Sackgasse Sylvesterallee – Endstation HSV! Teil 1

Sylvesterallee-1

Chronologische Aufarbeitung eines taumelnden Traditionsvereins.

Teil 1:  Der missglückte Übergang


Was vom Erfolg übrig blieb…

Es ist in den letzten 30 Jahren eher ein zweifelhaftes Vergnügen gewesen, Fußballlehrer der Bundesliga-Mannschaft des Hamburger SV zu sein. Nur wenige ambitionierte deutsche Profivereine haben in der Vergangenheit so viele Trainer verschlissen wie der Traditionsklub, der auch weiterhin bis auf Weiteres mit dem Gütesiegel „Immer 1.Liga“ versehen ist. Ein willkommenes Betätigungsfeld für erfolgreiche, erfahrene, solide, ehrliche, strenge, ambitionierte, unerfahrene, überforderte oder überschätzte Übungsleiter, die sich in mehr oder weniger kürzeren Abständen die Klinke in die Hand gaben.

 

Die Erfolgsjahre unter Kuno Klötzer, Branco Zebec und Ernst Happel hinterließen große Spuren. Zwischen 1974 und 1987 erlebte der HSV einer der intensivsten und erfolgreichsten Jahre seiner Vereinsgeschichte. Die Rothosen etablierten sich in der Bundesliga als ein ernsthafter Titelkandidat und auch International konnte man sich schnell Respekt und Anerkennung verschaffen. Dass dieser sportliche Quantensprung ermöglicht wurde, war auch ein wenig dem glücklichen Umstand geschuldet, dass man sich trotz Platz 10 in der Saison 73/74 für den UEFA-Cup qualifizieren konnte. Ausschlaggebend war das Erreichen des DFB-Pokalendspiels gegen Eintracht Frankfurt. Zwar verlor der HSV das Spiel, da die Hessen aber als Gewinner am Pokalsieger-Wettbewerb teilnahmen und zugleich mit Platz 4 in der Meisterschaft einen UEFA-Cup-Rang belegten, schrieb das Reglement vor, dass der HSV durch die Finalteilnahme in den UEFA-Cup nachrückte.

 

Die Bilanz kann sich wahrlich sehen lassen. Drei nationale Meisterschaften (1979, 1982 u. 1983) und zwei Titel im DFB-Pokal (1976 u. 1987) konnten bejubelt werden. Es gab großartige Europapokalabende im UEFA-Cup (1975 Viertelfinale, 1976 Halbfinale, 1982 Finale), in Amsterdam feierte der HSV im Pokal der Pokalsieger seinen ersten europäischen Titel gegen den RSC Anderlecht (1977). In der Königsklasse zog man 1980 im Finale gegen Nottingham Forest zwar noch den Kürzeren, aber mit dem Triumph über Juventus Turin in Athen 1983 erklomm der HSV endgültig den europäischen Fußballgipfel.

 

Ganz ohne Nebengeräusche verlief diese Epoche natürlich nicht ab. Die Saison 77/78 entwickelte sich zu einem echten Prüfstein. Die Verpflichtung von Rudi Gutendorf erwies sich als ein großer Irrtum. Nach knapp 4 Monaten wurde die Reißleine gezogen und der ehemalige Torwart und Publikumsliebling Özcan Arkoç übernahm als Interimslösung die Mannschaft bis zum Saisonende. Einen Europapokalplatz verfehlte man aber trotzdem. Neben „Riegel-Rudi“ trennte sich der Verein zuvor auch vom „Generalmanager“ Dr. Peter Krohn. Er war quasi der Antreiber, Impulsgeber, Stratege in seiner Amtszeit und verstand es mit kaufmännischem Geschick und neuen Ideen (u.a. Trikotwerbung, Showtraining, Hafenpokal, Supercup), dem HSV einen neuen Anstrich zu verpassen. Mit seinem forschen Auftreten polarisierte er aber auch und ließ es sich nicht nehmen, hin und wieder in den sportlichen Bereich hineinzureden. So kam es des Öfteren zu Reibereien mit Kuno Klötzer, die man gelegentlich auch öffentlich austrug. Tragisch endete auch die Zusammenarbeit mit Branco Zebec, der durch seine Alkoholkrankheit immer mehr zur Belastung wurde und zum Schluss nicht mehr tragbar war.

 

Aber auch schon im Meisterjahr 78/79 gab es Meldungen über eine finanziell angespannte Lage. So wurde sogar kurzfristig über Lizenzauflagen spekuliert:

 

Mai 79:

Diese Nachricht schlug wie eine Bombe ein: Der HSV wird vom Liga- und Wirtschaftsausschuß des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gebeten, ab Donnerstag in der DFB-Zentrale in Frankfurt die Bilanz zu erläutern, damit die Lizenz für die Saison 1979/80 erteilt werden kann. […] Manager Günter Netzer: “Mit mir hat noch niemand gesprochen, aber wir sehen den Dingen völlig gelassen entgegen.” […] Helmut Kallmann: “Die Zwischenbilanz mußte zu einem ungünstigen Zeitpunkt erstellt werden, als durch Spielausfälle große Einnahmen ausblieben. Doch das wird sich bis zum Saisonende alles eingependelt haben. Wir werden das Geschäftsjahr 1979/80 wohl plus minus null abschließen.” […] In der HSV-Bilanz ist ein Fehlbetrag von 689 200 Mark ausgewiesen. […] Heute drückt den Renommierklub von der Elbe inzwischen wieder eine siebenstellige Schuldenlast. […] Schatzmeister Kallmann sieht darin keinen Anlaß zur Panik: “Wir haben schließlich keine dubiosen Geldgeber, wir arbeiten mit Banken zusammen, die uns abgesicherte Kredite gewähren. […]

http://www.abendblatt.de/archiv/1979/article203111971/HSV-Schatzmeister-Keine-Panik.html

 

[…] Wir haben zwar hohe Personalkosten, aber es war schon immer teuer, einen guten Geschmack zu haben.” […]

http://www.abendblatt.de/archiv/1979/article203113705/Raetsel-um-den-HSV-Wo-ist-das-liehe-Geld.html

 

[…] Vor kurzem kam ein Schreckschuß aus Frankfurt, als der HSV zur Anhörung bezüglich der Lizenzerteilung mußte. In der vergangenen Woche verpuffte der Knall und ließ wie bei einem Feuerwerk Staunen über die Wirkung folgen: der HSV verpflichtete den Duisburger Abwehrspieler Dietmar Jakobs für eine Ablösesumme von fast einer Million. Woher kam auf einmal das Geld? […]


„Wir haben gewisse Möglichkeiten gefunden, diese Summe zu erhalten“, gab sich HSV-Schatzmeister Helmut Kallmann erst geheimnisvoll, um dann doch etwas konkreter zu werden: „Es handelt sich um eine innerbetriebliche Entscheidung, die wir bezüglich dieser Finanzen getroffen haben. Jemand, der auf gar keinen Fall genannt werden will, hat uns diese Sache ermöglicht. Es handelt sich dabei um eine ganz seriöse Angelegenheit!“

 (kicker, Nr.44/22.Wo. 28.5.1979)


März 81:

Jürgen Friedrich: Da haben wir z. B. zwei extreme Beispiele: Darmstadt stieg ab, sanierte sich aber in einem Jahr Bundesliga und machte über drei Millionen Mark Gewinn. Auf der anderen Seite hatten wir den Hamburger SV, den bis Saisonende amtierenden Meister mit elf Millionen Mark Schulden. Der sportliche Erfolg kommt sicherlich an erster Stelle, muß seine Entsprechung aber in einem gesunden Wirtschaften finden. Deshalb bin ich immer sehr ärgerlich, wenn ich da so manche Vorgänge in Hamburg oder auch München sehe, bei den beiden bekannten Jungmanagern. Für mich sind das keine Erfolge, die die beiden herausarbeiten, höchstens Teilerfolge.

Da holt der Netzer mit einem Buckel voller Schulden letzte Saison den zweiten Platz und wir landen ganz knapp hinter ihm. Was ist nun vernünftiger und wertvoller? Das gleiche gilt in etwa für Uli Hoeneß. Was ist ein Manager anderes, als ein leitender Direktor eines Unternehmens? Ein Direktor, an dessen Arbeitsende jedoch elf oder sechs Millionen Schuldenlast stehen, ist für mich ein schlechter Leiter. Man kann Geld nicht immer nur rausschmeißen, man muß auch welches reinholen.

Kicker: Ihr Kollege Hoffmann beim FC Bayern sieht das bei weitem nicht so drastisch wie Sie

„Das ist auch der Grund, weshalb der Uli Hoeneß das alles so unbehelligt machen kann. Dem fehlt einer, der ihm mal tüchtig die Nägel schneidet!

Kicker: Wie sehen Sie denn diese andere aktuelle Entwicklung des Geschäfts Bundesliga: die Infiltration von sogenannten „Sponsoren” von Geld von außen also? Keimt hier nicht eine ähnliche Entwicklung, die schon den deutschen Berufsboxsport kaputt gemacht hat: zuerst kommen die Spekulanten, dann die Zuhälter und dann kommt gar nichts mehr?

„Das sehe ich mit größter Besorgnis, was sich da zur Zeit abspielt! Wenn ich auch so ein Spekulant wäre, müßte ich als Geschäftsmann, der ich privat ja auch bin, doch sofort hingehen und mir Spieler kaufen. Die werden ja inzwischen bilanziert, also kann ich die steuerlich abschreiben. Das wäre doch ein tolles Geschäft für mich. […] Spieler als Spekulationsobjekte — da muß man doch was unternehmen! […] Der DFB ist da aufgerufen, so eine Sache ganz einfach zu verbieten, genauso wie er einem so hoch verschuldeten Klub wie dem HSV an diesem Saisonende die Auflage machen müßte, daß die einfach keine neuen Spieler kaufen dürften diesmal. Ich verstehe nicht, daß der DFB da so wenig unternimmt. Aber hier sind wir alle aufgerufen!”

(kicker, Nr.20/11.Wo. 9.3.1981)

[…] Ein Interview in der Montagsausgabe des kicker mit Kaiserslauterns Präsidenten Jürgen Friedrich („der Netzer macht mit einem Buckel voller Schulden den zweiten Platz, wir wirtschaften solide und werden knapp Dritter — – was ist denn da vernünftiger?”) hatte den sonst so hanseatisch unterkühlten Mänager auf die Palme gebracht.

Er nutzte dies zu einer Generalabrechnung mit der Bundesliga und Männern wie Friedrich, Mayer-Vorfelder (Präsident in Stuttgart), Weiand (Präsident in Köln) und den Trainern Buchmann (Frankfurt) und Maslo (Braunschweig), die in den vergangenen Wochen allesamt in teilweise unsachlicher Form den HSV kritisiert hatten.

„Diese Leute schaden nicht uns, was sie wohl bezwecken, sondern dem gesamten deutschen Fußball mit ihren unqualifizierten Äußerungen. Wenn diese schlechten Beispiele der gegenseitigen Attacken weiter Schule machen, dann gute Nacht. Bei uns sind jedenfalls keine Dilettanten am Werk, sondern im Präsidium sitzen ein renommierter Rechtsanwalt, ein in Wirtschaftliehen Dingen erfahrener Verleger und ein über viele Jahre bewährter Schatzmeister. Die sorgen schon allein dafür, daß ich nicht leichtfertig Geld ausgebe, was ich nicht zur Verfügung habe”

(kicker, Nr.21/11.Wo. 12.3.1981)


In positiver Erinnerung bleiben stimmungsvolle Partien, vor prächtiger Kulisse, sei es gegen Dynamo Dresden, Juventus Turin (1974/75), Roter Stern Belgrad, FC Porto, FC Brügge (1975/76). Real Sociedad San Sebastián (1983) oder Inter Mailand (1984). Unvergessen bleiben die beiden Halbfinalspiele gegen Atletico Madrid (1977/3:0) und Real Madrid (1980/5:1). Sternstunden in der Vereinshistorie des HSV! Ein episches Duell lieferte man sich im DFB-Pokal-Achtelfinale 73/74 gegen Borussia M’gladbach, das der HSV erst im Rückspiel, nach Elfmeterschießen, zu seinen Gunsten entschied. Mit drei gehaltenen Elfmetern wurde Rudi Kargus über Nacht zum gefeierten „Elfmetertöter“ und bestätigte diesen Ruf in den nächsten Jahren nachdrücklich…


In der Bundesliga gehörten die Spiele gegen die unmittelbaren Konkurrenten um den Titel wie Bayern München, Bor. M’gladbach, VFB Stuttgart, 1. FC Köln, 1. FC Kaiserslautern, Borussia Dortmund oder Werder Bremen, oft zu den Höhepunkten einer Saison. Eine besondere Euphorie herrschte in der Saison 78/79, wo die Anhänger „rauschende Ballnächte“ vor ausverkauftem Haus (61000) und unter Flutlicht, gegen Schalke (4:2), Kaiserslautern (3:0) und Titelverteidiger 1.FC Köln (6:0) feierten. Einen besonderen Stellenwert nimmt das denkwürdige 4:3 bei Bayern München (1982) ein. Genauso legendär die letzten 1 ½ Wochen der Saison 82/83. Erst der Sieg im Europapokal gegen Juventus Turin, drei Tage später eine Ehrenrunde mit dem Pokal, vor(!) dem Spiel gegen den BVB (5:0), um am darauffolgenden Wochenende die Meisterschaft auf Schalke klar zu machen. Danach die große Sause auf der Moorweide. Lange hielt auch der Rekord der saisonübergreifenden (82-83) Serie von 36 Spielen ohne Niederlage.


Natürlich zählen neben den siegreichen Momenten auch Enttäuschungen mit schmerzhaften Niederlagen dazu, wie die Endspielniederlagen gegen Nottingham (1980) und Göteborg (1982), das 0:5 gegen St. Etienne (1981) vor eigenem Publikum, oder das sensationelle Ausscheiden gegen Eppingen (1974) und Geislingen (1984) im DFB-Pokal.



Aber das war Hollywood von gestern…


Inzwischen ist der Ruhm vergangener Zeiten längst verblasst und die sportliche Berg und Talfahrt gleicht längst einer unendlichen Reise durch eine Schlucht. Noch immer gibt es eine stattliche Anzahl von Realitätsverweigerern, die vor jedem Saisonbeginn das traditionelle Dino-Ritual abhalten und davon überzeugt sind, dass der HSV immer noch zur Beletage des deutschen oder gar internationalen Fußballs gehört.

Vernachlässigte Nachwuchsarbeit, fragwürdige Personalentscheidungen, wirtschaftliche Zwänge und finanzielle Ungereimtheiten beeinträchtigten in der Folge die sportliche Entwicklung des Vereins nicht unerheblich. Die Vereins- und Transferpolitik bekam schon unter der Ära Klein/Netzer/Happel erste Risse. Hatte die sportliche Führung jahrelang bei Neuzugängen ein glückliches Händchen bewiesen, so entpuppten sich die Königstransfers von Schatzschneider und Wuttke, nach dem größten Triumph der Vereinsgeschichte, als erste gravierende (charakterliche) Fehleinschätzungen und konnten dementsprechend die Abgänge von Hrubesch und Bastrup nicht adäquat ersetzen.

Das frühzeitige Ausscheiden des Titelverteidigers in der zweiten Runde des Landesmeister-Cups gegen D. Bukarest (0:3/3:2), trotz begeisternder Aufholjagd im Rückspiel, ließ von Beginn an Unruhe aufkommen. Zwar verpasste man nur durch das schlechtere Torverhältnis die Titelverteidigung in der Meisterschaft (83/84), aber der erste Ansatz eines kontinuierlichen Umbruchs fiel ernüchternd aus. Die Unzufriedenheit überwog und die Dissonanzen innerhalb des Kaders veränderten das Klima zusehends und ging auch nicht spurlos an Präsidium, Manager und Trainer vorbei.

 

Dr. Wolfgang Klein:[…] Als wir 1983 nach dem Triumph von Athen für Horst Hrubesch und Lars Bastrup eben jene viel diskutierten Dieter Schatzschneider und Wolfram Wuttke verpflichtet hatten, war sich ganz Fußball-Deutschland einig: Nun ist der HSV überhaupt nicht mehr zu schlagen. Happel und Netzer waren die Größten. Sie irrten sich. So wie das ganze Fußball-Deutschland. Zwei große Talente haben die Erwartungen nicht erfüllt.[…]

[…] Den entscheidenden Fehler aber haben wir – Vereinsführung und Management – gemacht, als wir im Sommer dieses Jahres versuchten, das bereits heillos zerrüttete Verhältnis zwischen Trainer und Spieler mit sanfter Gewalt Im Sinne ehrlicher und guter Zusammenarbeit wiederherzustellen. Es war falsch, den Wunsch unseres Trainers zu übersehen, ohne Wolfram Wuttke in die neue Saison zu gehen.[…]

http://www.abendblatt.de/archiv/1985/article203469053/Ich-habe-nicht-wie-ein-erfahrener-Scheidungsanwalt-gehandelt.html


Für die erfolgsverwöhnten Anhänger waren die schwankenden Leistungen nicht mehr hinnehmbar und bekundeten immer häufiger lautstark ihren Unmut. In der Folgezeit gehörte man zwar weiterhin zum erweiterten Kreis der Titel- bzw. UEFA-Cup-Anwärter, aber schon in der Saison 85/86 konnte sich der HSV erstmals unter Happel nicht für einen internationalen Wettbewerb qualifizieren. Hinter der sportlichen Perspektive stand ein großes Fragezeichen und die angespannte finanzielle Situation ließ keinen weiteren Spielraum zu, so dass man den Senkrechtstarter von 1983, Wolfgang Rolff, nach Leverkusen transferieren musste. Zuvor schon wurden die Verträge mit Milewski, Groh und Hartwig nicht verlängert. Unterschiedliche Gehaltsvorstellungen und/oder sportliche Gründe gaben den .Ausschlag. Sogar den Verkauf von Thomas von Heesen hatte der Verein kurzfristig in Erwägung gezogen. Holger Hieronymus wurde nach einer schweren Knieverletzung Sportinvalide und Felix Magath beendete seine aktive Laufbahn.


Einen besonderen „Marsch durch die Institutionen“ durchlief Gerd-Volker Schock im Zickzackkurs. Von 1984 bis 1993 und 1996 bekleidete er mehrere Aufgabenbereiche. Erst als Spieler der Amateurmannschaft und zugleich Koordinator der Nachwuchsarbeit und Talentsucher verpflichtet, wurde er schon bald Trainer der Amateure. Unter Skoblar wurde er auch Co-Trainer der Profimannschaft, der aber darauf drängte, dass Schock zumindest den Posten des Amateurtrainers niederlegt. Nach der Entlassung des Jugoslawen, sollte sich das aber schon unter dem Nachfolger Willi Reimann wieder ändern. Schock betreute parallel wieder die Amateure. Als dann auch Willi Reimann vorzeitig gehen musste, wurde Schock zum Trainer der Bundesligamannschaft berufen. Nach seiner eigenen Demission, übernahm er für eine kurze Zeit wieder das Amt als Verantwortlicher des Nachwuchsbereiches. Nach dreijähriger Abstinenz kehrte er 1996 für einige Monate nochmal als Amateur-Trainer zurück…

 

[…]Die Nachwuchskräfte müssen hart angefaßt werden; sie müssen sauer sein, um über den Gipfel zu kommen. Ihnen helfen keine schmeichelnden Worte.[…]

 

Okt. 84:

[…] Der Hamburger SV, das ist seit mehr als zehn Jahren kein Klub mehr für aufstrebende Fußballtalente. […] Dafür, daß die Bundesligamannschaft des HSV lange von der Jugend abgeschnitten war, gibt es mehrere Gründe. Das liegt an der jahrelangen Spitzenstellung des HSV in der Bundesliga und im europäischen Fußball. Für Geduld mit Nachwuchstalenten war und ist bei diesen Leistungserwartungen kein Platz.

Da waren und sind auch Trainer wie Branko Zebec und Ernst Happel, die bei ihrer Zielsetzung ausgereifte und leistungsfähige Verstärkung forderten und keine Experimente mit unbekannten Talenten eingehen konnten und wollten.

“Am stärksten aber hat das Finanzamt begabte Fußballer vom HSV ferngehalten”, behauptet Dr. Wolfgang Klein. “Denn bisher wäre es doch geradezu frech und unverantwortlich von uns gewesen, wenn wir viele junge Spieler an uns gebunden hätten. Denn uns blieb doch eigentlich nur die Möglichkeit, einen Profivertrag zu geben. Dann aber durften sie in unserer Amateurmannschaft nicht spielen und in der Bundesliga war noch kein Platz für sie.[…]

http://www.abendblatt.de/archiv/1984/article203356933/Talentspaeher-beim-HSV-was-bedeutet-das-denn-ueberhaupt.html


Dez.84:

In den vergangenen Wochen ist sehr viel über einen notwendigen Verjüngungsprozeß beim Hamburger SV gesprochen worden. Günter Netzer, Manager des Klubs, beteiligte sich ebenso an der Diskussion wie Trainer Ernst Happel. Doch dabei legt der frühere Gladbacher Star Wert auf folgende Feststellung: überaltert ist die Mannschaft nicht. […] Natürlich hat er recht. Es ist nicht das gesamte Team, doch es sind Schlüsselpositionen, die in ein, vielleicht zwei Jahren neu besetzt werden müssen, wollen die Hanseaten den Zug nicht verpassen.


Es sind die Spielerpersönlichkeiten, die in absehbarer Zeit abtreten: „Und diese Persönlichkeiten braucht jede Mannschaft“, weiß nicht nur Ernst Happel aus langjähriger Erfahrung. „Sicher geht es auch mit einem bestimmten Kollektiv, doch auch das muß geführt werden.“ […] Daß ein Neuaufbau aber auch Leistungsminderung nach sich ziehen kann, dies zeigte sich in den frühen Siebzigern, denn eine Spitzenmannschaft konnte sich der HSV nicht nennen. Er enttäuschte vielmehr und konnte sich vom Ruch der Mittelmäßigkeit nicht befreien.

Man konnte sogar noch weiter gehen: erst als die Hamburger systematisch begannen, sogenannte fertige Spieler und Stars zu kaufen, stellte sich der ganz große Erfolg ein. Daraus nun aber den Schluß zu ziehen, Erfolge ließen sich durch spektakuläre Käufe erzwingen, wäre falsch. […] Und im Zeitfaktor liegt das Problem aller Top-Teams. […] Wie oft hat sich gezeigt, daß Talente sehr lange benötigen, um plötzlich groß herauszukommen. […]

Problematisch ist aber auch der Tatbestand, daß der HSV in den letzten Jahren jungen Leuten kaum Chancen ließ, weil alle Positionen überdurchschnittlich gut besetzt waren. […] Und doch beginnt der Hamburger SV seine Blicke verstärkt den Talenten aus der Umgebung zu widmen. Gerd-Volker Schock … kurvt durch die Lande und betätigt sich als Späher. Und seinen Hinweisen folgten bereits Happel und Netzer. So sahen sie sich zuletzt Killia Kiel an, um Tobias Homp unter die Lupe zu nehmen. So tauchte beispielsweise der Bramfelder Laubinger in Ochsenzoll auf, um am Training probeweise teilzunehmen.

Böse Zungen unterstellten Netzer, er reagiere nun, weil ihm in den letzten Jahren mit Brehme, Neubarth und Meier gleich drei Hamburger Talente durch die Lappen gingen. Auf die entsprechende Frage reagiert der Mann in der Schaltzentrale des HSV äußerst allergisch: „Das ist doch billig und primitiv. Wenn das stimmen würde, hätten wir 50 Fußballer im Kader. Es ist doch so, daß, wie gesagt, Entwicklungen nicht vorhersehbar sind. Meier hat unter Zebec trainiert. Ein Trainer, der die Veranlagung gleich erkannt hätte, wäre doch bescheuert gewesen, hätte er einer Verpflichtung entgegengestanden.“

(kicker, Nr.98/49.Wo. 3.12.1984)


Mai 85:

[…]”Von der Arroganz, die man HSV-Spielern immer wieder vorwirft, ist wirklich nichts geblieben. Im Gegenteil, sie sind total verunsichert. Das sieht doch jeder.” Damit hatte Netzer den Zustand dieser HSV- Mannschaft noch wohlwollend umschrieben. Auf den Rängen des Volksparkstadions war man weniger diplomatisch und rief: “Trümmerhaufen HSV”.[…] Dabei ist Happel inzwischen auch auf die Gefahr hin, einen UEFA-Cup-Platz zu verspielen dazu übergegangen, im Hinblick auf die kommende Saison zu experimentieren. […] So ist nach den letzten mageren Leistungen die Frage unausweichlich, wie es zwei Jahre nach dem glanzvollen Europacup-Sieg vom 25. Mai 1983 (in Athen 1:0 über Juventus Turin), zu einem solchen Niedergang kommen konnte. […]

http://www.abendblatt.de/archiv/1985/article203409177/Die-Krise-des-HSV.html

Juni 85:

[…] Der HSV also irrte ebenfalls, als er vor Beginn dieser Saison meinte, daß ein Trainer wie Ernst Happel (Manager Günter Netzer: „Ich würde ihm am liebsten einen Vertrag auf Lebenszeit geben“) es schon schaffen werde, aus einer von Stars durchsetzten Truppe eine begeisterungsfähige Mannschaft zu formen.[…]

[…] Andererseits ist Ernst Happel, der große Taktiker des HSV, in der vergangenen Saison im Mittelmaß hängengeblieben, weil er ein schlechter Pädagoge ist. Ihm darf man offensichtlich keine jungen Spieler anvertrauen, die behutsam „geführt“ werden müssen. Er braucht „fertige“ Spieler, mit denen er ein taktisches Konzept durchführen kann, ohne sich noch um deren Erziehung kümmern zu müssen. Auffällig, daß unter der Regie von Ernst Happel selbst erstklassige Nachwuchstalente wie Thomas von Heesen oder Michael Schröder größte Anpassungsschwierigkeiten haben. Tatsächlich sind diese beiden Spieler heute weniger wert als vor einem Jahr.

http://www.zeit.de/1985/26/saison-der-gruenschnaebel/komplettansicht

Dr. Wolfgang Klein:[…] Wir haben unsere wesentlichen Personalplanungen beim HSV mittlerweile so langfristig angelegt, daß eine große Kontinuität gewährleistet ist. Das garantiert den sportlichen Erfolg zwar nicht, aber es macht ihn doch planbarer. Dazu gehört der von einigen Seiten kritisierte Fünf- Jahres- Vertrag für Felix Magath als Manager, der Vertrag unseres neuen Generalsekretärs Dr. Albrecht bis 1988

[…] Was wir derzeit erleben, ist kein Niedergang, sondern ein Wellental. Was Netzer mit Zebec und Happel in sieben Jahren für den HSV- Ruf getan hat, ließe sich selbst in sieben Jahren nicht wieder kaputtmachen. Ich behaupte, daß nicht einmal zwei Spielzeiten, in denen wir nur Neunter oder Zehnter werden würden, etwas Ungewöhnliches wären.

Hinterher weiß man immer mehr. Fest steht, daß wir den Etat für unsere Jugend- und Amateur-Fußballer für die kommende Saison auf über eine Million Mark mehr als verdoppelt haben. Wir werden ein Haus anmieten und ein Fußball-Internat mit einer Herbergsmutter für junge Spieler einrichten. Und wir werden neben Gerd-Volker Schock einen weiteren hauptamtlichen Mitarbeiter für die Betreuung im Jugendbereich anstellen.

HA: Eine ebenso späte Maßnahme, wie die neue Zielsetzung, die Amateurmannschaft in die Oberliga zu bringen, um endlich ein attraktiveres Auffangbecken für Talente zu haben.

Dr. Wolfgang Klein: Das Ziel Oberliga verfolgen wir seit 1980. Nur haben wir dies mit falschen Methoden getan und deshalb nicht erreicht. Die damals Verantwortlichen glaubten, den Aufstieg nur mit der zusätzlichen Verpflichtung erfahrener und teurer Oberligaspieler zu schaffen. Damit sind wir gescheitert. Und unsere eigene A-Jugend war allein auch nicht stark genug. Da beginnen wir jetzt anzusetzen.

[…] Es ist schlimm, aber die Frage lautet doch: Was kommt dabei heraus? Und unter diesem Aspekt würden sich die Investitionen in die Nachwuchsarbeit nur lohnen, wenn man jedes Jahr einen Bundeshgaspieler hervorbringen würde

[…] …wenn man einen Schnitt vornehmen will, muß man dies auch auf die Gefahr hin durchziehen, daß man kein Geld mehr erhält. Die Veränderung des Gesichts der Mannschaft ist schon deshalb notwendig, weü sich mit neuen Leuten auch die Erwartungshaltung der Leute verändert – das kann für uns im Moment nur gut sein.

http://www.abendblatt.de/archiv/1985/article203429439/Kein-Niedergang-nur-ein-Wellental.html


Juli 85:

Im Salon Ballin, im zehnten Stock des Hotels Interconti und beim Blick auf die Alster, kündigte…Präsident Dr. Wolfgang Klein Großes an: “Die Öffentlichkeit wird sich noch wundern, was sich beim HSV und im Profifußball geändert hat und noch ändern wird.” Dann erteilte der Präsident das Wort Manfred Baumann, dem Inhaber der Hamburger Werbeagentur “Economia”.

HSV-Gönner Baumann, der seine Dienstleistung zum Selbstkostenpreis anbietet (“Es ist für uns eine große Ehre, uns für den HSV gedanklich einzusetzen”) präsentierte mit seinem Team jenes Konzept, mit dem seine Firma das angeschlagene Image des HSV aufpolieren will. In zwei bis drei Jahren, so Baumann, soll sich bei den Fußballfreunden der Hansestadt und in der gesamten norddeutschen Region ein völlig neues HSV- Gefühl durchgesetzt haben. Baumann: „Das Verhältnis zum HSV muß wieder emotionaler werden. Derzeit gilt der HSV hier nur etwas, wenn er die Nummer eins ist. Andernfalls wenden sich die Leute ab. Doch was ist das für eine merkwürdige Liebesbeziehung, die einzig und allein auf absoluten Topleistungen basiert . . .”

http://www.abendblatt.de/archiv/1985/article203446475/Ein-neues-HSV-Gefuehl.html


Fünf von auswärts verpflichtete talentierte Jugendfußballer sind die ersten Bewohner einer Villa, die der HSV in unmittelbarer Nähe des Trainingszentrums Ochsenzoll angemietet hat. Sie werden von der dafür angestellten Ellen Weinert betreut. Dieser erste Schritt zu einem “Fußballinternat” ist Bestandteil des neuen Nachwuchskonzeptes, für das der HSV im kommenden Jahr 1,2 Millionen Mark (bisher: 600 000 Mark) veranschlagt hat. Weitere Maßnahme: Sowohl die Amateurelf, die in der Verbandsliga spielt, als auch die Leistungsklassen-Mannschaften der A- und B-Jugend sind künftig als Tell des Bundesliga-Konzepts direkt dem Präsidium unterstellt.

Nach einheitlichen Trainingsplänen und viermaligem Training pro Woche sollen die jungen Talente unter der Leitung des ehemaligen Bundesligaspielers Gerd-Volker Schock und mit Unterstützung von Co-Trainer Aleksandar Ristic an die Bundesliga herangeführt werden. Präsident Dr. Wolfgang Klein: “Wir brauchen endlich einen vernünftigen Unterbau für die Profimannschaft.”

http://www.abendblatt.de/archiv/1985/article203447497/Eine-Villa-fuer-Talente.html


Aug. 85:

Hamburgs sportliches Aushängeschild Nummer eins, soviel steht nach der schwächsten Saison seit sieben Jahren fest (mit Mühe erreichte die Elf noch den fünften Platz, der zur Teilnahme am UEFA- Pokal berechtigt), muß sich beim Publikum erst neuen Kredit erwerben. […] Und diese Verjüngungskur, die eigentlich ein Jahr zu spät kommt, ist es sicherlich wert, vom Hamburger Publikum honoriert zu werden. […] Wer sich schließllch beklagte, daß in der HSV-Mannschaft kaum noch echte Hamburger Jungs spielten, kann sich freuen: Mit Michael Schröder (25), Christian Hofmeister (24), Kai Steffen (23), Bernd Bressem (20) und Jens Duve (22) stehen mittlerweile fünf waschechte Hamburger im HSV.

Trainer Ernst Happel, mit seiner meist finsteren Miene einer der wenigen verbliebenen, die nicht in das angestrebte HSV-Image der “Sunnyboys” paßt, weiß, welches Risiko er mit seiner Vertragsverlängerung um zwei Jahre eingegangen ist. Seine Erkenntnis aus fünfundzwanzig Jahren Tätigkeit als Fußballtrainer: “Erst nach zwei oder drei Jahren kann man wirklich beurteilen, ob einer für den Profi-Fußball taugt. Das Entscheidende ist nämlich sein Charakter und seine Mentalltät.” Für die fußballerische Weiterentwicklung seiner neuen Talente wül Happel indes schon sorgen: “Für sie wird es manche Extra- Trainingsstunde geben.”

Ganz gleich, wie das Experiment mit dem “neuen HSV” ausgeht: Schon jetzt lobt HSV-Präsident Dr. Worfgang Klein nach den eingestandenen Fehlern der Vergangenheit (Fehleinkäufe, schlechte Öffentlichkeitsarbeit) den Weitblick der Vereinsführung. Denn mit Felix Magath, der gleich einen Fünfjahresvertrag unterschrieb, steht … der Nachfolger von Manager Günter Netzer längst fest.

http://www.abendblatt.de/archiv/1985/article203452411/Die-Verjuengungskur.html

Okt. 85:

[…] Für den HSV hatte es schon vor dieser ersten Niederlage im Volksparkstadion eine bedenkliche neue Entwicklung gegeben. Aus der Westkurve schallten “Happel-raus!”-Rufe durch das Stadion. Das hatte sich der 59jährige Wiener in seinen vier Jahren in Hamburg noch nicht anhören müssen. Dann forderten die Fans auch noch “Netzer raus!”[…]


http://www.abendblatt.de/archiv/1985/article203468677/In-dieser-HSV-Mannschaft-wagt-ja-keiner-mehr-etwas.html

 

Dietmar Jakobs: Ich glaube nicht, daß durch das Geschehen um Wuttke andere Spieler ängstlicher geworden sind. Mit jungen Spielern wie Balzis hat unser Trainer doch genügend Geduld. […] Wir gehen doch zu unseren Fans, wir suchen den Kontakt. Aber wenn dann, wie am Mittwoch, Leverkusen das erste Tor schießt und unsere Fans schreien “Zugabe”, dann tut das weh und wir Spieler werden dadurch natürlich nicht selbstbewußter.[…]

Ralf Balzis: “Natürlich bin ich verunsichert. Und das liegt am Publikum. Gegen Leverkusen war das Wahnsinn, so etwas hatte ich noch nicht erlebt. Nur Pfiffe und .Happel raus’-Rufe. Ich traute mich kaum noch, einen Ball anzunehmen.”


http://www.abendblatt.de/archiv/1985/article203469055/Angst-vor-der-Verantwortung.html

Nov. 85:

HA: Herr Netzer, die HSV-Mannschaft von 1983 wurde mit einem Marktwert von rund 16 Millionen Mark veranschlagt, die heutige Elf wird gerade noch auf die Hälfte geschätzt. Ein krasser Wertverlust.

Günter Netzer (40), Manager des HSV: So ein Zahlenspiel ist überhaupt nicht zulässig, weil solche Zahlen nur Schätzungen sein können und kein echter Wert sind. Die Zahlen sind nicht greifbar.[…]

HA: Kritiker halten dem HSV vor, der Verein hätte abgewirtschaftet – und sie belegen es mit diesen Vergleichszahlen.

Günter Netzer: Der Marktwert steht und fällt mit der Leistung einer Mannschaft. Nehmen wir ruhig Wolfram Wuttke als Beispiel: Seinen Verkaufswert kann man zur Zeit bei 700 000 Mark ansetzen. Hätte er in einer leistungsstarken HSV-Mannschaft zuletzt einen Stammplatz gehabt, wären es sicher zwei oder drei Millionen Mark gewesen. Auf der Grundlage solcher Summen zu behaupten, wir hätten Mißwirtschaft betrieben, halte ich einfach für primitiv.

http://www.abendblatt.de/archiv/1985/article203473153/Keine-Misswirtschaft-betrieben.html

 

Günter Netzer: Meine Arbeit ist jetzt nicht anders, nicht schlechter als in unseren großen Jahren. Der einzige Unterschied ist, daß wir bis 1983 unverschämt viel Glück mit unseren Neuverpflichtungen hatten. […]

HA: Und dann kamen Schatzschneider und Wuttke,[…]

Günter Netzer: Wir haben damals natürlich gewußt, das beide Spieler auch in ihren damaligen Klubs Schwierigkeiten hatten. Aber wir waren überzeugt, daß sie in einer so gefestigten Mannschaft wie der des HSV keinen Schaden anrichten können. […] . . . wenn ich das schon immer höre mit den teuren Einkäufen. Für den HSV gibt es überhaupt keine billigen Spieler. Wir haben nach den Bestimmungen des DFB einen Multiplikator von 5,5 im Gegensatz beispielsweise zu Aschaffenburg mit dem niedrigsten von drei. […] Deshalb ist ja die Kritik, ich hätte für Lux und Kroth mit je einer Million zu viel bezahlt, so falsch. Wir haben doch vor Jahren schon für Spieler wie Groh und Hartwig eine Million bezahlt. […]

Fußball ist keine Wissenschaft. Fußball ist und bleibt vor allem Instinkt und Intuition. […] Niemand vermag vorauszusagen, wie ein Spieler in eine Mannschaft hineinpaßt. […] Für mich ist der HSV, gerade auch was die Fürsorge und Betreuung seiner Spieler betrifft, einer der fünf bestgeführten Klubs in der Welt. Natürlich fühlt sich jeder Fußballer, dem gekündigt worden ist, ungerecht behandelt. […] Wolfram Wuttke hat vor allem für die Zuschauer attraktiven Fußball gezeigt. Für die Mannschaft aber war er nicht effektiv genug. Daß jetzt wegen Wuttke der Kopf von Trainer Happel gefordert wird, hat mich in der Tat maßlos überrascht. […]

Sicher, eine erfolgreiche Mannschaft ist auch immer eine teure Mannschaft. Als wir 1983 Meister und Europapokal-Sieger wurden, haben wir eine Million Mark Prämien an die Spieler gezahlt. […] Nur mit schönem Fußball kann man leider heute nicht mehr gewinnen. Gerade in Hamburg aber wird nur der Erfolg anerkannt. Nur damit wollen sich “unsere Anhänger identifizieren. […] Selbst unsere größten Erfolge habe ich nie wirklich genießen können, weil ich dabei schon an kommende Schwierigkeiten denken mußte.[…]

http://www.abendblatt.de/archiv/1985/article203481563/Weh-habe-in-diesem-fuerchterlichen-Beruf-viel-von-meiner.html

Apr. 86:

Uwe Seeler: Der HSV hätte nicht Millionen für mittelmäßige Spieler ausgeben dürfen, angefangen bei Schatzschneider bis hin zu Kroth. Gute Leute sind im Fußball selten zu kaufen. Statt dessen hätte die Verjüngung schon viel früher, nämlich 1983 nach dem Europapokalgewinn, beginnen müssen. Und jetzt geschieht das noch zu zaghaft.

http://www.abendblatt.de/archiv/1986/article203518617/Das-ist-ein-Armutszeugnis-fuer-den-bundesdeutschen-Fussball.html


Erhebllch schwerer als die ungefähr 800 000 Mark Handelsdefizit – das sich noch um die steuerüche Abschreibung bei den verpflichteten Spielern reduziert – wiegt die Strukturveränderung im Team. Drei Jahre hintereinander hatte der HSV eine unglückliche Hand mit seinen Neuverpflichtungen. Aus der strahlenden europäischen Spitzenmannschaft ist eine Elf ohne Glanz geworden. […] Vor gelegentlichen Mißgriffen ist auch der cleverste Manager nicht gefeit, […] Einsetzen muß die Kritik an der HSV-Führung jedoch spätestens im vergangenen Sommer. Als bei dem Versuch, mit Gewalt- und Panikkäufen das spielerische Potential der Renommier-Elf zu halten, gleich zwei Millionen Mark in Spieler wie Peter Lux und Thomas Kroth investiert wurden.

http://www.abendblatt.de/archiv/1986/article203525041/Der-Lack-ist-ab.html


Dr. Wolfgang Klein: Auch in unseren erfolgreichen Jahren mußte der HSV vor jeder neuen Saison ein erhebliches finanzielles Risiko eingehen. Mich hat jedesmal krank gemacht, darauf hoffen zu müssen, in einem europäischen Wettbewerb weit zu kommen. In der jetzt zu Ende gehenden Saison aber waren die Einnahmen aus dem UEFA- Cup schlichtweg uninteressant. Wir werden auch ohne UEFA-Cup einen Etatentwurf vorlegen, von dem wir überzeugt sind, das er sich decken wird. […] Sportlicher Erfolg ist in der Bundesliga nicht mit finanziellem Gewinn gleichzusetzen. […] Hätten wir in unserer jetzigen Lage Wolfgang Rolff nicht verkauft, würden wir eine finanzielle Last mit in die Zukunft nehmen, die wir auch mit Rolff nur sehr schwer hätten abbauen können. Ein wirtschaftlich angeschlagener Verein aber hat keine sportliche Zukunft. […]

HA: So aber heißt die Zukunft für den Hamburger Fußballfreund Balzis, Schmöller und Laubinger. Glauben Sie wirklich, daß Sie mit denen das Stadion füllen?

Sehen Sie, genauso ist das mit der Kritik am HSV. Da wird uns jahrelang vorgeworfen, wir hätten alle Hamburger Fußballtalente vergrault und die Nachwuchsarbeit verschlafen, wenn wir aber Hamburger Jungen eine Chance geben, dann komm so etwas. […] Ich hätte als der erfolgreichste Präsident in die Geschichte des HSV eingehen können, wenn ich 1985 zurückgetreten wäre. Aber die Zeit der Schwierigkeiten hat mir persönlich mehr bedeutet als die Jahre der Erfolge.

http://www.abendblatt.de/archiv/1986/article203527235/Gehoeren-Sie-auf-die-Anklagebank.html


Juni 86:

Hals über Kopf! Das scheint die neue Devise für den HSV zu sein. Was sich Hamburgs einziger Bundesligaklub seit Wochen an Entscheidungen oder Ankündigungen erlaubt, ist von seltener Hektik gekennzeichnet.[…] Am Ende einer Bundesliga-Saison, die aus Hamburger Sicht als verpatzt angesehen werden muß, läßt sich der Zustand des Traditionsklubs zur Zeit nur mit einer Vokabel kennzeichnen: Chaos. Ohne Perspektiven, ohne spielerische Substanz, ohne Konzept steuert das HSV-Schiff in eine ungewisse Zukunft. […]


Was ist los beim HSV? Erst kurz vor Ende der Saison setzten sich die Verantwortlichen zusammen, um Pläne für die Spielserie 1986/87 zu schmieden. Was dabei herauskam, waren Notverkäufe von Spielern – allen voran und gegen den Willen Magaths der des Nationalspielers Wolfgang Rolff. Ausgerechnet in der Finanznot des Vereins produzierte die Führung auch noch eine Seifenblase, die Bernd Schuster hieß.

Sportliche Enttäuschungen, finanzielle Abenteuer und ein Präsidium, das sich hektisch-managerhaft gibt, wo eigentlich mit Besonnenheit abgewogen und geplant werden müßte – das ist der HSV ’86, der eigentlich als “neuer HSV” die Herzen des Publikums erobern wollte.

http://www.abendblatt.de/archiv/1986/article203529131/Chaos-beim-Hamburger-SV.html


STEIN: Was hätte der Verein denn machen sollen? Auf Magaths Rücktritt hatte er keinen Einfluß. Kaltz und Jakobs sind zu alt, ihr Verkauf hätte nicht viel gebracht. Da blieb nur noch Rolff. Ich weiß auch, daß wir ihn vermissen werden. Er war unser einziger deckungsstarker Mittelfeldspieler


Das Unheil begann damit, daß sich Schatzschneider und Wuttke nicht integrieren ließen. […] Beiden fehlte die Einstellung zum Beruf, aber das konnte vorher niemand wissen. Trainer Happel und Manager Netzer hatten geplant, mit Schatzschneider und Wuttke die Verjüngung der Mannschaft zu beginnen, die sich vom Sturm kontinuierlich über das Mittelfeld bis zur Abwehr fortsetzen sollte.

Weil die beiden sich als Flop erwiesen, geriet die ganze Personalplanung durcheinander. Wir mußten neue Stürmer holen, von denen auch McGhee scheiterte. Die Mannschaft wurde instabiler, die Mißerfolge häuften sich, und prompt blieben die Zuschauer weg. Jetzt haben wir keine andere Möglichkeit mehr, als eine neue Mannschaft aufzubauen.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13518332.html

– Prof. Vitzliputzli –


Die Serie Sackgasse Sylvesterallee – Endstation HSV!
Teil 1: Der missglückte Übergang
Teil 2: Nachwuchs im Abseits
Teil 3: Sir Erich und die trügerische Sonnenwende
Teil 4: Der sinkende Stern des Nordens
Teil 5: Adriano aus Pöseldorf
Teil 6: Aktien zeichnen HSV ungelöst
es folgt Teil 7: Ein Visionär tritt ab und bleibt


9 Kommentare

  1. WORTSPIELERWORTSPIELER

    schönes nee-kästchen mit sehr viel akribie. und es wirkt – wie es von dir auch zu erwarten war – auch nicht als schwelgen in der vergangenheit und/oder einer glorifizierung der guten alten zeiten, sondern als eine metapher und blaupause der heutigen problemstellungen.

    Er [ Krohn ] war quasi der Antreiber, Impulsgeber, Stratege in seiner Amtszeit und verstand es mit kaufmännischem Geschick und neuen Ideen (u.a. Trikotwerbung, Showtraining, Hafenpokal, Supercup), dem HSV einen neuen Anstrich zu verpassen. Mit seinem forschen Auftreten polarisierte er aber auch und ließ es sich nicht nehmen, hin und wieder in den sportlichen Bereich hineinzureden.

    im fußball brauchst du “macher”. egal ob bei den amateuren oder profis. eben solche hatten und haben es schon immer schwer – in hamburg ganz besonders. während anderen ortes solche typen von der breiten masse – wenigstens beim eigenen klientel – gefeiert werden (hoeness, watzke, …), wenngleich die herren sicherlich auch nicht unumstritten waren/sind, wurde und wird in HH ab dem zeitpunkt am stuhl gesägt, wenn der kopf über der tischplatte ist. dies wird in HH als “nase zu hoch” deklariert und nicht als dekliniert, obwohl unter dem tisch ein haufen voll scheiße liegt.

    in einem punkt hast du, lieber prof., aber unbefriediegend recherchiert:

    Nur wenige ambitionierte deutsche Profivereine haben in der Vergangenheit so viele Trainer verschlissen wie der Traditionsklub, der auch weiterhin bis auf Weiteres mit dem Gütesiegel „Immer 1.Liga“ versehen ist.

    es war nur ein (halber) verein, der in dieser kategroie meister vor dem HSV ist…! #meisterimSC-herzen.

    in der bundesliga ist schalke 04 mit 42 entlassungen/wechseln vor dem HSV mit 38 trainerwechseln. und selbst da muss man konstatieren, dass die gelsenkirchener ihren “knappen” vorsprung nicht wirklich inne haben, denn schalke spielte bekanntlich einige jahre (= 5) in der 2. liga. in der bundesliga ist der HSV somit alleiniger spitzenreiter.

    btw: in der statistik sind die “2-spieltage-auftritte” vom “konzerndirektor” knäbel und/oder rudolfo “nix verstehen” cardoso mit inkludiert. insgesamt gab es bis dato 711 wechsel seit 1963 in der bundesliga (inkl. ausgelaufener verträge)…! das heisst nichts anderes, als die die beiden o.a. “traditionsvereine” für >11% aller trainerwechsel im oberhaus verantwortlich zeichnen, obwohl es insgesamt 55 vereine gab, die seit 1963 in der bundesliga spielten.

    p.s. was natzürlich als klugscheisserei zu verstehen ist, soll mich nicht davon abhalten, mich auch die nächsten teiel zu freune. danke für die tolle und fleissige arbeit im (archiv-)keller, prof. fritzlputzli…!

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  2. ky

    Was für eine Heidenarbeit – Respekt und Dank, Prof.!
    Ja, diese Zeiten 74-86 habe ich hautnah erlebt, mit vielen Auswärtsfahrten, etc.
    Auch ich sehe den ersten größeren Bruch mit der Verpflichtung von Wuttke und Schatzschneider, deren Egos waren größer als der Volkspark…

    Leider gab es damals überhaupt keinen “Sportjournalismus”, denn die BILD war wie immer (Jubel oder Hau drauf), das Abendblatt schrieb ab, der Kicker hatte schon immer ein sehr schwieriges Verhältnis zu den Nord-Vereinen (auch Bremen, H96), und der Spiegel war nicht sehr sport-affin zu RAF-Zeiten…
    Es gab also nur sehr wenige wirklich recherchierte Artikel, um die beginnende “Fehler-Systematik” zu erkennen.

    Freue mich auf die weiteren Folgen, Prof., auch wenn die Lektüre nicht erfreulich sein wird, aber das ist ja schon bekannt :-)

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  3. slobocop plusslobocop plus

    wow, prof. da haste aber ganz schon tief gegraben. freue mich auf die nächsten teile.

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  4. CalaveraCalavera

    Ich schließe mich an. Vielen Dank für die Fleißarbeit, Prof.

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  5. 1887Breisgau1887Breisgau

    Soll noch einer sagen “früher war alles besser…”. Naja zumindest die Platzierung meist, aber die 90er kommen bestimmt noch.

    Hoffe die Serie geht so weiter und endlich werde ich bzgl. HSV mal nicht enttäuscht und die Erwartungen können erfüllt werden.

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  6. Rehbusch

    Herzlichen Dank, Prof.

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  7. SchbaggnSchbaggn

    WOW Prof… Du bist ja besser als Google- Rudi :-)

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  8. HetschfongHetschfong

    Lieber Professor, ich danke Dir, Ich danke Dir, ich danke Dir sehr, Ich danke Dir, das fällt uns nicht schwer. Ich danke Dir, danke Dir ganz doll,weiß gar nicht, was ich alles sagen soll,Ich danke Dir, Du bist ein Schatz,Dies sage ich Dir in diesem Satz,Ich danke Dir, das fällt nicht schwer,Danke, danke, danke sehr.«

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  9. ky

    oops, passt hier nicht hin – trotzdem… :-)

    DER PERFEKTE GLADIATOR

    panem et circenses hieß es im Alten Rom, Brot und Spiele..
    Und tatsächlich sind die modernen Arenen der Fußball-Söldner nichts anderes mehr. Das Volk jubelt, oder der Tribun senkt den Daumen. Alles wie vor 2.000 Jahren.
    34 mal im Jahr wird Buli gespielt – und jeder Spieltag ist begleitet von Hoffnung, Schnappatmung, Trauer, Wut, und erneuter Hoffnung…
    Soweit werden mir die Meisten wahrscheinlich zustimmen können..
    Aber in der Konsequenz bedeutet das: Jeden Tag besser werden. Höher springen im Zweikampf, weiter einwerfen von der Seitenlinie, schärfer und mit mehr Effet Freistöße schießen ( Roberto Carlos Gedächtnis-Minute). Cristiano Ronaldo trainiert jeden Tag noch privat/allein… als Weltfußballer…

    Warum macht er das? Weil er nie zufrieden ist, immer besser werden will…

    Aber beim HSV dauern Trainingseinheiten 45 Minuten…

    Wenn nicht endlich wieder eine Leistungskultur einzieht, wie damals unter Magath, Jakobs, Stein, Hrubesch, Bastrup, et al., wenn nicht jeden Tag bis zum “erbrechen” trainiert wird, wenn die Spieler nicht “geiler drauf sind”, jeden Gegner besiegen zu wollen, dann wird es hier eh nix mehr.
    Im schönen Hamburg geben sich viel zu viele – auf und neben dem Platz – mit viel zuwenig zufrieden…

    Wann werden Einwürfe über 40 Meter trainiert? Wann Freistoß-Varianten? Vom Zuspiel auf den vorderen Fuß ganz zu schweigen…

    Nein, hier wird weiter “geblendet”, dass die “Söldner” anderer Vereine hier endlich ihre Spitzen-Performance abrufen können. Die erbringen sie auch – im Tattoo-Studio, beim Stamm-Italiener, im Autohaus, nur leider selten auf dem Platz.

    Die Hamburger Krankheit heißt “zu früh zufrieden mit sehr wenig.”

    Wenn hier nicht endlich wieder Leistung eingefordert wird, und Nicht-Leistung bestraft wird, dann geht es munter so weiter.
    Alle zufrieden, nur das Publikum grummelt, kommt aber trotzdem beim nächsten Spiel wieder…

    Bescheuertes Hamburg…

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