Klappe – Die 103. – Werder vs. HSV (Vorschau)

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Keine Partie in der Fußball-Bundesliga ist brisanter. Keine Partie im Norden von mehr Emotionen, ja zum Teil abgrundtiefer Feindschaft überschattet. Keine Partie hat es öfter gegeben. Am Samstagnachmittag heißt es nun bereits zum 103. Male Werder Bremen gegen den Hamburger SV.

Ein kurzer Blick zurück …

Bereits zu Oberligazeiten trafen die beiden Kontrahenten aufeinander. Damals dominierten klar die Hamburger, die fünfzehn der sechzehn möglichen Titel in der Oberliga Nord gewannen. Zu Beginn der Bundesliga wendete sich das Blatt. Die erste Partie in der neugegründeten Liga endete 4:2 für die Bremer, die 1965 schließlich als erstes der beiden Teams die Meisterschale in der Bundesliga hochhalten konnten.

In der Folgezeit dümpelten beide Vereine im Mittelmaß vor sich hin. Bremen musste nach der Saison 1979/80 gar den Gang in die Zweitklassigkeit antreten, schaffte allerdings unter Kuno Klötzer und Otto Rehagel den direkten Wiederaufstieg.

Zu Beginn der 80er geht es für beide Teams um die Meisterschaft. Hier hat zunächst der HSV mit Ernst Happel und den Titelgewinnen 1982 und 1983 die Vorteile klar auf seiner Seite.

In diese Zeit fällt auch das schwärzeste Kapitel in der Geschichte der Aufeinandertreffen der beiden Nordklubs. Der durch HSV-Hooligans verursachte Tod des 16jährigen Bremers Adrian Maleika am Rande des DFB-Pokalspiels im Oktober 1982. Durch einen erklärten Racheverzicht sowie zahlreiche von beiden Vereinen ins Leben gerufene Fanprojekte, verhinderten in der Folge weitere Gewaltausschreitungen. Das Verhältnis zwischen beiden Lagern blieb und bleibt aber nach wie vor spannungsgeladen und die eine Seite gönnt der anderen nicht das Schwarze unter den Fingernägeln.

Doch zurück zum Sport. Unter Otto Rehagel lief Werder Bremen den Hamburgern schließlich wieder den Rang und legte nach drei zweiten Plätzen in fünf Jahren mit dem Gewinn der Meisterschaft 1988  auch den Makel des ewigen Zweiten ab.

Ein Jahr später dann das Aus von Dietmar Jakobs. Ein Karabinerhaken bohrt sich beim 4:0 des HSV im Nordderby in seinen Rücken und beendet seine Karriere.

In den 90ern herrscht beim HSV nur noch (unteres) Mittelmaß. Werder ist endgültig zur No. 1 im Norden aufgestiegen und feiert 1993 eine weiter Meisterschaft unter Otto Rehagel.  Sein Schüler und Nachfolger Thomas Schaaf formt zu Beginn der 2000er wieder ein Top-Team, das 2004 gar das Double feiern kann. Beim HSV geht es sportlich zwar auch wieder bergauf, an der Vormachtstellung der Bremer können die Hamburger allerdings nicht wirklich kratzen.

Die legendäre Papierkugel, die den Einzug in das Europapokalfinale in Istanbul verhinderte.

Die legendäre Papierkugel, die den Einzug in das Europapokalfinale in Istanbul verhinderte.

Dann gab es da noch den unrühmlichen Kung-Fu Auftritt eines gewissen Tim Wiese im Mai 2008 gegen Ivica Olic, der Glück hatte, das nichts Schlimmeres passierte.  „Das ist mir eigentlich jetzt scheißegal. Tut mir leid, dass ich ihn auch ein bisschen mit getroffen hab.“ war damals Wieses lapidarer Kommentar zu dem Vorfall, den Franz Beckenbauer als “Mordversuch” titulierte und der sogar die Staatsanwaltschaft mit Totschlags-Ermittlungen auf den Plan rief.

Ja und schließlich war da noch jene legendäre Papierkugel, die den Hamburger SV in der Saison 2008/2009 am Ende die Teilnahme am Finale der Europa League in Istanbul kostete, weil sie dafür sorgte. dass der Pass von Michael Gravgaard ins Toraus gelenkt wurde und Werder nach der anschließenden Ecke das vorentscheidende 3:1 durch Frank Baumann erzielen konnte. (Mehr zur Historie)

HSV Auswärts- und Gesamtbilanz gegen Werder Bremen

HSV Auswärts- und Gesamtbilanz gegen Werder Bremen

In der letzten Saison standen die beiden Begegnungen im Zeichen des Abstiegskampfes. Unter Joe Zinnbauer behielten die Rothosen dank eines „Duseltores“ von Artjom Rudnevs zum 1:0 und eines Eigentores des Bremers Wolf in der Nachspielzeit mit 2:0 die Oberhand. Das Spiel in Bremen ging allerdings nur vier Tage nach dem Amtsantritt des jetzigen HSV-Trainers Bruno Labbadia mit 0:1 verloren.

Für die Rothosen gab es in den letzten Jahren im Bremer Weserstadion wenig zu beschicken. Ein Sieg und zwei Unentschieden in den letzten zehn Jahren, das war’s. Der letzte Sieg liegt bereits fast 9 Jahre zurück. Damals, am 17. Februar 2007, gelang dem  HSV, kurz nach der Entlassung von Thomas Doll, unter dem inzwischen in Hoffenheim gelandeten Huub Stevens ein 2:0 Sieg. Beide Tore vor ausverkauftem Haus schoss Rafael van der Vaart (42. Minute per Elfmeter nach Foul an Jarolim und 87. Minute per Linksschuß nach Vorlage von de Jong). Beim letzten HSV Sieg in Bremen übrigens dabei:  Ivica Olic, der aufgrund der angespannten Personalsituation auch dieses Mal zum Einsatz kommen könnte.

Der Blick voraus …

Prinzipiell reist der HSV nach dem Dortmund Spiel mit breiter Brust nach Bremen, das selber nach dem 0:6 Debakel in Wolfsburg ein wenig mit dem Rücken zur Wand steht. Werder wird daher auf Wiedergutmachung und Rehabilitation drängen und da kommt der Erzrivale von der Elbe natürlich gerade recht, auch wenn Tim Wiese der Meinung ist, dass die Derbys zwischen den beiden Teams nur noch “Not gegen Elend” seien. “Ganz ehrlich, den Blödsinn muss ich mir nicht mehr anhören!” kommentierte Werders Thomas Eichin, den verbalen Rundumschlag, des “Catchers” sichtlich genervt.

Die Personalsituation beim HSV, die durch die Ausfälle von Diekmeier, Spahic und Ekdal ohnehin angespannt war, hat sich im Laufe der Woche weiter verschärft. Aaron Hunt, der liebend gerne beim Derby aufgelaufen wäre, meldete sich zwar nach einigen Trainingseinheiten wieder fit, muss aber aufgrund einer Mandelinfektion nun doch passen. Zudem fällt Kacar nach einem Zusammenprall mit Ostrzolek mit einem Kniebandanriss aus und am Freitag gesellte sich auch noch Zoltan Stieber zu den Verletzten, der ebenfalls wegen Knieproblemen passen muss. Der Kader wird ergo mit Spielern aus der “Zwoten” aufgefüllt, was diese nicht schwächen wird, weil das Spiel beim Regionalligaaufsteiger Schilksee bereits wegen Unbespielbarkeit des Platzes abgesagt wurde. Neben den bereits bekannten Gesichtern Ahmet Arslan und Ashton Götz, rückt mit Kerim Carolus ein weiterer “Youngster”, ein Innenverteidiger in den ausgedünnten Kader. Der ebenfalls unter der Woche “schwächelnde” Pierre-Michel Lasogga konnte das Abschlußtraining allerdings absolvieren und meldete sich dienstbereit.

Wie gehabt, jammert Bruno Labbadia nicht und sieht jetzt die Spieler aus dem zweiten Glied in der Pflicht und der Verantwortung zu zeigen, warum sie im Kader eines Bundesligisten stehen. “Wenn Anpfiff ist, spielen die Ergebnisse von letzter Woche keine Rolle mehr. Wir gehen mit einem guten Gefühl rein, aber wir wissen, dass Bremen uns alles abverlangen wird.”

Mit Blick auf das 0:6 in Wolfsburg sagt Bremens Trainer Skripnik, der den HSV nach den letzten Ergebnissen nicht in der Favoritenrolle sieht: “Wir müssen uns anders präsentieren. Die vorherigen Ergebnisse zählen nicht. Wir wissen, wo es im Nordderby langgeht und wollen eine gute Rolle spielen. Jeder Spieler hat sich im Training bemüht, möchte am Samstag unbedingt dabei sein. So muss das sein.”

Nun, wer auch immer Auflaufen wird und auf welchem spielerischen Niveau die Partie sich am Samstag bewegen wird, für Spannung in diesem traditionsreichen Nordderby ist auf jeden Fall gesorgt. Es wird – wie immer – hoch hergehen in diesem brisanten Nordderby, weshalb man sich Skripniks Worte aus der Vorsaison als Fan durchaus noch einmal zu Gemüte führen sollte: „Fußball ist ein Spiel und kein Krieg. Ich wünsche mir ein friedliches Spiel ohne Ausschreitungen.”

Die letzten Ergebnisse des HSV bei Werder Bremen (aus HSV Sicht):

  • 0:1 (0:0) [2014/15]
  • 0:1 (0:1) [2013/14]
  • 0:2 (0:0) [2012/13]
  • 0:2 (0:0) [2011/12]
  • 2:3 (0:2) [2010/11]
  • 1:1 (0:0) [2009/10]
  • 0:2 (0:1) [2008/09]
  • 1:2 (0:1) [2007/08]
  • 2:0 (1:0) [2006/07]
  • 1:1 (0:1) [2005/06]

So könnten sie spielen:

Werder Bremen:
Wiedwald – Gebre Selassie, Lukimya, Vestergaard, S. Garcia – Bartels, Bargfrede, Grillitsch, Junuzovic – Ujah, Pizarro
Trainer: Viktor Skripnik

Hamburger SV:
Adler – Sakai, Djourou, Cléber, Ostrzolek – Jung, Diaz, Holtby – N. Müller, Ilicevic – Lasogga
Bank: Drobny, A. Arslan, Carolus, Götz, Gregoritsch, Olic, Schipplock
Trainer: Bruno Labbadia

Schiedsrichter: Knut Kircher
Der 46jährige Maschinenbauingenieur aus Rottenburg pfeift am Freitagabend sein 235. Bundesligaspiel und zum 34. Mal eine Bundesligapartie des Hamburger SV. In den bisherigen 21 Auswärtsbegegnungen unter seiner Leitung verzeichnete der HSV neun Siege, vier Unentschieden und acht Niederlagen bei 46 gelben und lediglich einer gelb-roten Karte (Gesamt: 15 S/7 U/11 N – 71 G/1 GR). Knut Kircher war im Übrigen auch der Referee beim letzten Hamburger Sieg in Bremen. Das sollte ein gutes Omen sein!


P.S. Die Bremer werden im Derby gegen den HSV mit dem Logo des Deutschen Tierschutzbundes auflaufen. Ob die Hähnchen von Sponsor Wiesenhof davon profitieren, wurde leider nicht übermittelt.

8 Kommentare

  1. slobocop plusslobocop plus

    gut, dass du nur kurz die papierkugel angerissen hast und sonst nicht weiter auf die vier spiele in zwölf tagen eingegangen bist, HL. verdrängung ist gut, vergessen ist besser.

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    1. HeLuechtHeLuecht (Beitrag Autor)

      Zu den 12 Tagen könnten noch einige Erfahrungsberichte von Benno kommen :mrgreen:

  2. ky

    Moinsen, wieder ein sehr schöner Vorbericht, HL, klasse, danke.
    Sehr schön auch Dein Schlußwort: “Ob die Hähnchen von Sponsor Wiesenhof davon profitieren, wurde leider nicht übermittelt.” :-) :-)

    Wie peinlich muss einem ein Sponsor sein, wenn ich als Verein dann versuche, mit dem Tierschutzbund “was gut zu machen”? Echt krass…

    Kann morgen erst ab Minute 30 gucken, hoffe, ich verpasse nicht zuviel. Wäre schön, mal wieder was in Bremen zu holen und die Gunst der Stunde zu nutzen…

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  3. JonnyJonny

    Ich habe noch Heini Kokartis u. Dragomir Ilic’ bei Werder spielen sehen , andere will ich garnicht nennen. Heini war ein Torwart der Extraklasse , ging von HEBC nach Bremen, Ilic’ war sein Nachfolger und nicht schlechter. Leider gingen sehr viele Hamburger Talente nach Bremen, statt zum HSV . Werderfans sind in Teilen, unsägliches Pack, nach meinem letzten Besuch im Weserstadion, habe ich beschlossen, diese heidnische Stätte nie mehr aufzusuchen. Der HSV gewann u.a. dank Sergio Zarrate 2:0 und sobald die HSV Fans ihr HSV HSV riefen , schrie das nach Fisch stinkende Pack HIV HIV. Eine so schlimme Krankheit zu benutzen um zu beleidigen , machen in Deutschland nur Ullrich Hetsch vom Arena Blog und eben das spezielle Werderpack, damit sind nicht die große Mehrzahl der Werderfans gemeint. Allerdings, Fischköppe und Lachs passen in eine Suppe. Im Volkspark empfängt man Werder freundlich und respektvoll, “Scheiß Werder Bremen” ist keine Beleidigung, sondern eine Tatsache. :-P
    .
    Berichtigung, obwohl unwichtig, Ilic’ war Stammtorwart und Kokartis HEBC u. Bergedorf 85 Verdrängte ihn in seiner 2. Saison bei Werder. Meine Erinnerungen lassen auch nach, genau wie mein General, der grüßt auch nicht mehr täglich :mrgreen:

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    1. HeLuechtHeLuecht (Beitrag Autor)

      Ilic ist laut Transfermarkt 48/49 zu Werder gekommen, aber die wissen nicht, woher er kam. Vielleicht solltest du die Jungs dort mal informieren.

  4. cool downcool down

    HeLuecht, ganz grosses Tennis Dein Vorbericht. Eine Einstimmung, die für mich hoch qualitativ ist; die Mühe allein, die Du Dir mit der Historie gemacht hast verdient ein Riesen Dankeschön.
    Scheun Gruss nach Glinde.

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  5. Benno Hafas

    HeLuecht, 2009 war das was? Alles vergessen.
    2010/11 beim 2:3 im Westerstadion war ich zuletzt dort. Es stand kurz vor Schluß 2:2 und durch einen Fehler von Trochowski fiel der Siegtreffer für Werder. Veh war so außer sich, dass er Trochowski noch vor der Schlusspfiff auf dem Platz zur Minna machte. Ich saß mit einigen Leuten aus Neuenwalde zusammen. Keine Diaspora; denn Raute und Grün gemischt, hat richtig Spass gemacht. Als ich zum Ausgang ging, lief ein ca 40jähriger Grüner an mir vorbei, schrie Scheiß HSV und scheuerte mir eine. Idioten gibt es überall. Mein Bremer Freund hat mich dann mit einigen Bieren getröstet.

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  6. ky

    Beim letzten Sieg 2007 war ich im Stadion, heute morgen rief mich ein Bremer Bekannter an – der in HH wohnt, er hätte eine Karte über, ob ich mitwollen würde? Ging leider nicht, habe meinem Lütten…

    2007 war das erste Tor ein Elfer kurz vor der Halbzeit, RVV23 verwandelte, und ich sprang von meinem Sitzplatz auf – VIP-Block der Bremer (Karten kamen über einen Bekannten aus der Sportvermarktung)… Hinter mir drückte mich ein Anzugträger mit giftgrüner Krawatte wieder runter und schrie: “Setz Dich hin, Hamburger Arschloch…”

    Das 2:0 war meines Erinnerns nach ein direkter Freistoß von RVV23. Da habe ich mich nur umgedreht und den Typen angegrinst…

    Insofern: große Freude und Genugtuung heute, danke, Jungs…

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