Sackgasse Sylvesterallee – Endstation HSV! Teil 7



Aus aktuellem Anlass heute Teil 7 der Serie von Prof. Vitzliputzli, der ausführlich auf die Amtszeit des Präsidenten Jürgen Hunke zurückblickt. Für all jene, die sich nicht mehr erinnern können oder wollen und all jene, denen hier die Gnade der späten Geburt, die Möglichkeit bescherte davon nichts wissen zu müssen.

Ja, es ist viel zu lesen, aber es lohnt sich. Danke Prof.

Kommt der ‘Visionär’ gar wieder???
— HeLuecht —


Chronologische Aufarbeitung eines taumelnden Traditionsvereins.



Teil 7: Ein Visionär tritt ab und bleibt


Mächtig gewaltig, Egon!

Beim HSV kracht es vor und hinter den Kulissen ordentlich und es wird munter ausgeteilt. Egon Coordes und Jürgen Hunke liegen sich über Kreuz. Der Trainer fühlt sich nicht genug gewürdigt, weil er im Gegensatz zu Spielern und leitenden Angestellten, nur einen Einjahresvertrag angeboten bekommen hat. Zudem mischt sich Hunke in die Personalplanungen ein, ohne Coordes davon in Kenntnis zu setzen. In der Vorstandsetage herrschen schon länger Vorbehalte gegen den sturen und unbeugsamen Schleifer aus Wesermünde. Das ohnehin schon angespannte Verhältnis zwischen Trainer und Mannschaft eskaliert. Schwere Anschuldigungen von beiden Seiten, machen eine Zusammenarbeit nicht mehr möglich. Auch das Arbeitsverhältnis zum Neu-Manager Bruchhagen ist auf das Nötigste beschränkt und besteht ansonsten nur auf dem Papier. Coordes bleibt unbelehrbar und sucht die ultimative Konfrontation an allen Fronten, in der er nur als Verlierer enden konnte. Der Lerneffekt aus dem Scheitern beim VFB Stuttgart war gleich Null. Prinzipientreu bis zur vorprogrammierten Trennung. Diplomatie bleibt für ihn ein Fremdwort…

 

Juni 92:

[…] In Hamburg hängt der Haussegen schief. Und Coordes reagiert stinksauer auf die Tatsache, daß ihm Präsident Hunke nur einen auf ein Jahr befristeten Vertrag anbieten will: „Ich bin ganz schön verstimmt.“ Hintergrund für die Verbitterung: Coordes möchte den geplanten Neuaufbau beim früheren Europapokalsieger bewerkstelligen und strebt daher eine mittelfristige Perspektive an. Konkret: Er möchte einen Zweijahresvertrag. Doch dieses Ansinnen hat HSV-Boß Jürgen Hunke bislang abschlägig beschieden. Der Versicherungsunternehmer bietet Coordes nur eine Vertragsverlängerung um ein Jahr an. Der Streit ist da.


„Alle bekommen langfristige Verträge, nur ich nicht“, stellt Egon Coordes fest. Und verweist auf die neuen Spieler … sowie auf den neuen Manager Heribert Bruchhagen. Gestern empörte sich der Trainer vor allem über Äußerungen aus dem HSV-Präsidium. Ein gewisser Hans Schümann, meist farbloser Vize, soll dies gesagt haben: „Ich weiß nicht, ob Herr Coordes in der Lage ist, eine neue Elf aufzubauen.“ Einen solchen Kommentar empfindet Coordes als Frechheit. […]

(kicker, Nr.48/25.Wo. 15.6.1992)


Jetzt, da Trainer Egon Coordes fast alle seine Wunschspieler bekommen hat, geht er auf die Barrikaden. Er will plötzlich einen Zwei-Jahres- Vertrag, obwohl er noch bis Mitte 1993 an den HSV gebunden ist. Motto: Wenn man keine Probleme hat, dann schafft man sich welche . . .

Sommertheater beim HSV. Im Kicker-Sportmagazin beklagte sich der 47 Jahre alte Coach. […] Der HSV-Präsident denkt nicht im Traum daran, den bis Mitte 1993 laufenden Trainer-Vertrag vorzeitig zu verlängern. “Ich verstehe den Trainer nicht, ich dachte, dieses Thema wäre längst unter uns ausdiskutiert worden. Warum drängt er auf einmal so, warum will er uns unter Druck setzen? Er hat seine Spieler bekommen, jetzt könnte er in aller Ruhe arbeiten”, sagt Hunke. Und fügt an: “Es kann doch nicht sein, daß wir uns von einem leitenden Angestellten zu diesem Zeitpunkt eine Verlängerung vorschreiben lassen. Darüber können wir uns Ende des Jahres unterhalten.”

Töne, wie sie vor der Trennung von Manager Georg Volkert vor einem Jahr ähnlich zu vernehmen waren. Es scheint, als stünde demnächst schon wieder ein Wechsel beim HSV an. Pokert Egon Coordes zu hoch? Der ehemalige Bayern-Assistent war am 12. März in höchster Abstiegsgefahr verpflichtet worden. Damals wurde vereinbart, daß er bei einem Klassenerhalt bis 1993 bleibt.

Ärgerlich zur Kenntnis genommen hatte der HSV-Coach, der so gut wie kaum einer seiner Vorgänger beim HSV bezahlt wird, eine Äußerung von Vize-Präsident Hans Schümann. […] Dazu der Vize: “Das ist nie behauptet worden, das weiß auch Herr Coordes ganz genau. Ich bin der Meinung, daß er bislang gut gearbeitet hat, und daß er auch weiterhin gut arbeiten wird. Genau so sagte ich es ihm.”

Ende gut, alles gut? Bestimmt nicht. Eher: Vorhang auf zum nächsten Akt! Denn: Wenn Coordes seinen Vertrag nicht bis Oktober verlängert bekommt, so heißt es, will er gehen.

http://www.abendblatt.de/archiv/1992/article202640083/Sommertheater-beim-HSV.html


Solo für Hunke. Beim Hamburger SV häufen sich die Alleingänge des extravaganten Präsidenten, der die Saisonplanung weitgehend in Eigenregie betreibt. „Warten sie ab, der HSV ist endlich schuldenfrei, und wir bekommen eine attraktive Mannschaft“, wird Jürgen Hunke, der Lautsprecher von der Alster, nicht müde, die Zukunft des Renommierklubs in rosaroten Farben zu schildern.

Dabei nimmt immer mehr Konturen an, was ein Verantwortlicher bei einem anderen Erstligisten mit diesen Worten umschrieb: „Beim HSV hat niemand etwas zu sagen , da bestimmt nur Hunke den Kurs.“ Trotz aller Beteuerungen: Hunke gefällt sich immer mehr in der Attitüde eines absolutistischen Herrschers, die ihm scheidende Angestellte wie die Ex-Marketing-Chefs Pedersen und Walter sowie der frühere Manager Georg Volkert zugeschrieben haben.

Offiziell hat Trainer Egon Coordes das Konzept für den Neuaufbau der Mannschaft entworfen. Große Stücke dieses Plans sind auch umgesetzt worden, wenngleich Hunke auch hierbei schon seine Finger im Spiel hatte – ohne Wissen des Cheftrainers Coordes. Der Fall Beiersdorfer und von Heesen: Es ist protokollarisch festgehalten, daß Coordes mit den beiden Leistungsträgern plante. Hinter dem Rücken des Trainers hat Hunke die Stars jedoch auf dem Markt angeboten. Ein Geheimplan, zum Teil umgesetzt.

Der jüngste Fall: Uwe Rahn, dessen Transfer platzte. […] „Trainer Coordes wollte mich unbedingt haben“, schildert Rahn seine Eindrücke, „Doch im Umfeld gab es Widerstände, und andere haben wohl das Sagen.“

(kicker, Nr.49/25.Wo. 18./19.6.1992)



Coordes: Es gibt Unstimmigkeiten – das ist nicht zu leugnen

 

kicker: Eine vornehme Umschreibung für den Streit zwischen Ihnen und Präsident Jürgen Hunke. Haben sie schon etwas über ihren Vertrag von dem Präsidenten gehört?

Coordes: Nein, ich habe seit Tagen keinen Kontakt mehr zum HSV gehabt.

kicker: Hunke sagte, sie sollten so gut arbeiten, daß der HSV nicht mehr auf Sie verzichten könne. Sie könnten dann zehn Jahre beim Klub bleiben…

Coordes: … Quatsch, ich erzähle Ihnen nun die richtige Version. Ich habe ein Konzept erarbeitet. 14 oder 15 Punkte, inklusive Jugendarbeit, Einbindung der Amateure, Marketingfragen. In dieses Konzept habe ich mich eingebunden. Das halte ich für legitim.

kicker: Beim HSV werfen Ihnen einige vor, einen Rentenvertrag abschließen zu wollen, zu sehr an Ihre Absicherung zu denken. […]

Coordes: Blödsinn, mir geht es nicht um Geld. Dann hätte ich mir eine Nicht-Abstiegsprämie festschreiben lassen. Null Mark habe ich gefordert.

kicker: Der HSV hat schlechte Erfahrungen mit langfristigen Verträgen und hohen Abfindungen gemacht. […]

Coordes: Ich kann nicht für Fehler der Vergangenheit büßen. Ich höre immer von Hunke, es gäbe bei ihm nur Einjahresverträge. Doch Manager Bruchhagen ist für zwei Jahre verpflichtet worden. Da fühle ich mich veräppelt von Herrn Hunke. […] Ich habe die alleinige sportliche Verantwortung. Es gibt genug zu tun im Marketingbereich. Wenn Bruchhagen sich ums Sportliche kümmern möchte, dann soll er Trainer werden.

kicker: Hunke hat erneute Vertragsverhandlungen für den Herbst in Aussicht gestellt. Eine Alternative?

Coordes: Für mich nicht. Ich habe Herrn Hunke gesagt, wir brauchen uns dann über andere Dinge auch nicht zu unterhalten. Im September spreche ich nicht. […] Einige Dinge werden anders bewertet, von mir anders, als es der Präsident tut. Doch ich werde mich mit meiner Bewertung nicht zurückhalten.

(kicker, Nr.51/26.Wo. 25.6.1992)

 

 Juli 92:

[…] Die Kontroverse zwischen Präsident Hunke und Trainer Egon Coordes setzt sich fort. Jüngstes Thema des verbalen Schlagabtausches zwischen beiden Streithähnen von der Alster: unterschiedliche Auffassungen über das Saisonziel, „Eine tolle und attraktive Mannschaft“, schwärmt der Klubchef nach der „Runderneuerung“ des Bundesliga-Aufgebots. Jürgen Hunke über den neu zusammengestellten Kader: „Für jeden Trainer müßte es Spaß machen, mit dieser Mannschaft zusammenzuarbeiten. Eine sehr reizvolle Aufgabe.“

Nun sei der Coach am Zug, fährt Hunke in seiner ganz persönlichen Saisonvorschau fort: „Wir haben dem Trainer alle Wünsche erfüllt. Zum Teil mit privater Hilfe und großer Kraftanstrengung.neue Leute engagiert.“ So ganz stimmt es nicht, was Hunke sagt. […] In einem Schreiben an die Mitglieder und die Dauerkarten-Kunden schwärmt Hunke dennoch von dem „neuen Gesicht de HSV.“ … was einer großen Erwartungshaltung an Trainer Egon Coordes und seinen Mannen gleichkommt.

Egon Coordes hat vor dem Trainingsstart seine Meinung zu diesem Komplex geäußert: „Keiner kann doch wohl ernsthaft glauben, daß wir Deutscher Meister werden, nur weil wir einige neue Spieler geholt haben.“

(kicker, Nr.53/27.Wo, 2.7.1992)

 

 

Sept. 92:

[…] Das Ende Juli zerrüttete Verhältnis zwischen Coach Egon Coordes und seinen Profis hat sich in den vergangenen Wochen zwar gebessert, doch Trainer und Spieler pflegen mehr ein geduldetes Nebeneinander denn ein produktives Miteinander. Und Präsident Jürgen Hunke dringt selbst mit flammenden Appellen nicht mehr zur Mannschaft vor. Der Hamburger Traditionsklub, in seiner 105jährigen Geschichte immer erstklassig, steht vor dem Sturz in die Bedeutungslosigkeit.

[…] Jürgen Hunke, ein umtriebiger und arbeitsbesessener Präsident, hat nie den Kontakt zu den Spielern gesucht, er erhielt seine – gefilterten – Informationen bislang nur aus dem Umfeld der Mannschaft, heute nur noch vom Trainer. Hunke werden Interessen vermittelt, nur selten Tatsachen.


Im Bewußtsein dieser Schwäche hatte Hunke nach anderthalb Jahren Amtszeit im Juli den ausgewiesenen Ball-Experten Heribert Bruchhagen an seine Seite geholt. Doch als Bruchhagen kam, hatte Egon Coordes die Saison schon verplant. Heute sprechen die beiden leitenden Angestellten des HSV nur das nötigste miteinander. Verkehrt wird schriftlich. Ihr Verhältnis ist bereits nach wenigen persönlichen Kontakten als fast zerrüttet zu betrachten.

In den vergangenen fünf Jahren ist die Funktion des Fußball- Managers beim HSV fahrlässig bis sträflich unterschätzt worden. Felix Magath und Georg Volkert mußten gehen, Erich Ribbeck gab von selbst auf. Monatelang glaubten die verschiedenen Präsidien zudem, auf einen Fußball-Fachmann auf der Gehaltsliste verzichten können.

Die Quittung für diese Politik bekommt der HSV dieser Tage. Wie ein Wirtschafts-Unternehmen nicht ohne ausgewiesene Branchenkenner überleben kann, braucht eine Fußball-Firma, und die Bundesliga- Vereine sind inzwischen alle mittelständische Unternehmen mit Umsätzen zwischen 10 und 20 Millionen Mark, Fußball-Experten. Und in der Bundesliga, das beweist die 30jährige Geschichte der höchsten Fußball-Klasse, haben nur Vereine Erfolg, die auf Kontinuität bauen. […] Jeder Austausch von Fuhrungskräften führt gewöhnlich zu sportlichen und finanziellen Reibungsverlusten.

Andere Vorstellungen und Ziele sollen realisiert werden, je schneller der Wechsel, desto häufiger die Richtungsänderungen. Spieler werden gekauft und verkauft, nur selten kommt dabei eine Mannschaft heraus. Am Ende herrscht Orientierungslosigkeit. […] Egon Coordes fragte dann allen Ernstes, ob jemand seiner Spieler etwas gegen ihn hätte. Wenn der HSV-Trainer auf eine solche Frage tatsächlich eine Antwort erwartet hatte, egal ob von einem Stammspieler oder Reservisten, dann hat er einen eigenwilligen Humor. […] Was bleibt, ist die schlechte Einkaufspolitik. Dafür trägt allein Coordes Verantwortung. Der HSV bittet um Geduld. Selbst wenn die Fans sie hätten – die Bundesliga hat sie nicht.

http://www.abendblatt.de/archiv/1992/article203923553/Warum-der-HSV-abstuerzen-musste.html


[…] Gastgeber Hunke hatte geladen. Zunächst die leitenden Angestellten. Manager Bruchhagen und Liga-Obmann Eberstein, Trainer Coordes und Assistent Möhlmann. Dazu Kapitän Rohde, zudem Kober, Eck und Furtok als Mitglieder des Spielerrates. […] „Keine Krisensitzung“, beeilte sich Hunke zu versichern, „Demonstration der Geschlossenheit“, wollte Manager Bruchhagen den Treff verstanden wissen.

„Reine Vorbeugungsmaßnahmen“, verriet Hunke noch. […] „gerade wenn der Druck von außen größer wird, müssen wir als die Team geschlossen auftreten.“ Und der HSV-Präses bemüht sich, … mit gutem Beispiel voranzugehen: Vertrauen für Egon Coordes, „In Bezug auf den Trainer lebe ich Solidarität vor.“ Was wirklich hinter verschlossenen Türen beredet worden ist, kann nur vermutet werden:

* Das Verhältnis Trainer – Mannschaft. Nicht konfliktfrei. Im Sommer schon fast zerrüttet. Klagen über Coordes rauhe Gangart.

* Das Verhältnis Trainer – Manager. Coordes befürchtete Kompetenzprobleme. Bisher nur gegenseitiges Dulden.

[…] „Zum Glück behält weningstens die Mannschaft noch die Ruhe“, sagt einer aus dem Kreis der HSV-Profis, der natürlich Anonymität verlangt. „Andere haben bei uns die Ruhe längst verloren.“

P.S. Einer, der ursprünglich geladen war, mußte nicht mehr am Gipfeltreffen … teilnehmen. Gerd-Volker Schock steht seit Wochenbeginn nicht mehr auf der Gehaltsliste des HSV. Einigung, Ende der Tätigkeit als Koordinator. Abfindung in Höhe von mehreren Monatsgehältern a 25 000 DM.


Kicker: Ihnen bläst ein Orkan in Hamburg entgegen. Wie beurteilen sie den verpatzten Saisonauftakt? […] Erneut Abstiegskampf nach den großen Versprechungen…

Coordes: … das mag die Erwartungshaltung des Publikums sein, nicht die meine. Ich gehe da realistisch an. Wir brauchen Zeit. […] Größere Erwartungen müssen heruntergeschraubt werden. Ich habe schon vor dem Start einen einstelligen Tabellenplatz als Ziel genannt. […] Ich werde gar nichts ändern. Ich arbeite weiter wie bisher.

(kicker, Nr.73/37. Wo. 10.9.1992)


Fakt ist: Ein verkorkster Saisonstart. Der Beleg: Abstiegsplatz in der Bundesliga, Pokal-Aus. Mehr noch: Inklusive der Vorbereitung haben Coordes’ Hanseaten in dieser Serie noch kein wichtiges Spiel gewonnen. […] Coordes, eine Mischung aus Dickkopf und Tyrann, geht weiterhin stur seinen Weg. Schriller Kommandoton, extreme Umgangsformen, knallharte Disziplinierungsmaßnahmen – Egon führt ein hartes Regiment, was nicht unbedingt eine gesteigerte Zuneigung seiner profis zur Folge hat. Der HSV am Scheideweg, […] Präsident Jürgen Hunke nimmt weiterhin die Rolle ein, die er am besten zu spielen vermag, Hunke als Berufsoptimist: „Wir haben keine Probleme, wir haben nur zu wenig Punkte“.

(kicker, Nr.75/38.Wo. 17.9.1992)


[…] „Ich kann mit diesen Leuten nicht mehr zusammenarbeiten“, erklärte Coordes. Der Fußball-Lehrer meint: Rohde, Kober, von Heesen, Spörl und Bode, die Ende August drei Tage vor dem Spiel gegen Nürnberg in einer Discothek in Timmendorf ausgiebig den Geburtstag des beurlaubten PR-Chefs Torsten Walter gefeiert haben sollen. Coordes hatte in den letzten Tagen die Entlassung dieser Profis bereits gefordert, war jedoch von der HSV-Führung abgeschmettert worden. Nun wiederholte der angeschlagene Trainer diese Bedingung. Coordes im Gespräch zu Hunke: „Wenn nicht, bitte ich um Auflösung meines Vertrages.“

Hunke beauftragte Manager Bruchhagen, sich … mit Coordes zusammenzusetzen Dabei kann es eigentlich nur darum gegangen sein, eine elegante Lösung der Trennung vorzubereiten. Es ist nicht davon auszugehen, daß sich das HSV-Präsidium die Pistole auf die Brust setzen lassen wird. […] Coordes hat endgültig bei der Mannschaft verspielt. Feldwebel-Typ Coordes trat in jedes Fettnäpfchen und stellte sich selbst die Fallen, in die er nun gepurzelt ist. […] Bei Masseur Hermann Rieger treffen sich die Spieler. Diskussion über den Trainer, schließlich die Abstimmung. Das Trio, das für Coordes stimmte: Hartman, Babbel und Spies.


Kommentar
Sein zweiter Versuch. Egon Coordes ist abermals gescheitert. Wie in Stuttgart, wo er vergeblich das Image des „geborenen“ Co-Trainers mit untauglichen Mitteln bekämpfen wollte. Nun also Hamburg, wo General Coordes sich zunächst geläutert präsentierte. Ein kurzfristiger Wandel: Der Dickschädel kann nicht aus seiner Haut. Unbeirrt und unbelehrbar, wollte er mit dem Kopf durch die Wand. Er rammte gegen eine Mauer des Unverständnis und Ablehnung.

So ist es, wenn eine schrille Trillerpfeife und eine schnoddrige Schnauze zum Konzept werden. Das Ende beim HSV naht. Möglicherweise auch das Ende als Cheftrainer.

Hans-Günther Klemm

(kicker, Nr.76/39.Wo. 21.9.1992)


Frank Rohde: “Stimmt alles nicht. Ich bin enttäuscht vom Trainer, der mir nun unhaltbare Dinge vorwirft. Zur Disco-Affäre kann ich nur sagen, daß da aus einer Mücke ein Elefant gemacht wird. Es war ein Familienausflug mit meinen Kindern. Ich bin mit meiner Frau nachts um zwei Uhr an der Ostsee spazierengegangen, Hand in Hand. Ich wollte endlich mal abschalten, das ist auch gelungen, wir haben uns beide riesig über diesen Abend gefreut – und nun diese schlimmen Vorwürfe.”

[…] “Das ganze Theater hat tiefergründige Ursachen, da müßte man mal reinhorchen in den Verein. Jeder kann sich seine Gedanken machen.” […] “Irgendwie ist das alles lächerlich, was der Verein hier veranstaltet.” […]

Wegen der Freundschaft zu Walter ist Rohdes Verhältnis zum Präsidenten stark getrübt. […] “Hier werden alle fertiggemacht und gegeneinander ausgespielt. Da gibt es Intrigen von ganz oben. Auch der Trainer wurde mißbraucht, er merkte es nur nicht. Und die Information über die Abstimmung über Coordes kam nicht aus der Mannschaft. Das ist ganz anders gelaufen, darüber sollte sich Coordes auch mal Gedanken machen.”

http://www.abendblatt.de/archiv/1992/article203929095/Da-gibt-es-Intrigen-von-ganz-oben.html

Die Entlassung von Egon Coordes schlägt hohe Wellen. Trainerkollegen stehen ihm zur Seite und fühlen sich sogar bemüßigt, die Vereinsführung, hier ist wohl der „Alleinherrscher“ Jürgen Hunke explizit angesprochen worden, und auch die Spieler in der Öffentlichkeit in einem scharfen Ton zu kritisieren. Aber auch Coordes bekommt reichlich Gegenwind und muss sich vorwerfen lassen, dass seine Menschenführung und sein Umgang nicht mehr zeitgemäß ist.

Als Benno Möhlmann gestern gemeinsam mit Vizepräsident Hans Schümann und Präsidiums-Berater Ronald Wulff die Geschäftsstelle verließ, fuhr er als Chef-Trainer des HSV zum Trainingszentrum Ochsenzoll. […] Alles deutet darauf hin, daß Benno Möhlmann, Co-Trainer der Profis und Chef der Oberliga- Amateure, nicht nur vorübergehend der Chef sein wird. Im Konzept von Manager Heribert Bruchhagen wird er eindeutig favorisiert: “Der Verein ist nicht mehr der Verein, der er vor 15 Jahren noch war. Damals hieß es, der HSV braucht Spitzenfußball und Welt-Trainer. Das gilt nicht mehr. Durch diese Ansprüche wurde jahrelang defizitär gearbeitet, es gibt keine Immobilien mehr. Jetzt muß die Besinnung auf die Qualitäten des eigenen Vereins erfolgen, auf Talente und die Oberliga. Und einem Trainer aus dem eigenen Haus. Das ist mein Vorschlag.”

Er will mit Karlheinz Feldkamp (jetzt Galatarasay Istanbul) telefonieren, der angeblich ausrichten ließ: “Solange Hunke HSV-Präsident ist, komme ich nicht nach Hamburg.” Hunke dazu: “Ich glaube nicht, daß ein erfahrener Trainer wie Feldkamp so etwas gesagt hat. Er würde sich damit doch alle Türen zuhauen.” […] Möglich auch, daß der HSV den Hamburger Verbandstrainer Ralf Schehr verpflichtet. Der Fußball-Lehrer könnte Möhlmanns bisherige Rolle übernehmen – und gleichzeitig auch der Nachfolger von Talentsichter Gerd-Volker Schock werden.

Hunkes Schlußwort: “Wir müssen ein Team ohne Gegenströmungen werden. Dann hat man irgendwann, wenn man tüchtig ist, auch Erfolg.”

http://www.http://www.abendblatt.de/archiv/1992/article203929091/Moehlmann-der-neue-Chef-Bis-morgen-oder-auf-Dauer.html


Thomas Doll: […] Die Krise des HSV hat für mich einen Namen: Jürgen Hunke! Der Präsident zieht im Hintergrund die Fäden, spielt Leute gegeneinander aus, und wäscht seine Hände immer in Unschuld. Für mich ist dieser Präsident ein einziger Selbstdarsteller, der alles nur zu seinem persönlichen Wohl tut. Was Hunke teilweise an Lügen verbreitet, geht auf keine Kuhhaut. Dieser Mann ist rhetorisch so geschickt und geschult, der redet dir eine Wendeltreppe ins Knie, wenn du nicht aufpaßt.

Ich kann ein Beispiel aus eigener Vergangenheit beisteuern: Es stand lange fest, daß ich verkauft werden muß. Vor meinem Wechsel nach Italien hat Hunke mir ins Gesicht gesagt: „Wir wollen uns ordentlich trennen. Es wird keine schmutzige Wäsche gewaschen.“ Nachdem der Wechsel zu Lazio perfekt war, sah alles ganz anders aus. Hunke erklärte, er habe mich gar nicht verkaufen wollen. Er wollte so sein Gesicht gegenüber den Fans wahren. Schließlich machte er mich öffentlich zum Sündenbock. Ich habe unbedingt weg gewollt – des Geldes wegen.

Wo sind die Millionen geblieben, die Millionen, die Hunke für mich bekommen hat? Ich kann nicht verstehen, daß Manager Bruchhagen jetzt nur noch von Mittelmaß redet und mangelnden wirtschaftlichen Möglichkeiten. […]


Egon Coordes: Ich habe mir sportlich nichts vorzuwerfen. […] Zwei Tage vor der Begegnung gegen Nürnberg haben Rohde, Kober, von Heesen, Spörl und Bode bis morgens um fünf Uhr gesoffen. So etwas habe ich noch nie erlebt, das ist Betrug an Zuschauern und Mitspielern. […] Ich kann beweisen, daß diese Abstimmung von einer großen Boulevardzeitung initiiert wurde, um mich loszuwerden. Ich hatte den fünf Spielern wegen des Timmendorfer Exzesses eine Rüge erteilt. Daraufhin fühlte sich ein Judas in der Mannschaft, der entweder Frank Rohde oder Carsten Kober heißt, befleißigt, eine Spielersitzung einzuberufen und danach die Presse zu informieren. Bei dieser Abstimmung sollten sich übrigens die mit Handzeichen melden, die für mich sind.

[…] …ich bin sicher, dass Rohde den Fehler vor dem 1:2 absichtlich gemacht hat, damit wir das Spiel verlieren. […] Frank Rohde hat im Trainingslager wiederholt über den Zapfen gehauen […] Und wenn von Heesen nacheinander mit drei Trainern nicht klarkommt, dann muß man doch fragen woran das liegt.

(kicker, Nr.77/39.Wo. 24.9.1992)


[…] Der 48 Jahre alte Fußball-Lehrer mußte viele seiner verbalen Angriffe auf die HSV-Profis entkräften und fand dabei nur äußerst schlechte Entschuldigungen: “Hörfehler, Mißverständnis, nie gesagt.” Kleinlaut mußte er obendrein zugeben, daß er zwar gebeten hatte, keine schmutzige Wäsche zu waschen, aber: “Ich mach’s.” Warum? Die Frage stellt sich einem Mann wie Coordes nicht, die Antwort blieb er schuldig wie viele andere. Coordes redete immer wieder geschickt um den heißen Brei herum, wenn es um seine Fehler ging.

“Wollten Sie die fünf Disco- Gänger suspendieren?” wurde Coordes gefragt. Kein klares “Ja”. Er flüchtete sich in Phrasen. Dabei steht fest: Natürlich wollte er. Aber jetzt steht er nicht mehr dazu. “Stimmt es, daß Sie sagten, Ihre Trennung sei aus sportlichen Gründen nicht nötig?” Coordes entwischte auch dieser Frage wie ein Fisch. Dabei hatte er es am Tag seiner Entlassung einem ZDF-Kamera-Team vor der HSV-Geschäftsstelle gesagt. Peinlich für einen Mann wie Coordes, der von sich behauptet, ehrlich und gradlinig zu sein, der das Wort Disziplin an oberster Stelle seines Wortschatzes führt.

Coordes, in Stuttgart gescheitert, in München nicht zum Chef-Trainer befördert und nun in Hamburg entlassen, schlug immer wieder in dieselbe Kerbe: Der Disco- Abend der fünf HSV- Spieler Frank Rohde, Carsten Kober, Thomas Von Heesen, Harald Spörl und Jörg Bode. Aber: Kaum ein Wort davon, warum die Mannschaft tatsächlich gegen ihren Trainer abgestimmt hat. Kein Wort von nur einer Verfehlung, die sich Coordes im Umgang mit seinen Spielern fast täglich leistete. Der Abend vor dem 1:2 gegen den KSC hatte nur das Faß zum Überlaufen gebracht, als Coordes Manager Heribert Bruchhagen sagte: “Ich habe mich vor der Mannschaft ausgekotzt.”

Nach diesem Vorfall, nur einem von vielen, stand fest: Der Trainer muß weg. Nur: Egon Coordes ist immerhin so geschickt, daß er die eine Verfehlung der fünf Profis zum Anlaß nimmt, sie für sich zu nutzen, um in der Öffentlichkeit gut auszusehen – und weil er viel Geld vom HSV will. 300 000 Mark. Sein Gehalt bis Mitte 1993.

https://www.abendblatt.de/archiv/1992/article203931291/Die-peinlichen-Widerrufe-eines-entlassenen-HSV-Trainers.html


Ein kicker-Interview schlug hohe Wellen, HSV-Libero Frank Rohde habe einen Fehler, der zu einem Tor für den KSC führte, absichtlich gemacht, hatte der vom Hamburger SV entlassene Egon Coordes im kicker vom vergangenen Donnerstag erklärt. Worte, die genau so gefallen sind. Die aber, so Coordes, „nicht so gemeint waren. Ich unterstelle keinem Spieler, auch Frank Rohde nicht, daß er einen Fehler absichtlich gemacht hat, um ein Spiel zu verlieren“, sagt der Fußball-Lehrer […]

Coordes, der von seinem Rechtsanwalt wenige Stunden vor weiteren „Enthüllungen“ in der SAT 1-Sendung „ran“ … abgehalten wurde, versuchte … als Gast des „ZDF- Sportstudio“, das ganze als „Mißverständnis“ hinzustellen. Kein Wunder, geht es doch darum, die „Trennung im gegenseitigem Einvernehmen“ aufrechtzuerhalten, um die Auszahlung der Abfindung nicht zu gefährden. Also: Kein Mißverständnis, aber ein Rückzug.


Fest steht, daß er den HSV revolutionieren wollte, dann aber mit seiner AG auf den gut betuchten Bauch fiel. Die AG wurde aber von ihm als die Conditio sine qua non verkauft, als die Bedingung, ohne die beim HSV nichts mehr gehe. Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten – bei Jürgen Hunke war das einfach: Mit den Doll-Millionen den HSV entschulden (wobei gegen den Ratschlag von Wirtschaftsfachleuten alle Spieler auf einmal abgeschrieben wurden) und dann neues Geld für Investitionen durch die AG hereinholen. Pustekuchen!

Längst ist klar, daß bei der Zuschauerentwicklung und ohne Substanz der HSV wirtschaftlich trüben Zeiten entgegengeht. Der Lack ist längst an bei Hunke, der sich mit der Entschuldung feiern lassen wollte. Entsprechend seine Reaktion auf den Einwurf Thomas Dolls. […] Die Antwort Hunkes verfaßte der Versicherungsunternehmer in einem offenen Brief, den er mit der rhetorischen Frage einleitet „Verdirbt zu viel Geld den Charakter“ […] Darin stellt er klar, daß der HSV Doll gar nicht habe verkaufen wollen und belegt dies mit der Tatsache einer vorzeitigen Vertragsverlängerung. Wörtlich heißt es: „Wenn dies so wäre, hätte ich doch nicht mit Ihnen am 11.4.1991 einen neuen langfristigen Vertrag abgeschlossen. Dies habe ich ausschließlich deswegen getan, weil ich in der Tat der ehrlichen und festen Überzeugung war, Sie für einige Jahre beim HSV halten zu können.“

Thomas Doll: „Hunke erzählt viel, wenn der Tag lang ist. Er hat sich immer in den Vordergrund geschoben. Er soll sich einmal daran erinnern, was für ein seriöser Mann sein Vorgänger Becker war.“ Zu dem Fall der Vertragsverlängerung nimmt er konkret Stellung: „Man glaubt es nicht, aber das schlimmste ist, daß er sich mit einem Wahrsager („Hexer“ Bretzlaff) unterhalten hat, der ihm mitteilte, ich würde mich im Februar schwer verletzen. Und da hat er Angst gehabt, daß ich später kein Geld mehr bringe, weil meine Beine kaputt sind.“ […]


HSV: Ein Team ohne Charakter
Von Jupp Heynckes

Egon Coordes ist ein Mann mit großem Fußballverstand. Mit seinem Verhalten und Charakter aber hat er offensichtlich keine Chance im Fußballgeschäft. Egon bräuchte einen Manager, den er respektiert und der ihm helfen könnte, zuweilen die Brisanz rausnehmen. Mit Uli Hoeneß an seiner Seite würde Coordes nirgendwo entlassen, weil Hoeneß ihn kritisieren und auf bestimmte Strömungen aufmerksam machen würde.

Wenn die HSV-Spieler wirklich gegen ihren Trainer abgestimmt haben, dann ist das eine Scheißtruppe ohne Charakter. Solche Mannschaften werden auch in Zukunft keinen Erfolg haben, sie bilden für jeden Trainer eine Gefahr.

Im Vergleich zu meiner Anfangszeit als Trainer in Mönchengladbach, 1979, hat sich in diesem Job wahnsinnig viel geändert, vor allem in der Wirkung auf Publikum und Medien. Ich bin in diesem Bereich heute viel diplomatischer und cleverer, mache auch mal Dinge, die meiner Natur zuwider sind. […] Die Medien verlangen halt Spektakuläres, der Trainerberuf ist Showgeschäft. Freilich kann man nicht alles mitmachen und schlucken, sondern muß den Leuten auch mal sagen, was man von ihnen denkt.

Auf meine eigentliche Arbeit als Fußballehrer bereite ich mich heute noch intensiver vor. Die Spieler sind anspruchsvoller geworden. Auch die psychologische Betreuung wurde enorm wichtig. […] Hierin hat jeder Trainer seinen eigenen Stil. […] Als ich in Bilbao den Ersatzspielern, die ich nicht mit ins Trainingslager nahm, ausführlich erklärte, warum sie zu Hause bleiben mußten, fanden sie das grandios. Früher hing hier nur ein Zettel in der Kabine mit den Namen drauf. Heute muß man den Spielern klar sagen, wieso und weshalb. Das ist unangenehm, aber man darf als Trainer nicht feige sein. Und man muß sich darüber im klaren sein, daß die Spieler nur noch für Geld spielen. An dieser Stelle muß der Trainer sie packen. […]



Der Abgang des HSV-Trainers Egon Coordes hat wieder einmal die Frage aufgeworfen: Was muß ein Trainer beherrschen, um erfolgreich zu sein. Fachwissen spricht Coordes niemand ab. Doch in der Öffentlichkeitsarbeit hat er erhebliche Defizite. Kein Zufall, daß er sich als Medien-Opfer empfindet.

[…] Egon Coordes, Fußballlehrer und Vorturner. Trainer und Eigenbrötler. Unumstrittener Fachmann und oft verbiestert. Ex-Coach beim Hamburger SV. […] „Ich bin eigentlich auch ein humorvoller Mensch“, sagt Coordes. „Das Image des Mannes, der zum Lachen in den Keller geht, wurde mir angedichtet, weil es den Leuten besser in den Kram paßt..“ Abtritte wie der in Hamburg fügen sich da wunderbar ins Bild. Nur:Welcher Trainer jubelt schon, wenn ihm der Stuhl vor die Tür gesetzt wird? Mit Siegen im Rücken lebt und lacht es sich leichter. Der Erfolg – nach wie vor das Maß aller Urteile über die Trainer. „Kommen Niederlagen, wird der Druck auf die Präsidien so groß, daß es keine Chane mehr gibt“, erklärt Bayerns Vizepräsident Karl-Heinz Rummenigge.

[…] „Du musst gewinnen, gewinnen, gewinnen. Alles andere ist Nebensache. Wenn du gewinnst, feiern sie dich als Supertrainer. Wenn du verlierst, schreiben sie über dich wie über den letzten Dreck“, sagt Lattek. In der Art und Weise, wie der Fußball und seine Personen in den Medien verkauft werden, sieht der 57jährige denn auch den Hauptunterschied zwischen einst und jetzt. „Als Trainer bist du heute nur noch eine Manipulationsfigur der Medien. Sie schlagen dich unter die Gürtellinie, und du sollst dich nicht wehren.“ Der Fußball sei zu einem brutalen Geschäft geworden, in dem Werte wie Menschlichkeit, Toleranz und Fairneß immer mehr aussterben.

Eine bedauerliche Entwicklung, zu brutal selbst für einen harten Hund wie Udo Lattek, der sagt: „Es macht mir keinen Spaß mehr.“ Spaß hatte auch ein Egon Coordes in Hamburg nicht viel. Sehr schnell erkannte der gradlinige Sturkopf, daß sich zwar nicht der Trainerberuf an sich, wohl aber das Drumherum in den letzten Jahren enorm gewandelt hat.

Das Beispiel Hamburg: „Eine Groß- und Medienstadt wie Köln oder München“, sagt Karl-Heinz Rummenigge. „Ein sehr heißes Pflaster“, ergänzt Erich Ribbeck, von 1988 bis 1989 Sportdirektor beim HSV. Sogar ein Ernst Happel habe dort seine Probleme gehabt. „Dort bestimmt nicht mehr allein das Präsidium die Richtung, in die der Verein sich zu bewegen hat, sondern vor allem die Boulevardzeitungen mit ihrer abartigen, menschenverachtenden Berichterstattung,“ behauptet Coordes. Als Trainer habe man heute dann die besten Chancen, im Dschungel Bundesliga zu überleben, „wenn du kein Rückgrat hast, wenn du dich verbiegen und kaufen läßt. Einer wie ich, der den geraden Weg wählt, der sich selbst treu bleibt, hat es schwer.“

Harte Worte, die auch von sportlich erfolgreicheren Trainern als Coordes gestützt werden. Zum Beispiel von Meistercoach Christoph Daum. „Das Wichtigste ist nach wie vor der Erfolg“, sagt der Stuttgarter, […] „Allerdings muß das psychologische Repertoire eines Trainers heute breiter gefächert sein als früher, weil die Spieler kritischer geworden sind und mehr hinterfragen.“ Der springende Punkt jedoch: die Öffentlichkeitsarbeit. „Das Heer der Medien, ist allein in den vergangenen fünf Jahren unheimlich gewachsen. Die Medien gehören zum Geschäft, aber sie erschweren auch die Arbeit, weil etliche weitaus mehr am Drumherum als am Fußball selbst interessiert sind.“ Vornehmlich die privaten Funk- und Fernsehsender, merkt Rummenigge an, hätten „eine neue Aggressivität“ ins Spiel gebracht.

[…] Für Hoeneß und Rummenigge braucht der Trainer des Jahres 1992 drei Dinge:

Fachwissen: „Das Fachliche muß sowieso vorhanden sein“, betont Uli Hoeneß. „Es ist die Basis“, erläutert Karl-Heinz Rummenigge. „Bluffer werden in der Bundesliga schnell entdeckt. Aber das Fachliche allein reicht nicht mehr aus.“[…] „Ein Trainer, der fachlich absolut super ist, braucht ein Umfeld, das ihn deckt“, sagt Uli Hoeneß. Der Bayern-Manager und das Präsidium haben den
eigenwilligen Csernai damals vor den Medien und der Öffentlichkeit geschützt. Einen Jupp Heynckes, der gegenüber gewissen Medien seinen konsequenten Weg ging, konnte auch der starke Hoeneß nicht mehr halten. Die Arbeitsweise der anerkannten Fußballexperten Ernst Happel und Branko Zebec, die sich beide um PR-Arbeit nicht scherten, sei heute nicht mehr praktikabel, erklärt Hoeneß. […]

Öffentlichkeitsarbeit: „Dieser Faktor macht 70 Prozent aus“, behauptet Uli Hoeneß. Erfolgreich sei immer der Trainer, „der sich und seine Arbeit gut verkauft. Wer das nicht kann, schafft es nicht in der heutigen Zeit“. Gerade in der Medienstadt Hamburg müsse ein Trainer den „Strahlemann“ mimen. Hoeneß nennt das Beispiel Feldkamp: „Bei ihm sieht man, dass 80 Prozent PR ausreichen.“ Für Rummenigge hat Udo Lattek früher dieses Metier in München optimal beherrscht, […]

Psychologie: „Sie wird gerade in der heutigen Zeit und bei der heutigen Generation immer wichtiger“, meint Rummenigge. […]

(kicker, Nr.78/40.Wo. 28.9.1992)

Nachdem sich die große Aufregung um die Vorkommnisse rund um Egon Coordes gelegt hatte, rückte nun wieder die stets finanzielle Schieflage des Vereins in den Vordergrund. Und hier war jetzt Neu-Manager Heribert Bruchhagen der gefragte Mann, um den HSV mit seiner Expertise aus seiner chronisch finanziellen Krise zu führen. Dem selbstbewussten und wortgewandten Mann aus Harsewinkel lag eine Menge Arbeit vor sich. Schonungslos und hart in der Sache ging er die Sache an und scheute sich auch nicht, Spieler und die Beraterbranche anzugehen…

In der Zwischenzeit bekannte sich Ronald Wulff ganz offen dazu, der Nachfolger von Jürgen Hunke zu werden. Dieser erlebte auf der Mitgliederversammlung eine weitere Abstimmungsschlappe. Nach der „Aktien-Niederlage“ wurde nun auch eine Abtrennung von Profi- und Breitensportverein abgelehnt. Der letzte spektakuläre Versuch, den HSV aus seiner Sicht eine professionellere Struktur zu verpassen. Seinen groß angekündigten Rückzug, mit allem Brimborium, sollte der Schlussakkord eines Mannes sein, der auch beim Abschied erklärte, dass er stets seinen Einfluss auf den HSV geltend machen wird…

Okt. 92:

Heribert Bruchhagen, seit 100 Tagen an der Rothenbaumchaussee im Manager- Amt, hat es bereits erkannt: “Der HSV hat keine Alternative mehr.” Das einstige Vermögen ist aufgezehrt, die Zuschauer kommen nicht in der im Etat vorausgeplanten Zahl, die nächste Kreditaufnahme steht im einnahmearmen Winter bevor. Der andere Weg jedoch, dem Nachwuchs eine Chance, scheint gangbarer denn je. Der HSV, hat Liga-Obmann Horst Eberstein festgestellt, hat die besten Talente seit Jahren. Defensivspieler Stefan Schnoor (21) und Stürmer Karsten Bäron (19) haben ihre Fähigkeiten bereits in der Bundesliga zur Schau gestellt,

“Daß der Weg beim HSV von der Jugend über die Amateur- Mannschaft bis zur Bundesliga wieder durchlässiger geworden ist, sorgt bei den Nachwuchsspielern für zusätzüche Motivation. Sie haben jetzt Leitbilder im eigenen Verein”, hat Rudi Kargus bemerkt, der A-Jugend- Trainer, der seit zwei Wochen Möhlmann bei der Arbeit mit der Bundesliga assistiert.

Für 700 000 Mark hat der HSV in diesem Jahr auf Rat der Trainer Gerd-Volker Schock, Georg Tripp, Möhlmann und Kargus insgesamt 23 Nachwuchsspieler für die Amateur- und A-Jugendmannschaft gekauft. Der Etat für den Nachwuchs- und Amateurbereich wurde im Vergleich zur vergangenen Saison richtungsweisend von 800 000 auf 1,45 Millionen Mark nahezu verdoppelt; […] Nachwuchsarbeit erfordert indes Geduld; vom Verein, vom zahlenden Zuschauer, aber auch vom Spieler selbst. “Die Zeit ist der wichtigste Faktor”, weiß Gerd-Volker Schock, “für alle Beteiligten.” Der frühe Lockruf des Geldes aus Oberliga und zweiter Liga hat viele Talente ihre Möglichkeiten nicht ausschöpfen lassen; auch beim HSV, weil sie hier keine Chance wähnten. Jetzt gibt es sie.

http://www.abendblatt.de/archiv/1992/article203957009/Der-HSV-gibt-dem-Nachwuchs-die-Chance.html


Heribert Bruchhagen: Es gab keine Einarbeitungsphase. Es ging so weiter wie in Schalke – die gleichen Arbeitsvorgänge, die gleichen sportlichen Krisensymptome, die in Schalke permanent vorhanden waren. Coordes beim HSV im September entlassen, Ristic in Schalke im Frühjahr. Es gibt viele ähnliche Dinge, wenngleich in Hamburg die Öffentlichkeit noch größer, die Medienlandschaft noch differenzierter ist. In Schalke hauen die Journalisten auch drauf, doch sie leiden mit dem Klub. In Hamburg sind die Reporter nüchterner, einfach neutraler, nicht so mit dem Herzen dabei.

[…] … die Zielsetzung im sportlichen Bereich: Ich wollte mit Gelassenheit reagieren und für Kontinuität sorgen. Wie die Trainer-Entlassung von Coordes zeigt, ist dies nicht gelungen. Gleich beim ersten Gespräch habe ich Herrn Hunke gesagt: „Wenn sie mich kastrieren, was meine sportliche Kompetenz anbelangt, so setze ich mich ins Auto und fahre zurück nach Gütersloh.“ Unser Präsident neigt ja zur Dominanz, darf dies auch, weil er ein Guter ist, malocht für den Klub und hat auch keine Angst vor unpopulären Entscheidungen.


Kicker: … läßt sich Mittelmaß in Hamburg verkaufen?

Heribert Bruchhagen: Wer etwas anderes vorgibt, macht den Verein bankrott. Unser Ziel ist es, erstmals seit 14 Jahren kostendeckend zu arbeiten. Wir müssen eine schonungslose Bestandsanalyse machen, dann Strategien und Visionen entwickeln, wie wir wieder nach oben kommen.

Kicker: Sie fordern Einjahres-Verträge für Trainer, haben aber selbst einen über zwei Jahre laufenden Kontrakt. Ein Widerspruch?

Heribert Bruchhagen: Nein, es ist ein anderes Amt. Die Mediengesetze beim Manager sind nicht so hart wie beim Trainer. Einem Geschäftsführer würde ich auch einen Dreijahres-Vertrag geben.

(kicker, Nr.81/41.Wo. 8.10.1992)



Nov. 92:

Die personelle Zukunft des HSV scheint gesichert zu sein – allen sportlichen und finanziellen Kalamitäten zum Trotz. Gestern bekundete der Hamburger Unternehmer Ronald Wulff (47) überraschend seine Bereitschaft, am 7. Dezember für das Präsidium zu kandidieren. Außerdem stehe er als Nachfolger Jürgen Hunkes zur Verfügung, wenn dieser, wie angekünigt, im November 1993 nicht wieder kandidieren wird. Wulffs Bedingung für die Übernahme des Präsidentenamtes ist es allerdings, daß seine Wahl auch gewünscht wird von der Basis und von Jürgen Hunke. Dies entspringt keiner hanseatischen Koketterie, sondern der Erkenntnis, “daß der HSV nur nach oben zu bringen ist, wenn alle mitziehen”.


[…] “Ich habe von seiner definitiven Bereitschaft bis heute nichts gewußt”, sagte der Versicherungskaufmann dem Hamburger Abendblatt. „Auf jeden Fall wäre Ronald Wulff eine prima Wahl für den HSV.” Hunkes Fazit: “Er wäre ein guter Nachfolger.” Damit deutete sich eine langfristige, personelle Kontinuität an – die Grundvoraussetzung für eine Sanierung des krisengeschüttelten Klubs. […]

“Mein Ziel ist es, Ruhe in den Verein zu bringen”, sagte Ronald Wulff gestern. Der Mäzen des Hamburger Verbandsligavereins Barsbütteler SV ist als außerordentliches Präsidiumsmitglied bereits seit mehr als einem Jahr als Betreuer der Profimannschaft aktiv und verfügt bei Spielern wie Mitgliedern über einen ausgezeichneten Namen. Unsicher ist dabei noch, unter welchen Voraussetzungen die Präsidiumswahlen abgehalten werden. Präsident Jürgen Hunke stellt sich Ronald Wulff als Nachfolger für Schatzmeister Manhard Gerber vor; der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer signalisierte bereits mehrfach, sich wegen der beruflichen Überbelastung nicht wieder zur Wahl stellen zu wollen.

Wulff, Chef eines Dentallabors mit 50 Mitarbeitern in Hamburg- Hamm, würde diesen Posten aber lieber einem gelernten Finanz-Experten überlassen. “Ich stehe nur dann für dieses Amt zur Verfügung, wenn sich partout kein anderer geeigneter Bewerber finden läßt.” Ihm liegt eine Alternative näher, die im Präsidium diskutiert wird. Danach soll die Mitgliederversammlung am 7. Dezember eine Aufteilung des HSV in einen Profiverein und einen Amateurbereich beschließen. Der dann “neue” Profi-HSV würde sich auf einer erneuten Sitzung im März 1993 eine Satzung geben – und auch wählen.

Bestandteil der neuen Satzung könnte es sein, das Präsidium um zwei auf dann fünf Personen zu erweitern. Ronald Wulff könnte so als Vizepräsident kandidieren. Der nächste Schritt wäre die Übernahme des Präsidentenamtes auf der ordentlichen Hauptversammlung im November 1993. Jürgen Hunke bezeichnet Ronald Wulff als einen “idealen Präsidenten”. Er sei “ein Mann aus dem Fußball, mit Herz und Verstand”. Hunke zählt weitere Pluspunkte auf: Fachwissen, Unabhängigkeit, Charakterstärke, zahlreiche Kontakte.

Daß Wulff mit Geld umgehen kann, ist bekannt. 1973 machte sich der damals 28 Jahre alte Zahntechniker in der Kaiser-Wilhelm-Straße selbständig. Mit 50 000 Mark Startkapital, “von einem Freund gepumpt, weil mir die Banken kein Geld geben wollten”. Das Risiko wurde belohnt, der Freundschaftskredit konnte 1978 zurückgezahlt werden. Heute steht Wulff als erfolgreicher Geschäftsmann gut da.

Eines aber macht er vor seinem Engagement klar: Hohe Summen aus privater Kasse will er nicht in den HSV schießen. Statt dessen erhofft sich Wulff, durch ordentliches Geschäftsgebaren und eine seriöse Vereinspolitik Kollegen aus der freien Wirtschaft als Sponsoren zu gewinnen. Diese sollten, denn da ist Ronald Wulff zu Hause, zum großen Teil aus dem Mittelstand kommen. […]

https://www.abendblatt.de/archiv/1992/article203976151/Hunkes-Nachfolger.html


Dez. 92:

Jürgen Hunke: Ich habe das Gefühl, daß ich bisher nichts grundsätzlich verkehrt gemacht habe. Aber natürlich ist auch nicht alles aufgegangen, was wir uns vorgenommen hatten. Besonders gelernt habe ich, daß der Profifußball viel härter ist als die freie Wirtschaft – im Prinzip gibt es für ehrenamtliche Arbeit nur Schläge. Hinter dem Rücken wird immer viel erzählt, […] Wir haben ja selber erst nach der Wahl im November 1990 gemerkt, in welch verheerender Situation der HSV tatsächlich steckte. Es waren ja nicht nur Verbindlichkeiten von rund 14 Millionen Mark, es waren die gesamten Strukturen, die ein vernünftiges Arbeiten extrem erschwerten.

Es ist bekannt, daß wir erstmals seit mehr als zehn Jahren Geld auf dem Konto haben und Zinsen kassieren. Am Beginn meiner Amtszeit mußten wir Jahr für Jahr etwa Million Mark Zinsen bezahlen. Ich habe die gesamte finanzielle Situation und die daraus erwachsenen Schwierigkeiten falsch eingeschätzt, weil ich zu diesem Zeitpunkt weder den Etat aus der Bandenwerbung noch die Sponsoren kannte. Dennoch ist meine Amtszeit dem HSV gut bekommen, mir selber allerdings nicht.

Wenns ernst wird mit konkreter Hilfe, ziehen sich viele schnell zurück und winken ab. Und es ist auch klar, daß ich mir keine Freunde mache, wenn ich als Sparkommissar durch den Verein wirbele. Ich könnte es mir viel einfacher machen und jetzt aufhören. Ich will die übernommene Aufgabe zu Ende führen, bis der HSV eine Struktur hat, mit der er aus eigener Kraft überleben kann. Da ich nicht wiedergewählt werden will, kann ich es mir leisten, die Wahrheit zu sagen. Die Aufteilung des Vereins ist natürlich eine Zäsur. Aber nur so kann der Profi-HSV weiterleben. Und die Amateure können ohne die Risiken des Profi-Fußballs langfristig existieren.

[…] … ich hoffe, daß die meisten Mitglieder das als den richtigenWeg erkannt haben. Auf einer Sitzung mit den Abteilungsleitern gab es zu 95 Prozent Zustimmung, der Gesamtausschuß als höchstes HSV-Gremium hat sie einstimmig befürwortet. Im Grundsatz werde ich darauf hinweisen, daß der Verein nicht schlecht dasteht – wirtschaftlich und sportlich. Wenn ich schon jetzt gehen würde, wäre das Fundament noch nicht fertig. Denn wir haben nicht nur gespart, sondern die Investitionen für die Nachwuchs-Förderung von 1,1 Millionen auf 1,8 Millionen Mark gesteigert. Die ersten kleinen Erfolge sind ja schon jetzt zu sehen. Und ich erwarte, daß es mit dem neuen Team Benno Möhlmann und Heribert Bruchhagen weiter nach oben geht.

HA: Ihnen wird vorgeworfen, daß die AG den HSV 900 000 Mark gekostet hat . . .

Jürgen Hunke: Die HSV-AG war eine richtige Entscheidung für die Zukunft. Ich bin überzeugt, daß zu einem späteren Zeitpunkt die Richtigkeit erkannt wird. Außerdem wird die AG den HSV letzten Endes kein Geld kosten, sondern Geld bringen. Es gibt überhaupt keinen Grund, in dieser wichtigen Phase zurückzutreten. Das wäre wie Fahnenflucht. Ich bringe die Dinge genauso korrekt zum Abschluß, wie ich es versprochen habe.

HA: Wird dann im März Schluß sein ?

Jürgen Hunke: Wenn bis dahin der Weg frei ist für eine weitere Zukunft der Bundesligamannschaft, liegt es im Interesse des HSV, mit einem neuen Präsidium weiter zu machen. Wenn allerdings nicht alles klar ist, bleibe ich bis November 1993. Ronald Wulff könnte ein geeigneter Nachfolger sein, das muß die Versammlung dann selber entscheiden. Ich persönlich würde seine Wahl sehr begrüßen, weil damit endlich einmal Kontinuität gegeben ist beim HSV.

http://www.abendblatt.de/archiv/1992/article203955061/Ich-kann-mir-leisten-die-Wahrheit-zu-sagen.html

 

“Schatzmeister? Nein, das wollte ich nun wirklich nie werden. Da gibt es geeignetere Leute”, sagt Ronald Wulff. Aber seit gestern bekleidet er diesen Posten. Beim HSV. Die Mitglieder wählten ihn für den zurückgetretenen Hans Manhard Gerber. Für den 47 Jahre alten Hamburger wird es der Sprung in die Funktionärs-Elite der Fußball- Bundesliga. Im März nämlich soll der selbständige Dental-MeisterHSV-Präsident werden – und damit Nachfolger von Jürgen Hunke. […] “Ich hoffe, daß ich mit meiner ruhigen, ausgeglichenen Art Ruhe in den Klub bringen kann”, sagt Wulff. “Alte Liebe zum HSV” ist der Grund, daß er sich überhaupt zur Verfügung stellt: “Ich gehe seit 1955 zu den Spielen. Da muß ich helfen, denn es findet sich kein anderer. Aber es muß weitergehen mit dem HSV – und zwar positiv.”

https://www.abendblatt.de/archiv/1992/article203955195/Keine-Halbheiten.html


HA: Herr Wulff, wie wollen Sie als Präsident den HSV führen?

Ronald Wulff: Auf keinen Fall Schulden machen, den Sparkurs fortsetzen, auf den Nachwuchs bauen und keine spektakulären Verpflichtungen tätigen. […] … es gibt immer Leute, die dem HSV Geld geben. Ich trage jeden, der das macht, auf Händen nach Hamburg. […] Ich werde mir von allen Rat holen, nicht nur von Hunke. Ich habe auch gute Kontakte zu den ehemaligen Präsidenten Horst Becker und Dr. Wolfgang Klein. […] Ich hasse die Frage nach dem Geld. Ich habe nicht soviel, daß ich dem HSV davon etwas geben kann. Wenn ich Geld habe, bekommen es meine Angestellten. Dem HSV geht es im übrigen so gut wie seit vielen Jahren nicht mehr. Ich wäre froh, wenn sich andere zur Verfügung stellen würden. Ein Mann wie Eugen Block, HSV-Mitglied, beispielsweise. Aber es gibt keine Kandidaten, deswegen mache ich es. Weil es weitergehen muß.

https://www.abendblatt.de/archiv/1992/article203955531/Herr-Wulff-war-es-Ihr-Traum-HSV-Praesident-zu-werden.html


Der HSV ist sein Schicksal. Im Berufsleben erfolgsverwöhnt hat Jürgen Hunke als HSV-Präsident die Grenzen der Machbarkeit kennenlernen müssen. Nach der umstrittenen Aktiengesellschaft droht auch sein zweites großes Reformvorhaben zu scheitern, die Aufteilung des HSV in einen Profi- und Breitensportverein. Auf der Klub-Versammlung hatte ihm in der Nacht zum Dienstag die Mehrzahl der Mitglieder die Gefolgschaft verweigert. Beim HSV bleibt vorerst alles beim alten; Hunke noch ein Jahr Präsident, Hans Schümann sein Stellvertreter, und Ronald Wulff, Hunkes designierter Nachfolger, wurde zum Schatzmeister für den zurückgetretenen Manhard Gerber gewählt.

Die knappe Mehrheit der zu dieser Stunde noch anwesenden 415 Mitglieder hatten dem Antrag des ehemaligen HSV-Präsidenten Dr. Peter Krohn zugestimmt, die Debatte über die Spaltung des Vereins von der Tagesordnung zu nehmen. Krohn und seine Nachfolger Dr. Wolfgang Klein und Horst Becker hatten zuvor vehement für die Einheit des Klubs plädiert. In den nächsten Monaten wird nun der Gesamtausschuß (Präsidium, Vorstand, HSV-Ochsenzoll und Ältestenrat), der bereits einstimmig die Präsidiums-Pläne gebilligt hatte, eine neue Vorlage erarbeiten müssen. Ob diese auf einer außerordentlichen Mitglieder-Versammlung präsentiert wird, soll jetzt ohne Zeitdruck diskutiert werden.

Hunke gab sich nach der Abstimmungs-Niederlage gelassen. “In einer Demokratie entscheiden Mehrheiten, aber es bleibt die Frage, ob wir nicht wichtige Zeit verloren haben, denn ohne neue Strukturen kann ein Fußballprofiklub auf Dauer nicht überleben.” Seine Befürchtung: “Leute, die den Profifußball unterstützen wollen, könnten von ihrem Engagement abgeschreckt werden, weil in einem Universalsportverein immer die Gefahr besteht, daß die Amateur-Abteilungen die Meinungsbildung dominieren.”

Hunkes Optimismus, “daß die Reform sowieso kommen wird”, teilten an diesem Abend nur wenige. Denn eine Drei-Viertel- Mehrheit für die Teilung des Klubs würde voraussetzen, daß sich Argumente und Emotionen trennen ließen.

http://www.abendblatt.de/archiv/1992/article203955949/Praesident-Hunke-scheiterte-an-Krohn-und-Klein.html


The day after! Der Tag danach. Der Tag nach dem Knockout: Jürgen Hunke, der sich nach dem derben Tiefschlag, den ihm die Mitglieder des Hamburger SV verpaßt haben, wie ein angeschlagener Boxer fühlen mußte, geht mit einer schnellen Geraden zum Gegenangriff über. „Ich sehe große wirtschaftliche Probleme“, kommt ein Satz, der als Volltreffer zu bezeichnen ist. „Die Lizenz ist in Gefahr!“

Mit dieser Bemerkung hat der smarte Versicherungsunternehmer eine neue Runde im Ringkampf an der Elbe eröffnet, indem es um Macht und Moneten, um Eitelkeit und Ehre geht. Hunke malt abermals das Schreckgespenst an den Rothenbaum: Bundesliga-Fußball ohne Hamburg, obwohl der Konsolidierungsprozeß eingeleitet worden ist, obwohl der Renommierklub zur Stunde schuldenfrei ist und über stille Reserven in Höhe von drei Millionen Mark verfügt.

Ist es die Rache des Mannes, der 24 Stunden zuvor eine erneute Niederlage einstecken mußte?

Sein Plan, den HSV in einen Amateurverein und einen Klub für Profifußball zu teilen, scheiterte, auch wenn Hunke es anders sehen wollte. „Es war ein Unentschieden“, wertete er das Ergebnis: 208 Contra-, 193 Pro-Stimmen. Rücktrittsgedanken hatte der HSV-Boß im voraus bereits dementiert. Obwohl die vereinsinterne Opposition immer stärker wird, möchte er bis zum Ende seiner im Dezember 1993 ablaufenden Amtsperiode Präsident bleiben.

Angeführt wird die Widerstandsgruppe von ehemaligen „Häuptlingen“. Die beiden promovierten Ex-Präsidenten Krohn und Klein brachten Hunkes Projekt zum scheitern. Stehender Applaus vor allem für Krohn, der sich in der Rolle des Volkstribunen sonnen durfte. HSV-Manager Bruchhagen: „Ein einmaliger Auftritt des Oberschauspielers.“ […]

(kicker, Nr.99/50.Wo. 10.12.1992)

 

Jan. 93:

Sein erstes großes Interview wirbelte Staub auf. Stürmische Zeiten an der Waterkant, wo der Schatzmeister Sätze formulierte, die wie der Orkan am Wochenende durch den bundesdeutschen Blätterwald fegten. „Langfristig sehe ich das Aus für den Bundesliga-Fußball in Hamburg“, hatte Ronald Wulff, seit Dezember 1992 Kämmerer des Hamburger SV, eine düstere Zustandsbeschreibung abgeliefert. Konkurs und Notverkäufe – der erfolgreiche Unternehmer … sprach Klartext: „Wir müssen mindestens zwei Spieler zum Saisonende verkaufen“, sagte Wulff, der seit langem dem HSV-Präsidium beratend zur Seite steht: „Wenn wir neue Leute holen wollen, müssen noch mehr gehen.“Wulffs schonungslose Schilderung der miesen Finanzlage („Die Banken geben uns keine Kredite mehr“) läßt bei den HSV-Profis die Angst umgehen: Zittern um den Arbeitsplatz! […]

(kicker, Nr.8/4.Wo. 25.1.1993)

 


Febr. 93:

Eine Situationsbeschreibung des HSV bedarf keiner gedrechselten Formulierungen. Ganz einfach: Ohne Moos nichts los! Zwar gibt es den Hamburger Schulden Verein seit dem Verkauf Dolls nicht mehr, doch allein die laufenden Kosten fressen den HSV auf. […] So gilt es schon heute als sicher, daß der derzeit schuldenfreie Klub am Ende der Saison wieder mit rund zwei Millionen Mark in der kreide steht. Die Liquidität des Traditionsvereins ist vor allem deshalb in Gefahr, weil alle Vermögenswerte längst verkauft sind und deshalb die Banken keine Kredite gewähren.

Damit nun angesichts dieser prekären Situation Heribert Bruchhagen nicht eines Tages in Anlehnung an seinen Namensvetter (Faßbender) sagen muß „Gute Nacht allerseits“, geht er in die Offensive. Sein Plan umfaßt einen Sponsorenpool, der dem HSV etwa sechs Millionen Mark einbringen soll. Mit dieser Finanzspritze will er den Patienten HSV dopen, damit dieser den Europäischen Wettbewerb erreicht. „Nur mit den Einnahmen aus internationalen Wettbewerben läßt sich auf Dauer arbeiten“, weiß Bruchhagen… […]

(kicker, Nr.10/5.Wo. 1.2.1993)



Über dem Trainingslager des Hamburger SV im sonnigen Cadiz zogen Unwetterwolken auf. Grund: Heribert Bruchhagen versuchte sich als „Regenmacher“. Wen er dabei letztlich naß macht, ist allerdings noch ungeklärt. Fest steht, daß, nachdem der Manager in Spanien erklärte, künftig zu Vertragsgesprächen keine Spielerberater mehr zuzulassen, es fraglich ist, ob Riesentalent Karsten Bäron seinen bis ’94 laufenden Vertrag vorzeitig verlängern wird. Bäron … wird normalerweise durch Ex-Profi Jürgen Milewski vertreten. […] „Ich werde mich erst einmal mit Milewski beraten“, erklärte der verunsicherte Profi zu dem Vorstoß Bruchhagens.

Auch Carsten Kober, der sich die Dienste Wolfgang Vöges sicherte und einen neuen Vertrag anstrebt, will die neue Lage besprechen. Für ihn steht aber ohnehin fest, daß eine „kräftige Gehaltsaufbesserung“ erfolgen muß. Präsident Jürgen Hunke steht voll hinter dem Plan Bruchhagens. „Wir werden es handhaben wie die bayern aus München oder Dortmunds Manager Michael Meier“.

Wenn man nun weiß, daß Matthias Sammer bei seinem Transfer zur Dortmunder Borussia sich der Unterstützung Wolfgang Vöges bediente, dann ist klar was Bruchhagens Initiative bringt, nämlich nichts! Übrigens will sich Bruchhagen bei den Vertragsgesprächen auf keine Gehaltserhöhung einlassen. Nur im Falle Bärons signalisierte er Bereitschaft. „Er hat bislang nur ein Lehrlingsgehalt bezogen, jetzt soll er wie ein Geselle bezahlt werden.“

(kicker, Nr.13/6.Wo. 11.2.1993)

 

 

Der Plan sah so aus: Weitere Vertragsverlängerungen im Trainingslager. Die Realität beim Hamburger SV gestaltete sich anders  […]:  „Ich kriege die Verträge nicht so schnell verlängert, weil diese Profigeneration erstmals mit der Tatsache konfrontiert wird, Lohneinbußen hinnehmen zu müssen“, lautet die Zwischenbilanz, die Heribert Bruchhagen … zieht. Nullrunde in Hamburg […] .Angebote und Forderungen klaffen auseinander. […]

„Ich lasse mich nur am Ziel messen, nicht an den einzelnen Etappen“, sagt Bruchhagen, […] Die Vorgaben für ihn sind klar: 1,5 Millionen Mark sollen im Etat für die neue Saison an Personalkosten für den Profikader eingespart werden. Vier Arbeitsplätze werden gestrichen: Der Kader, so die Eckdaten, soll von 24 auf 20 Profis reduziert werden. „Bittere Maßnahmen“, gesteht der Manager, „doch dem HSV bleibt keine andere Wahl.“

Harte Bandagen bei der Sparwelle an der Alster: Bruchhagen betonte nochmals, daß er stark leistungsbezogene Verträge angeboten habe. Somit müßten Stammspieler keinen Lohnverzicht üben: „Wer 30 Spiele mitmacht, verdient genauso viel wie in dieser Saison.“

(kicker, Nr.14/7.Wo. 15.2.1993)


März 93:

[…] Hunke, etwas besorgt um das künftige Image des Hamburger Klubs: „Keineswegs, wir wollen nicht sparen, wir wollen nur nicht mehr ausgeben, als wir einnehmen.“ Was wirtschaftlich vernünftig klingt, hört sich in den Ohren der HSV-Profis ganz anders an. Denn, so Hunke, „wir wollen künftig noch leistungsorientierter die Gehälter bezahlen.“ […]

Aber es geht nicht nur um die Höhe der Einkünfte. […] Es soll nur noch Ein-Jahresverträge geben. Hunke: „Fußballer sind doch wie Künstler. Und da gibt es doch auch keine Zwei- oder Drei-Jahresverträge.“ Einzige Ausnahme bleibt Karsten Bäron, der für zwei Jahre unterschreiben soll. Hunke: „Der hat Charakter.“ Und Talent. Und Talente haben zuweilen unglaubliche Preissteigerungen.

(kicker, Nr.23/11.Wo. 18.3.1993)



Die Bundesliga will den Spielerberatern das Handwerk legen. Einer der Wortführer ist Heribert Bruchhagen. Für den kicker setzte sich der Manager des Hamburger SV mit Wolfgang Fahrian und dem geächteten Wolfgang Karnath an einen Tisch.

 


kicker: Würden Sie mit Herrn Fahrian Geschäfte machen?

Bruchhagen: Nein, die Dienstleistung, die Herr Fahrian leistet, muß ich selbst erbringen.

Fahrian: Das kann ich nicht ganz nachvollziehen. Was macht es für einen Unterschied, ob ein berater für ein Verein tätig wird, oder ob der Verein Spielerbeobachter losschickt? Die kosten schlißlich auch Geld.

Bruchhagen: Wir befinden uns in einer Phase der wirtschaftlichen Rezession, die auch vor der Bundesliga nicht halt macht. Früher sind die Etats gewachsen, 1993/94 ist dies nicht mehr der Fall. Also müssen die Kosten gedämpft werden. Ich habe beim HSV den Auftrag, 1,3 Millionen Mark einzusparen. Ich muß die Zahl der Spieler und die Gehälter reduzieren. Im Klartext: Der Topf, der der Bundesliga zur Verfügung steht, wird nicht größer. Fernseheinnahmen bleiben in den kommenden Jahren konstant, höhere Eintrittsgelder sind nicht durchzusetzen, höhere Werbeeinnahmen kaum zu erzielen. Ich sehe nicht ein, daß die Gruppe der Spielerberater immer mehr aus diesem Topf herausschöpft. […] Wenn ich einen Spieler aus Leverkusen haben will, dann rufe ich Herrn Calmund an. Warum soll das nicht funktionieren?

Karnath: Ich kann Herrn Bruchhagen nachfühlen, daß die Zusammenarbeit mit Spielerberatern für ihn ein Problem ist. Denn es gibt verschiedene Berater, auch solche, die ihre Spieler gegen die Vereinsinteressen beeinflußen.

Bruchhagen: Zugegeben, wenn mir zum Beispiel Wolfgang Fahrian einen Halblinken anbietet, der genau zu uns paßt, dann muß ich halt in den sauren Apfel beißen und Herrn Fahrian bezahlen.

Kicker: Wenn die Bundesliga die Berater von der Bildfläche verschwinden lassen will, ist vor allem Solidarität unter den Vereinen nötig.

Bruchhagen: Solidarität und Fleiß. Wir Manager müssen unsere Hausaufgaben machen.

Kicker: Läuft ein junger Spieler wie Karsten Bäron nicht Gefahr, über den Tisch gezogen zu werden?

Bruchhagen: Wir haben ihm vor kurzem ein Angebot gemacht, in Hamburg zu verlängern, obwohl sein Vertrag noch anderthalb Jahre läuft. Unser neues Angebot wird seiner zuletzt verbesserten Leistung gerecht und paßt auch in die Struktur des Vereins, Wenn er dieses Angebot ablehnt, ist das legitim. Und wenn er anderswo seine finanziellen Interessen verwirklichen kann, wechselt er sowieso. Mich stört, daß Bäron das Angebot sicher angenommen hätte, sein plötzlich auftretender Berater jedoch Begehrlichkeiten weckt, die vorher gar nicht da waren.

Kicker: Müssen sich die Bundesligamanager nicht zum großen Teil an die eigene Nase fassen, weil sie die Spielerberater erst zu dem haben werden lassen, was sie heute sind? Weil sie in der Vergangenheit nur allzu gern deren Dienste in Anspruch genommen haben?

Bruchhagen: Die Akzeptanz rührte daher, daß es früher Manager gab, die mit Summen in der Größenordnung von 100 000 Mark viel laxer umgegangen sind als die heutige Managergeneration. Aber früher haben die Spielerberater nie in dem Maße in die Gehaltsstruktur der Vereine eingegriffen, wie das heute teilweise der Fall ist oder versucht wird. Heute will doch jeder ehemalige Lizenzspieler, der mit einem Profi mal Pizza essen war, mitreden.

Kicker: Auf der Managertagung wurde die Ablehnung der Berater nicht klar formuliert. Bedeutet das: Im Zweifelsfall für den Berater?

Bruchhagen: Im Notfall. Es gibt kein striktes Verbot.

Karnath: Von Spielern nehme ich generell kein Geld. Also vom Verein […] Im übrigen weiß ich doch, daß die Solidarität innerhalb der Bundesliga nicht eingehalten wird. […] … ich denke immer an die Spieler und an den Verein. Von mir profitieren immer Spieler und Verein.

Bruchhagen: Nein. Nicht der Spieler, nicht der Verein profitiert – Sie profitieren! Der Topf mit dem Geld, das zu verteilen ist, bleibt gleich. Und durch die Bewegung auf dem Markt geht geld in den dritten Topf, in den der Spielerberater.

Karnath: Wir sorgen auch dafür daß die Vereine bei Spielerverpflichtungen und bei Transfers insofern profitieren, als der Klub am Weiterverkauf eines verkauften Spieler partizipiert.

Bruchhagen: Aber das können die Vereine doch untereinander regeln, ohne Berater. Ich behaupte: Es gibt eine Solidargemeinschaft Bundesliga. Die muß ab sofort greifen. Wenn beim HSV in den vergangenen Jahren keine Beraterhonorare angefallen wären, könnte ich jetzt mit einem Schlag die Spieler Bäron und Kober zufriedenstellen.
Herr Karnath, Fakt ist, daß kein Bundesligist einen Spieler kaputtmacht.

Karnath: Doch! Und über den Tisch gezogen werden die Spieler auch.

Bruchhagen: Unsinn! Die Vereinsmanager machen ein Angebot, das sie verantworten können. Wenn der Spieler nicht einverstanden ist, trennt man sich eben.

Fahrian: Und dann schiebt der Verein ein Angebot nach, das vorher nicht zu verantworten war.

Kicker: Wenn eine offizielle Transferstelle eingerichtet wird – was versprechen Sie sich davon?

Bruchhagen: Ich fühle mich wohl dabei, wenn die Dinge, die wir beklagen, kontrollierter ablaufen. Es kann nicht sein, daß es für 400 Lizenzspieler 380 Berater gibt. Wir haben das Ziel, dies zu begrenzen, ganz ausschließen können wir es nicht.

Kicker: Wenn Fahrian oder Karnath eine Lizenz bekommen, arbeiten Sie dann mit denen zusammen?

Bruchhagen: Wenn ich selbst diese Leistung nicht erbringen kann, würde ich sie ansprechen.

Kicker: Die VdV will alle Berater ausschließen.

Bruchhagen: Wir müssen an einen Tisch. Nicht Straub, nicht die VdV, nicht die Manager können über die Transferstelle bestimmen. Da muß ein profunder Kenner der Szene sitzen und unabhängig sein.

Kicker: Nehmen wir mal an, Karnath bekäme keine Lizenz. Sollten dann Spieler, die mit ihm zusammenarbeiten, bestraft werden?

Bruchhagen: Darüber müßte ich länger nachdenken. […] Wer nicht seriös arbeitet, den wollen wir nicht. Ich hatte mal in Schalke den Fall Hendrik Herzog. Der hat bei mir gesessen und geweint, weil ihn sein Berater austricksen wollte. Absolut unseriös. Ich habe den Berater kommen lassen und ihm klargemacht, was ich alles gegen ihn unternehmen kann. Daraufhin hat er auf alle Forderungen gegenüber Hendrik Herzog verzichtet.

Karnath: Mag sein. Aber generell ist es gut für die Vereine, wenn Spieler individuell betreut werden.


Bruchhagen: Herr Karnath, jetzt spielen Sie sich hier bitte nicht als Sozialarbeiter auf!
[…] Wir müssen daran arbeiten, daß Berater nicht mehr gebraucht werden. […] Wenn schon Berater, dann müssen sie von der VdV, dem DFB und von uns ausgesucht sein. Wenn das gewährleistet ist, ist es möglich.

Künstler Kober schaffte Hunke

Neue Verträge braucht das Land. Das fordert HSV-Präsident Jürgen Hunke. Denn, so der Hamburger, Fußballer sind wie Künstler. Und für Künstler reichen Ein-Jahres-Verträge. Maximal. Sagt Jürgen Hunke.

Jeder Vergleich hinkt. Dieser ganz besonders.

Fußballer sind zwar keine Beamten, aber ein bißchen Sicherheit braucht auch ein Profi. Denn Fußballer sind nicht nur Künstler, sondern auch Menschen – mit ganz normalen Stärken und Schwächen. Hunke, der sein eigenes Geld ausgerechnet mit Versicherungen verdient, sollte wissen, was auch im Leben eines Profis alles so passieren kann: Beinbruch, schlechte Form, schlechte Trainer…

Künstler hin oder her – so gesehen war die Nachricht, daß Carsten Kober, sein eigener Verteidiger, einen neuen Zwei(!)-Jahresvertrag durchdrücken konnte, eine gute Nachricht. Auch wenn damit die Worte des HSV-Präsidenten wie Seifenblasen platzten.

Heute geheuert, morgen gefeuert? Lieber nicht, Herr Präsident. Oder sollten wir lieber „Herr Mäzen“sagen?

Günter Wiese

(kicker, Nr.24/12.Wo. 22.3.1993)



Aug. 93:

Krach in der Führungsetage des Hamburger SV: Ronald Wulff, designierter Hunke-Nachfolger als Präsident des Traditionsvereins, geht in die Offensive und stellt seine Kandidatur in Frage. „Ich will keine Marionette und kein Präsident von Hunkes Gnaden sein“, erklärte der HSV-Schatzmeister gegenüber dem kicker. […] Aktueller Anlaß: Überlegungen, einen Wirtschaftsrat beim HSV zu installieren, und die Folgen.

Als eines der Mitglieder dieses neuen Gremiums, das wie ein Aufsichtsrat funktionieren soll, ist der bisherige Boß Hunke im Gespräch, der sich im November nicht wieder zur Wahl stellen will. In der Öffentlichkeit erweckte der exzentrische Versicherungsunternehmer den Eindruck, als ob er auf diese Art weiterhin der starke Mann bleiben werde.

„Ich werde Hunke zur Rede stellen“, kündigte Kandidat Wulff ein Gespräch an, […] Wulff ist keineswegs gegen die Einführung des Kontrollorgans, hat dies selbst angeregt. Doch der Neuling beansprucht auch klare Kompetenzen: „Ich will Vollmachten. Ein Grüß-August werde ich nie sein. Dann stelle ich mich erst gar nicht zur Wahl.“ Hintergrund: Zwischen Hunke und Wulff ist es vermehrt zu Kontroversen gekommen – vor allem in der Personalpolitik.

(kicker, Nr.65/32.Wo. 12.8.1993)


Ärger beim HSV um das neue Maskottchen. Es gibt einen Streit um das Urheberrecht. Der HSV verkaufte die Rechte für 100 000 Mark an eine Sportagentur. Die Grafikerin Bettina Matthaei die die „HSV-Hummel“ entworfen hatte, sah bislang keinen Pfennig. Und auch die Art und Weise, wie die Entwürfe zur Abstimmung kamen, war ziemlich undurchsichtig. Kritiker sagen, die Abstimmung der Fans sei eine Farce gewesen, weil man sich bereits vorher festgelegt habe. Präsident Jürgen Hunke versprach nun der Künstlerin eine Beteiligung von sieben Prozent. Ob damit die Hummel-Affäre aus der Welt ist?

(kicker, Nr.68/34.Wo. 23.08.1993)


Okt. 93:

Der Amtsinhaber spöttelt über ihn, “ich kenne Herrn Kaiser nicht”. Manfred König (39) ficht das nicht an. Er trägt sich weiter mit der Absicht, Nachfolger von HSV-Präsident Jürgen Hunke zu werden und auf der Mitgliederversammlung am 1. November gegen den Präsidiums-Kandidaten Ronald Wulff (48) anzutreten. In einem Gespräch mit dem Hamburger Abendblatt sagte er: “In den vergangenen Jahren ist im HSV zuwenig konzeptionell gearbeitet worden. Die Mitglieder haben jetzt die Chance, über die Zukunft des HSV abzustimmen.”


Manfred König: Ich halte es für eine höchstinteressante Aufgabe, diesen hanseatischen Verein professionell zu führen. Denn daran mangelte es in der jüngsten Vergangenheit. Der Präsident ist gemäß den HSV-Statuten der einzige, der etwas bewirken kann. Und das ist mein Ziel. Wenn jemand ein besseres Konzept hat, mache ich ihm gern Platz und bin bereit, ihn zu unterstützen.

Das Nest ist alles andere als gemacht. Herr Hunke hat den HSV zwar saniert, aber zu welchem Preis. Die gesamte Substanz wurde verkauft: Wertpapiere, Immobilien und sportliche Leistungsträger. Zudem wurde die Bedeutung der Amateur-Abteilungen auf das Beitragszahlen reduziert. Der HSV hat aber auch eine soziale Aufgabe. Er muß ein gesellschaftlicher Integrationsfaktor sein. Doch diesem Anspruch kann er allein als Großverein mit einem breitgefächerten Angebot gerecht werden. Dazu gehören auch die Sportarten außerhalb des Fußballs. Für diese muß wieder mehr getan werden. Die ausgegliederten Volleyballer würde ich sofort zurückholen. Nur unter dem Emblem des HSV haben sie eine Chance, ausreichend Sponsoren zu finden. Und im American Football verschläft der HSV Vermarktungsmögüchkeiten, die langfristig Gewinne abwerfen können. So ist der FC St. Pauü kurz davor, die Eurobowl, das europäische Pendant zur Superbowl, nach Hamburg zu holen.

Der HSV ist derzeit allein von den Erfolgen der Fußball-Profis abhängig. Bleiben die kurzfristig aus, wären die Folgen für den gesamten Klub verheerend. Der Verein scheint jedoch auf dem richtigen Weg. Es wurden gute Spieler mit Perspektive gekauft und das Image verbessert. Der HSV hat mit seinen Einkäufen Glück gehabt. Aber jetzt gilt es, das Team gezielt zu verstärken, damit schnellstens ein UEFA-Pokal-Platz erreicht werden kann. Nur im Europapokal ist der Klub überlebensfähig.

Es muß wieder in die Mannschaft investiert werden. Ich würde dafür sorgen, daß der HSV seinen Fans jedes Jahr einen neuen Star kauft. Ich habe die Zusage von drei Sponsoren über sieben Millionen Mark. Damit ließe sich zum Beispiel ein Rückkauf von Thomas Doli realisieren. Das Geld ist aber nicht an seinen Namen gebunden. Außerdem sucht der HSV momentan einen weiteren Stürmer. Mir wurde jetzt ein guter angeboten: Horst Sigel (25) von Sparta Prag, Stammspieler der tschechischen Nationalmannschaft. Er kostet 1,5 Millionen Mark und könnte, weil er deutsche Eltern hat, sofort eingebürgert werden.

HA: Wer sind diese Sponsoren, die soviel Gutes tun wollen?

Manfred König: Ich bin zum Stillschweigen verpflichtet worden.

HA: Wären Sie bereit, im Falle des Scheiterns ihrer Kandidatur, diese Geldgeber dem HSV zu vermitteln?

Manfred König: Das Problem ist, daß die Hamburger Wirtschaft der jetzigen HSV-Führung, und dazu gehört auch Herr Wulff, nach meinen Erkenntnissen reserviert gegenübersteht. Es ist doch kein Zufall, daß der HSV in den vergangenen Jahren keinen Sponsor gefunden hat, der einen größeren Betrag investieren wollte.

HA: Was hat denn der HSV Ihrer Meinung nach falsch gemacht?

Manfred König: Es hängt vom Renommee der handelnden Personen ab, andererseits hat der HSV seine Hausaufgaben nicht erledigt. In vielen großen Hamburger Unternehmen ist er nicht einmal vorstellig geworden, in anderen konzeptlos aufgetreten. Die Wirtschaft jedoch will wissen, wie und wo sie ihr Geld refinanzieren kann. Es existieren aber im HSV weder Untersuchungen über die Zuschauerstruktur noch Erhebungen, unter welchen Voraussetzungen Firmen bereit wären, mit dem HSV zusammenzuarbeiten. Das ist amateurhaft. Ich würde zwei Marketing-Experten engagieren. Nur über professionelle Vermarktung kann der Großverein HSV die Strukturen für die Zukunft schaffen.

https://www.abendblatt.de/archiv/1993/article202590987/Was-ich-aus-dem-HSV-machen-will.html


[…] Doll: „Diese Spekulationen um eine mögliche Rückkehr zum HSV hat hier viel Staub aufgewirbelt. Das gab richtig Theater.“ […] Einer der Gründe für das schwierige Leben des Thomas Doll in Rom heißt Manfred König. Der will nicht nur HSV-Präsident werden, sondern auch Doll zurückholen. König behauptet: „Ich habe schon mehrmals mit Doll telefoniert. Bald werde ich nach Rom fliegen, um näheres zu besprechen.“ Das Problem: König scheint nicht die Wahrheit zu sagen. Doll zum kicker: „Ich habe noch nie in meinem Leben mit einem Herren namens König telefoniert. Wer ist das eigentlich?“

kicker: Was halten Sie von Ihrem Gegenkandidaten?

Ronald Wulff: Ich könnte mich mit Herrn König nicht ernsthaft unterhalten. Der erzählt nur Mist.

(kicker, Nr.83/41.Wo. 14.10.1993)



High noon gestern in Hamburg. Raum „Brahms“ im Interconti-Hotel, Punkt zwölf Uhr mittags gehen die Scheinwerfer an. Spot an für Jürgen Hunke. Der letzte Auftritt des Paradiesvogels auf dem Präsidentensessel beim Hamburger SV. Mit der besten Bilanz seit Jahren verabschiedet sich der Multi-Millionär von seinem Ehrenamt. Stolze Zahlen zum Ende einer Ära: Der HSV ist schuldenfrei und weist für die Saison 1992/93 einen Gewinn von 2,718 Millionen DM aus.

„Ein Erfolgserlebnis will ich meinem Nachfolger überlassen“, dozierte der Versicherungsunternehmer, der sich nach dreijähriger Amtszeit bei der Jahres-Hauptversammlung des Erstligisten am kommenden Montag nicht zur Wiederwahl stellt. „Die Verträge mit den Leistungsträgern müssen schnell verlängert werden, das sollen die neuen Leute tun.“ In einem Nebensatz versteckte Hunke so die Kardinalsfrage beim hanseatischen Traditionsklub, die … den sportlichen Aufschwung, die finanzielle Gesundung sowie den packenden Wahlkampf in den Hintergrund drängte. […]

Personalprobleme also zu Beginn der neuen Zeitrechnung beim HSV, aber in einer Hinsicht schon Gewißheit: Seit gestern gibt es mit Ronald Wulff nur noch einen offiziellen Präsidentschaft-Kandiataen. Mitstreiter Manfred König, der mit dem geplanten Rückkauf von Thomas Doll in die Schlagzeilen gelangte, hat offiziell seine Bewerbung nicht angemeldet.

(kicker, Nr.87/43.Wo. 28.10.1993)

 

Das Testat kam aus berufenem Munde. “Erstaunlich, wie sich der Hamburger SV entwickelt hat”, meinte Werder-Präsident Franz Böhmert am Rande des hanseatischen Pokal-Duells. “Der Klub ist gesund und wird seriös geführt.” Ähnlich sieht es die Deutsche Presse-Agentur (dpa). Unter der Überschrift “Hunke ließ den HSV gesunden” tickerte sie folgende Nachricht in Deutschlands Redaktionen: “Die dreijährige Amtszeit des 50jährigen Versicherungs-Unternehmers klingt mit einer eindrucksvollen Wirtschaftsbilanz aus.”

Tatsächlich wird der so Gelobte auf der HSV-Hauptversammlung am Montag ein Vermächtnis hinterlassen, das sogar seinen Kritikern Respekt abnötigt. Die Profis stehen im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten gut da und, viel wichtiger: Der Verein wurde vor dem Kollaps gerettet und in die Gewinnzone geführt. Damit endet an Allerheiligen eine Ära HSV-Geschichte, die an einem trüben Oktoberdienstag 1990 um 19 Uhr im Interconti- Hotel begann: Vor der Elefantenrunde des Klubs präsentierten sich die neuen Präsidentschaftskandidaten. Einer von ihnen fiel nicht nur durch seine kessen Thesen auf und animierte den damaligen Kassenprüfer Hans Fahning zu der Äußerung: “Über den da mit der roten Jacke brauchen wir wohl nicht zu reden.”

Der da mit der roten Jacke aber wurde es. Jürgen Hunke, geprägt von einer Vision, traf die Stimmung der Basis, als er schonungslos mit der alten Führung ins Gericht ging und dem Verein, anfangs nur verbal, lange Vermißtes wiedergab: Zuversicht. Etliche Oldies aber fanden’s shocking: Da stand plötzlich ein Typ an der Spitze des gemeinhin als Traditionsverein bezeichneten HSV und zeigte so wenig von jenen Äußerlichkeiten, die andere hanseatisch nennen: Testarossa statt Daimler, ein Faible für modischen Chic in Schwarz- Weiß-Rot statt für Blazer und Nadelstreifen, ein Versicherungsmann und kein Banker, lieber Kartoffelsuppe und Speckscholle im Brodersen statt Krebsscheren im Anglo German Club, Neonlicht und Acryl anstelle antiker Lüster und britischen Mahagonis und dann noch, welch Skandal, Pomade im Haar.


Das war zu viel für manchen Etablierten. “Unhanseatisch”, schnaubten sie und kehrten der Tagespolitik den Rücken. Geflissentlich übersehend, daß es Edelmänner aus guten Kreisen waren, die Begriffe wie “hanseatisch” und “traditionell” falsch interpretierten und meinten, durch Verschönern von Bilanzen, Verschweigen der wahren Schuldenberg-Dimensionen und Mauscheleien den einstmals guten Ruf retten zu können. Dabei war dieser spätestens 1990 nur noch Fassade. “Der HSV ist wirtschaftlich unheilbar krank”, erkannte Schatzmeister Manhard Gerber. “Überall knabbern Holzwürmer im Gebälk.” Daß dieses nicht mit Getöse zusammenbrach, ist der neuen Führung und besonders Jürgen Hunke anzurechnen.

Dabei hatte der Tüchtige Glück. Thomas Dolls Transfer sorgte im Profiteam für einen Leistungseinbruch, bescherte dem HSV aber die rettenden 16 Millionen. “Man kann über Hunke sagen, was man will”, meinte der Manager eines namhaften Bundesligaklubs, “das Doll-Ding war ein Meisterwerk.” Klar, daß einem extravaganten Action-Typen vom Naturell Hunkes mit Mut zum Risiko, Durchsetzungsvermögen und einem für viele irritierenden “Hallohier-komme-ich-Wesen” nicht nur Kunststücke glückten.

Die von viel Werberummel begleiteten, in sich durchdachten, jedoch nicht umsetzbaren AG-Pläne erwiesen sich ebenso als Flop wie manche personelle Entscheidung. Auch das Gesuch um eine staatliche Millionen-Bürgschaft brachte letztlich nichts. Ganz zu schweigen von der Hexerei mit einem Psycho-Gaukler, die dem HSV in ein schräges Licht setzte. Und bei der Streichung von Ehrenkarten ließ der Macher vom Rothenbaum ebenso Fingerspitzengefühl vermissen wie bei der allzu brüsken Abfuhr des milde kritisierenden Amtsvorgängers Peter Krohn während einer Hauptversammlung.

“Jürgen Hunke ist hart, aber gerecht”, weiß HSV-Manager Heribert Bruchhagen. Vor allem entwickelt er diese Eigenschaften auch seiner eigenen Person gegenüber. Die Interessen des HSV verfolgte er in Django-Manier, ohne Furcht vor Nackenschlägen. Oft hätte es sich Hunke leichter machen können, wäre er den einfachen Weg gegangen. Das Engagement stand unter dem Handwerker-Motto: “Wo gehobelt wird, fallen Späne.” Die Abkopplung kostenintensiver Amateur-Abteilungen war zwar nichts für sensible Gemüter, aber sie sparte dem HSV viel Geld. Die Ochsenzoll-Pläne scheiterten. “Nur so ist der Profiklub fit für die Zukunft”, meinen die Befürworter. “Hunke zerschlägt den Universalverein”, tadeln die Kritiker.

Ausschließlich Applaus gab es für andere Maßnahmen: eine straffe Struktur der Geschäftsstelle, ein erfolgreiches Sponsoren-Programm, eine gewinnbringende Stadionzeitung, eine lukrative Vermarktung des HSV- “Salmis”, die Verpflichtung von Leistungsträgern wie Letschkow, den Manager Bruchhagen, aber auch den Aufstieg Möhlmanns zum Chefcoach. Das Werben für eine neue Mehrzweckhalle, der verblüffende Plan zum Kauf des Volksparkstadions für eine Mark, das Partnerschafts-Angebot der Ufa und der Einsatz für den Rothenbaum werden Früchte erst nach Hunkes Rückzug bringen. Getreu dem Lieblingsmotto des Freundes asiatischer Philosophie: “Wer sät, der erntet auch.”

Mit Energie, Power, Gradlinigkeit, politischem Instinkt, aber auch mit Beharrlichkeit, List und Gespür hat Jürgen Hunke viel gesät beim HSV. Aus einem Altherrenklub kurz vor dem moralischen und wirtschaftlichen Bankrott formte er einen gesunden Sportverein, der mit Optimismus in die Zukunft blicken kann. Ein ganz starker Abgang. Er hinterläßt ein Vermächtnis, das sich sehen lassen kann. Wer hätte das gedacht, als vor gut tausend Tagen ein Mann mit rotem Jackett auftauchte und versprach: “Ich rette den HSV!” Damals prangte auf seiner Krawatte: “I am free! ” Vorgestern in Bremen hatte sich Jürgen Hunke eben diese Krawatte erstmals wieder umgebunden.

https://www.abendblatt.de/archiv/1993/article202591507/Tausend-Tage-Hunke-Ein-ganz-starker-Abgang.html


Nov. 93:

[…] Im Curio-Haus an der noblen Hamburger Rothenbaumchaussee wählten ihn die Mitglieder des HSV zum neuen Präsidenten. Knapp drei Jahre später, am heutigen Montag abend, legt er an gleicher Stelle sein Amt nieder. […] Und er wird den Segen der Versammlung bekommen, daran besteht nicht der geringste Zweifel. Schließlich verläßt der Kapitän ein Schiff, das zuletzt unter seinem Kommando einen mehr als ordentlich zu nennenden Kurs fuhr. […] Damals, als Hunke antrat, war der Klub mit 15 Millionen Mark verschuldet. Heute ist er finanziell gesund und verfügt über eine Mannschaft, die zu großen Hoffnungen Anlaß gibt. […]

Hunke, der alte Zöpfe rigoros abschneiden wollte, wurde zur Reizfigur, als er beispielsweise den HSV als Universalsportverein zu Grabe tragen wollte. Sein Credo: Der Profifußball kann auf Dauer nicht alle defizitären Abteilungen finanzieren. Also: Trennung und Selbstverwaltung. Sein Vorstoß wurde in der Mitgliederversammlung abgeschmettert, auch wenn Hunke heute behauptet, daß es fast pari ausgegangen sei.

Überhaupt ist es faszinierend, mit welcher Nonchalance der 50jährige … persönliche Niederlagen ins Positive verkehrt. So war das groß angelegte Aktien-Brimborium nicht etwa der Flop des Jahres, „sondern eine seiner besten Entscheidungen. […] Die AG hat ganz Deutschland und dem HSV Phantasie gegeben.“ Leider rettete ihn die Phantasie nicht davor, die Aktien wieder vom Markt zu nehmen, weil die Kapitalerhöhung nicht klappte (35 900 Wertpapiere sollten gezeichnet werden, es waren schließlich ganze 2000). Dies aber lag seiner Meinung nach nur daran, daß „bewußt falsch berichtet worden ist, und Großmeister Klein (Dr. Wolfgand Klein, die Red.) mit anderen gebremst und Lunten gelegt hat.“

[…] Er verweist darauf, daß die seinerzeit installierte AG produktiv arbeitet, zum Beispiel durch die Vergabe von HSV-Lizenzen, „In diesem Jahr hat sie bereits 350 000 Mark erwirtschaftet. Und derzeit wird sogar eine Lizenz nach Japan vergeben.“ […] Hunke ist Überzeugungstäter: „Jede Idee braucht seine Zeit.“ Und in einem Anflug von Philosophie erteilt er seinem Schaffen … völlige Absolution: „es hatte alles seine Bedeutung.“ Das kann man wohl sagen, der Verkauf Thomas Dolls und der Vermögenswerte („die waren doch nichts mehr wert, weil über Gebühr beliehen“) sorgten für die Entschuldung des Klubs. […] So erwiesen sich Manager Bruchhagen und der aus dem zweiten ins erste Glied gerückte Trainer Benno Möhlmann als Glücksgriffe. […]

[…] … er selbst will weiter engagiert für den HSV arbeiten. Einerseits im Vorstand der AG, andererseits in einem Wirtschaftsrat, der bei der Jahreshauptversammlung heute abend neu geschaffen werden soll. Er bleibt also im Einflußbereich der Macht. Kritiker sehen auch in der Tatsache, daß mit dem Schatzmeister Ronald Wulff ein Spezi Hunkes zum Präsident gewählt werden soll, […]

(kicker, Nr.88/44.Wo. 1./2.11.1993)

 

Jürgen Hunke 2015:

„Mäzene sind unterschiedlich: Es gibt den Geldgeber. Es gibt den, der nicht nur Geld gibt, sondern sich auch selbst einbringt. Und dann gibt es noch den, der auch Geld gibt, sich aber voll engagiert und ein Projekt zum Erfolg führt.“

ZEIT: Und Sie sind Mäzen Nummer …

Hunke:
Drei! Ich gebe Geld, gehe aber voll ins Risiko, mache die Arbeit selber.

[…] Ich habe immer bodenständig gespart und nach dem Motto gelebt: Nie mehr ausgeben, als ich besitze. Es ist schön, genug Geld zu haben. Geld hat unglaubliche Macht.

[…] Ich bin ein freiheitsliebender Mensch. Für manche bin ich anstrengend, weil schwer einzuordnen.

Ich bin ein Verfechter des Ehrenamts, schon seit meiner Jugend habe immer mit angepackt.

Der HSV hat mir zum Teil zu verdanken, dass es ihn überhaupt noch gibt. Ich habe damals Thomas Doll für 15 Millionen D-Mark an Lazio Rom verkauft. Immer wieder habe ich erfolgreich Verhandlungen für den Aufsichtsrat geführt, als es um den Stadionbau ging. Ich bin der, der am häufigsten in die Gremien gewählt wurde und insofern am längsten dabei ist.

[…] Ich bin ein visionärer Mensch. Ich wäre vielleicht ein noch viel reicherer Mann, wenn mir meine Ideen nicht immer wichtiger als Geld gewesen wären. Und meine Voraussagen, es tut mir sehr leid, das sagen zu müssen, treffen leider oft ein.

Ich bin ein bodenständiger Westfale – überzeugter Lutheraner mit einem Schuss buddhistischer Philosophie.

http://www.zeit.de/2015/29/juergen-hunke-hamburg-maezen-ueber-geld-spricht-man-nicht/komplettansicht

— Prof. Vitzliputzli —


Die Serie Sackgasse Sylvesterallee – Endstation HSV!
Teil 1: Der missglückte Übergang
Teil 2: Nachwuchs im Abseits
Teil 3: Sir Erich und die trügerische Sonnenwende
Teil 4: Der sinkende Stern des Nordens
Teil 5: Adriano aus Pöseldorf
Teil 6: Aktien zeichnen HSV ungelöst
Teil 7: Ein Visionär tritt ab und bleibt


2 Kommentare

  1. GVGV

    Goldener Fleißpreis für den Prof.!
    Sehr spannende Rückschau!
    An vieles erinnere ich mich nun wieder. Manches ist noch immer aktuell (leider z.T.), anderes (z.B die Mio.Beträge) beinahe amüsant – und bedenkenswert zugleich.
    Mit zunehmendem Abstand erscheint Hunkes “glorreiche” erste Zeit beim HSV doch immer weniger positiv bzw. nur sehr oberflächlich.
    Seiner Sozialkompetenz scheint auch kein exorbitantes Wachstum widerfahren zu sein.
    Die wirtschaftlich höchst fragwürdige Unart, Tafelsilber und Substanz in riskant spekulative vergängliche Tagesgeschäfte zu feuern ist in neuerer Zeit tendenziell zur Selbstmordmethode anvanciert …

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  2. Avatarky

    super Fleißarbeit, Prof. – bedankt!

    Wer nochmals nachlesen möchte, wie Hunke Bernd Hoffmann 2011 entmachtete:
    https://www.zeit.de/sport/2011-03/hoffmann-kraus-hsv-aufsichtsrat

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