens Holtby
    machte, ein feierliches Arenafest mit dem ständigen
    Weihgesängen der mobilen Begleiter.
    .
    Bei Heimspielen überlege ich immer, dass Schwarze oder vielleicht
    doch Pink, und dann wird es doch das Graue und upps….
    lila wird gefeiert. :-)
    Dieser Quälkram bis zum Schluss in starrer Haltung zu verbleiben
    ist schon anstrengend zumal ich hüpfen albern finde und schreien
    besser finde. Aber der Gesang unserer Kurzen ist so laut das ich
    immer an Ausserirdische denken muss die versuchen mit dem
    Ball Kontakt auf zu nehmen.
    Lotto versucht es auch und singt von der Perle…..was nen Schleimer.
    Ich bin da mehr für das Harte!
    Der Ball muss getreten werden……den Ball streicheln kann eh keiner.
    In dem zu muss ich dem Coach recht geben und anmahnen
    das der Abstieg nicht mit kuscheln vermieden wird.
    Guter Coach!
    .
    Nun stehen die Bienen mit ihrem gefürchteten Maskenmann
    an und warten wie jedes Jahr brav darauf ihre Opfergaben
    zu präsentieren. Ich würde mich freuen wenn wir sie annehmen.
    Verweigern wir dies, …naja man kann sie ja auch im Zug vergessen.
    Oder schlimmer, verlieren.
    Schönen Abend noch.
    .
    .

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