Sackgasse Sylvesterallee – Endstation HSV! Teil 1

Chronologische Aufarbeitung eines taumelnden Traditionsvereins.

Teil 1:  Der missglückte Übergang


Was vom Erfolg übrig blieb…

Es ist in den letzten 30 Jahren eher ein zweifelhaftes Vergnügen gewesen, Fußballlehrer der Bundesliga-Mannschaft des Hamburger SV zu sein. Nur wenige ambitionierte deutsche Profivereine haben in der Vergangenheit so viele Trainer verschlissen wie der Traditionsklub, der auch weiterhin bis auf Weiteres mit dem Gütesiegel „Immer 1.Liga“ versehen ist. Ein willkommenes Betätigungsfeld für erfolgreiche, erfahrene, solide, ehrliche, strenge, ambitionierte, unerfahrene, überforderte oder überschätzte Übungsleiter, die sich in mehr oder weniger kürzeren Abständen die Klinke in die Hand gaben.

 

Die Erfolgsjahre unter Kuno Klötzer, Branco Zebec und Ernst Happel hinterließen große Spuren. Zwischen 1974 und 1987 erlebte der HSV einer der intensivsten und erfolgreichsten Jahre seiner Vereinsgeschichte. Die Rothosen etablierten sich in der Bundesliga als ein ernsthafter Titelkandidat und auch International konnte man sich schnell Respekt und Anerkennung verschaffen. Dass dieser sportliche Quantensprung ermöglicht wurde, war auch ein wenig dem glücklichen Umstand geschuldet, dass man sich trotz Platz 10 in der Saison 73/74 für den UEFA-Cup qualifizieren konnte. Ausschlaggebend war das Erreichen des DFB-Pokalendspiels gegen Eintracht Frankfurt. Zwar verlor der HSV das Spiel, da die Hessen aber als Gewinner am Pokalsieger-Wettbewerb teilnahmen und zugleich mit Platz 4 in der Meisterschaft einen UEFA-Cup-Rang belegten, schrieb das Reglement vor, dass der HSV durch die Finalteilnahme in den UEFA-Cup nachrückte.

 

Die Bilanz kann sich wahrlich sehen lassen. Drei nationale Meisterschaften (1979, 1982 u. 1983) und zwei Titel im DFB-Pokal (1976 u. 1987) konnten bejubelt werden. Es gab großartige Europapokalabende im UEFA-Cup (1975 Viertelfinale, 1976 Halbfinale, 1982 Finale), in Amsterdam feierte der HSV im Pokal der Pokalsieger seinen ersten europäischen Titel gegen den RSC Anderlecht (1977). In der Königsklasse zog man 1980 im Finale gegen Nottingham Forest zwar noch den Kürzeren, aber mit dem Triumph über Juventus Turin in Athen 1983 erklomm der HSV endgültig den europäischen Fußballgipfel.

 

Ganz ohne Nebengeräusche verlief diese Epoche natürlich nicht ab. Die Saison 77/78 entwickelte sich zu einem echten Prüfstein. Die Verpflichtung von Rudi Gutendorf erwies sich als ein großer Irrtum. Nach knapp 4 Monaten wurde die Reißleine gezogen und der ehemalige Torwart und Publikumsliebling Özcan Arkoç übernahm als Interimslösung die Mannschaft bis zum Saisonende. Einen Europapokalplatz verfehlte man aber trotzdem. Neben „Riegel-Rudi“ trennte sich der Verein zuvor auch vom „Generalmanager“ Dr. Peter Krohn. Er war quasi der Antreiber, Impulsgeber, Stratege in seiner Amtszeit und verstand es mit kaufmännischem Geschick und neuen Ideen (u.a. Trikotwerbung, Showtraining, Hafenpokal, Supercup), dem HSV einen neuen Anstrich zu verpassen. Mit seinem forschen Auftreten polarisierte er aber auch und ließ es sich nicht nehmen, hin und wieder in den sportlichen Bereich hineinzureden. So kam es des Öfteren zu Reibereien mit Kuno Klötzer, die man gelegentlich auch öffentlich austrug. Tragisch endete auch die Zusammenarbeit mit Branco Zebec, der durch seine Alkoholkrankheit immer mehr zur Belastung wurde und zum Schluss nicht mehr tragbar war.

 

Aber auch schon im Meisterjahr 78/79 gab es Meldungen über eine finanziell angespannte Lage. So wurde sogar kurzfristig über Lizenzauflagen spekuliert:

 

Mai 79:

Diese Nachricht schlug wie eine Bombe ein: Der HSV wird vom Liga- und Wirtschaftsausschuß des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gebeten, ab Donnerstag in der DFB-Zentrale in Frankfurt die Bilanz zu erläutern, damit die Lizenz für die Saison 1979/80 erteilt werden kann. […] Manager Günter Netzer: “Mit mir hat noch niemand gesprochen, aber wir sehen den Dingen völlig gelassen entgegen.” […] Helmut Kallmann: “Die Zwischenbilanz mußte zu einem ungünstigen Zeitpunkt erstellt werden, als durch Spielausfälle große Einnahmen ausblieben. Doch das wird sich bis zum Saisonende alles eingependelt haben. Wir werden das Geschäftsjahr 1979/80 wohl plus minus null abschließen.” […] In der HSV-Bilanz ist ein Fehlbetrag von 689 200 Mark ausgewiesen. […] Heute drückt den Renommierklub von der Elbe inzwischen wieder eine siebenstellige Schuldenlast. […] Schatzmeister Kallmann sieht darin keinen Anlaß zur Panik: “Wir haben schließlich keine dubiosen Geldgeber, wir arbeiten mit Banken zusammen, die uns abgesicherte Kredite gewähren. […]

http://www.abendblatt.de/archiv/1979/article203111971/HSV-Schatzmeister-Keine-Panik.html

 

[…] Wir haben zwar hohe Personalkosten, aber es war schon immer teuer, einen guten Geschmack zu haben.” […]

http://www.abendblatt.de/archiv/1979/article203113705/Raetsel-um-den-HSV-Wo-ist-das-liehe-Geld.html

 

[…] Vor kurzem kam ein Schreckschuß aus Frankfurt, als der HSV zur Anhörung bezüglich der Lizenzerteilung mußte. In der vergangenen Woche verpuffte der Knall und ließ wie bei einem Feuerwerk Staunen über die Wirkung folgen: der HSV verpflichtete den Duisburger Abwehrspieler Dietmar Jakobs für eine Ablösesumme von fast einer Million. Woher kam auf einmal das Geld? […]


„Wir haben gewisse Möglichkeiten gefunden, diese Summe zu erhalten“, gab sich HSV-Schatzmeister Helmut Kallmann erst geheimnisvoll, um dann doch etwas konkreter zu werden: „Es handelt sich um eine innerbetriebliche Entscheidung, die wir bezüglich dieser Finanzen getroffen haben. Jemand, der auf gar keinen Fall genannt werden will, hat uns diese Sache ermöglicht. Es handelt sich dabei um eine ganz seriöse Angelegenheit!“

 (kicker, Nr.44/22.Wo. 28.5.1979)


März 81:

Jürgen Friedrich: Da haben wir z. B. zwei extreme Beispiele: Darmstadt stieg ab, sanierte sich aber in einem Jahr Bundesliga und machte über drei Millionen Mark Gewinn. Auf der anderen Seite hatten wir den Hamburger SV, den bis Saisonende amtierenden Meister mit elf Millionen Mark Schulden. Der sportliche Erfolg kommt sicherlich an erster Stelle, muß seine Entsprechung aber in einem gesunden Wirtschaften finden. Deshalb bin ich immer sehr ärgerlich, wenn ich da so manche Vorgänge in Hamburg oder auch München sehe, bei den beiden bekannten Jungmanagern. Für mich sind das keine Erfolge, die die beiden herausarbeiten, höchstens Teilerfolge.

Da holt der Netzer mit einem Buckel voller Schulden letzte Saison den zweiten Platz und wir landen ganz knapp hinter ihm. Was ist nun vernünftiger und wertvoller? Das gleiche gilt in etwa für Uli Hoeneß. Was ist ein Manager anderes, als ein leitender Direktor eines Unternehmens? Ein Direktor, an dessen Arbeitsende jedoch elf oder sechs Millionen Schuldenlast stehen, ist für mich ein schlechter Leiter. Man kann Geld nicht immer nur rausschmeißen, man muß auch welches reinholen.

Kicker: Ihr Kollege Hoffmann beim FC Bayern sieht das bei weitem nicht so drastisch wie Sie

„Das ist auch der Grund, weshalb der Uli Hoeneß das alles so unbehelligt machen kann. Dem fehlt einer, der ihm mal tüchtig die Nägel schneidet!

Kicker: Wie sehen Sie denn diese andere aktuelle Entwicklung des Geschäfts Bundesliga: die Infiltration von sogenannten „Sponsoren” von Geld von außen also? Keimt hier nicht eine ähnliche Entwicklung, die schon den deutschen Berufsboxsport kaputt gemacht hat: zuerst kommen die Spekulanten, dann die Zuhälter und dann kommt gar nichts mehr?

„Das sehe ich mit größter Besorgnis, was sich da zur Zeit abspielt! Wenn ich auch so ein Spekulant wäre, müßte ich als Geschäftsmann, der ich privat ja auch bin, doch sofort hingehen und mir Spieler kaufen. Die werden ja inzwischen bilanziert, also kann ich die steuerlich abschreiben. Das wäre doch ein tolles Geschäft für mich. […] Spieler als Spekulationsobjekte — da muß man doch was unternehmen! […] Der DFB ist da aufgerufen, so eine Sache ganz einfach zu verbieten, genauso wie er einem so hoch verschuldeten Klub wie dem HSV an diesem Saisonende die Auflage machen müßte, daß die einfach keine neuen Spieler kaufen dürften diesmal. Ich verstehe nicht, daß der DFB da so wenig unternimmt. Aber hier sind wir alle aufgerufen!”

(kicker, Nr.20/11.Wo. 9.3.1981)

[…] Ein Interview in der Montagsausgabe des kicker mit Kaiserslauterns Präsidenten Jürgen Friedrich („der Netzer macht mit einem Buckel voller Schulden den zweiten Platz, wir wirtschaften solide und werden knapp Dritter — – was ist denn da vernünftiger?”) hatte den sonst so hanseatisch unterkühlten Mänager auf die Palme gebracht.

Er nutzte dies zu einer Generalabrechnung mit der Bundesliga und Männern wie Friedrich, Mayer-Vorfelder (Präsident in Stuttgart), Weiand (Präsident in Köln) und den Trainern Buchmann (Frankfurt) und Maslo (Braunschweig), die in den vergangenen Wochen allesamt in teilweise unsachlicher Form den HSV kritisiert hatten.

„Diese Leute schaden nicht uns, was sie wohl bezwecken, sondern dem gesamten deutschen Fußball mit ihren unqualifizierten Äußerungen. Wenn diese schlechten Beispiele der gegenseitigen Attacken weiter Schule machen, dann gute Nacht. Bei uns sind jedenfalls keine Dilettanten am Werk, sondern im Präsidium sitzen ein renommierter Rechtsanwalt, ein in Wirtschaftliehen Dingen erfahrener Verleger und ein über viele Jahre bewährter Schatzmeister. Die sorgen schon allein dafür, daß ich nicht leichtfertig Geld ausgebe, was ich nicht zur Verfügung habe”

(kicker, Nr.21/11.Wo. 12.3.1981)


In positiver Erinnerung bleiben stimmungsvolle Partien, vor prächtiger Kulisse, sei es gegen Dynamo Dresden, Juventus Turin (1974/75), Roter Stern Belgrad, FC Porto, FC Brügge (1975/76). Real Sociedad San Sebastián (1983) oder Inter Mailand (1984). Unvergessen bleiben die beiden Halbfinalspiele gegen Atletico Madrid (1977/3:0) und Real Madrid (1980/5:1). Sternstunden in der Vereinshistorie des HSV! Ein episches Duell lieferte man sich im DFB-Pokal-Achtelfinale 73/74 gegen Borussia M’gladbach, das der HSV erst im Rückspiel, nach Elfmeterschießen, zu seinen Gunsten entschied. Mit drei gehaltenen Elfmetern wurde Rudi Kargus über Nacht zum gefeierten „Elfmetertöter“ und bestätigte diesen Ruf in den nächsten Jahren nachdrücklich…


In der Bundesliga gehörten die Spiele gegen die unmittelbaren Konkurrenten um den Titel wie Bayern München, Bor. M’gladbach, VFB Stuttgart, 1. FC Köln, 1. FC Kaiserslautern, Borussia Dortmund oder Werder Bremen, oft zu den Höhepunkten einer Saison. Eine besondere Euphorie herrschte in der Saison 78/79, wo die Anhänger „rauschende Ballnächte“ vor ausverkauftem Haus (61000) und unter Flutlicht, gegen Schalke (4:2), Kaiserslautern (3:0) und Titelverteidiger 1.FC Köln (6:0) feierten. Einen besonderen Stellenwert nimmt das denkwürdige 4:3 bei Bayern München (1982) ein. Genauso legendär die letzten 1 ½ Wochen der Saison 82/83. Erst der Sieg im Europapokal gegen Juventus Turin, drei Tage später eine Ehrenrunde mit dem Pokal, vor(!) dem Spiel gegen den BVB (5:0), um am darauffolgenden Wochenende die Meisterschaft auf Schalke klar zu machen. Danach die große Sause auf der Moorweide. Lange hielt auch der Rekord der saisonübergreifenden (82-83) Serie von 36 Spielen ohne Niederlage.


Natürlich zählen neben den siegreichen Momenten auch Enttäuschungen mit schmerzhaften Niederlagen dazu, wie die Endspielniederlagen gegen Nottingham (1980) und Göteborg (1982), das 0:5 gegen St. Etienne (1981) vor eigenem Publikum, oder das sensationelle Ausscheiden gegen Eppingen (1974) und Geislingen (1984) im DFB-Pokal.



Aber das war Hollywood von gestern…


Inzwischen ist der Ruhm vergangener Zeiten längst verblasst und die sportliche Berg und Talfahrt gleicht längst einer unendlichen Reise durch eine Schlucht. Noch immer gibt es eine stattliche Anzahl von Realitätsverweigerern, die vor jedem Saisonbeginn das traditionelle Dino-Ritual abhalten und davon überzeugt sind, dass der HSV immer noch zur Beletage des deutschen oder gar internationalen Fußballs gehört.

Vernachlässigte Nachwuchsarbeit, fragwürdige Personalentscheidungen, wirtschaftliche Zwänge und finanzielle Ungereimtheiten beeinträchtigten in der Folge die sportliche Entwicklung des Vereins nicht unerheblich. Die Vereins- und Transferpolitik bekam schon unter der Ära Klein/Netzer/Happel erste Risse. Hatte die sportliche Führung jahrelang bei Neuzugängen ein glückliches Händchen bewiesen, so entpuppten sich die Königstransfers von Schatzschneider und Wuttke, nach dem größten Triumph der Vereinsgeschichte, als erste gravierende (charakterliche) Fehleinschätzungen und konnten dementsprechend die Abgänge von Hrubesch und Bastrup nicht adäquat ersetzen.

Das frühzeitige Ausscheiden des Titelverteidigers in der zweiten Runde des Landesmeister-Cups gegen D. Bukarest (0:3/3:2), trotz begeisternder Aufholjagd im Rückspiel, ließ von Beginn an Unruhe aufkommen. Zwar verpasste man nur durch das schlechtere Torverhältnis die Titelverteidigung in der Meisterschaft (83/84), aber der erste Ansatz eines kontinuierlichen Umbruchs fiel ernüchternd aus. Die Unzufriedenheit überwog und die Dissonanzen innerhalb des Kaders veränderten das Klima zusehends und ging auch nicht spurlos an Präsidium, Manager und Trainer vorbei.

 

Dr. Wolfgang Klein:[…] Als wir 1983 nach dem Triumph von Athen für Horst Hrubesch und Lars Bastrup eben jene viel diskutierten Dieter Schatzschneider und Wolfram Wuttke verpflichtet hatten, war sich ganz Fußball-Deutschland einig: Nun ist der HSV überhaupt nicht mehr zu schlagen. Happel und Netzer waren die Größten. Sie irrten sich. So wie das ganze Fußball-Deutschland. Zwei große Talente haben die Erwartungen nicht erfüllt.[…]

[…] Den entscheidenden Fehler aber haben wir – Vereinsführung und Management – gemacht, als wir im Sommer dieses Jahres versuchten, das bereits heillos zerrüttete Verhältnis zwischen Trainer und Spieler mit sanfter Gewalt Im Sinne ehrlicher und guter Zusammenarbeit wiederherzustellen. Es war falsch, den Wunsch unseres Trainers zu übersehen, ohne Wolfram Wuttke in die neue Saison zu gehen.[…]

http://www.abendblatt.de/archiv/1985/article203469053/Ich-habe-nicht-wie-ein-erfahrener-Scheidungsanwalt-gehandelt.html


Für die erfolgsverwöhnten Anhänger waren die schwankenden Leistungen nicht mehr hinnehmbar und bekundeten immer häufiger lautstark ihren Unmut. In der Folgezeit gehörte man zwar weiterhin zum erweiterten Kreis der Titel- bzw. UEFA-Cup-Anwärter, aber schon in der Saison 85/86 konnte sich der HSV erstmals unter Happel nicht für einen internationalen Wettbewerb qualifizieren. Hinter der sportlichen Perspektive stand ein großes Fragezeichen und die angespannte finanzielle Situation ließ keinen weiteren Spielraum zu, so dass man den Senkrechtstarter von 198