„Scheiß Sankt Pauli!“??? – Keinen Bock auf die Scheiße!!!

Stell dir vor, deine Mannschaft spielt in ihrer Liga oben mit, hat gute Aufstiegschancen, benötigt aber dringend einen Sieg, um oben dran zu bleiben. Ein Aufstieg wäre überlebenswichtig für den gesamten Verein.

Stell dir vor, das Wetter ist schlecht, den ganzen Tag über hat es Hunde und Katzen geregnet, es ist stürmisch und nasskalt, der Gegner gehört nicht gerade zu den attraktivsten und deine Mannschaft hat auch gerade nicht den allerbesten Lauf.

Stell dir vor, du hast dich aufgerafft, dich bei Nieselregen und Sturmböen von der entfernten S-Bahn Station oder einem entlegenen Parkplatz endlich in das Stadion gekämpft. Der Gästebereich fast komplett leer, das Stadion 30 Minuten vor Anpfiff zu einem Viertel gefüllt.

Stell dir vor, 10 Minuten vor Spielbeginn fährt ein Kran im halbleeren Stadion vor der Fankurve hoch und ein Stadtbekannter Barde trällert Zeilen aus längst vergangenen Zeiten, die zum Mitsingen über die Videoleinwände huschen. Laut wird es in der Kurve und im Stadion dabei ein einziges Mal, nämlich dann, wenn man den Bayern die Lederhosen auszieht.
Stell dir vor, deine Mannschaft hat zu Beginn der Partie gleich zwei gute Chancen, vergibt diese allerdings eher kläglich und stellt daraufhin das Fußballspielen bis auf Weiteres komplett ein, wird von Minute zu Minute sichtlich schlechter. Einzelne Pfiffe kommen auf. Zur Pause gar ein – zwar nicht gellendes, aber deutlich wahrnehmbares – Pfeifkonzert.
Stell dir vor, nach dem Seitenwechsel tut sich die Mannschaft nach wie vor schwer. Entsetzen macht sich im weiten Rund ob der Hilflosigkeit breit. Pfiffe gibt es keine, besonderen Support allerdings auch nicht.

Stell dir vor, das Spiel plätschert auch nach einer Stunde noch so vor sich hin. Du fragst dich ob der dürftigen Darbietung, ob du nicht doch lieber zuhause geblieben wärest, zuhause vor der Mattscheibe, eben dort, wo man das Grauen per Knopfdruck beenden kann. Und dann plötzlich….
Dann schallt es erst leise, denn immer lauter, schließlich in einem ohrenbetäubenden Crescendo aus der Nord:
Scheiß Sankt Pauli! Scheiß Sankt Pauli!

„Total normal!“, sagst du? „Hmmh, wir spielen aber gar nicht gegen Sankt Pauli, sondern gegen Greuther Fürth!“entgegne ich. „Scheißegal, Scheiß Sankt Pauli, Scheiß Werder Brähm!“
Tja, und ab dem Moment bleibt mir dann die Spucke weg und die Worte gehen mir aus. Zumindest kurzzeitig. Ich habe mich an derartigen Schwachsinn von vereinzelten HSVern ja bereits gewöhnt, erlebe diese Dinge ja auch regelmäßig bei den Spielen der Zwoten. Ob es gegen Lübeck, Egestorf, Jeddeloh oder Altona 93 geht: ein „Scheiß Sankt Pauli!“ und ein „Scheiß Werder Bremen!“ darf nie fehlen.

Dabei handelet es sich allerdings um eine überschaubare Schar, eine handvoll armer Irrer wie ich dachte.

An diesem Montag wurde ich jedoch eines besseren belehrt. Der komplette Stehbereich der Nord schien wie ein Mann dieses „Scheiß Sankt Pauli!“ auf das Spielfeld zu schleudern. Doch mit welchem Ziel? Sollten sich die Fürther erschrecken und aus dem Stadion laufen, auf dass der HSV dann das leere Tor endlich träfe? Sollten die HSV Spieler damit unterstützt werden indem man ihnen signalisierte: „Hey Jungs, ihr spielt heute zwar scheiße, aber Sankt Pauli ist noch viel scheißer?

Freunde des gepflegten Lederballes: Was soll diese Scheiße???

Was bitte sagt das über das Selbstverständnis dieser Fans aus, letztlich in der Außenwirkung über das Selbstverständnis diese Klubs aus. Es ist ja nicht das erste Mal, dass derartige Gesänge bei Spielen gegen andere Gegner angestimmt werden.

Es wird immer gejammert, es gäbe nicht genügend Support, HSVer würden ihre Mannschaft nicht bedingungslos und vor allem nicht stimmgewaltig unterstützen. Ja mit was denn bitteschön? Mit so einem Scheiß, der nicht die Bohne irgendetwas mit dem zu tun hat, was da gerade auf dem grünen Rasen geschieht. Mit so einem Scheiß, der die Mannschaft, die gerade auf dem Rasen so gar nichts zustande bringt, nicht einen Millimeter nach vorne bringt.

Sorry, ich verstehe das nicht. Da komm ich nicht mehr mit. Das hatte in dem Spiel nichts zu suchen!!!

Und, ich gehe gar einen Schritt weiter, das hat auch im Hinblick auf das anstehende Derby nirgendwo etwas zu suchen. Ja, ich weiß, ich werde mich damit zwischen viele, wenn nicht gar sämtliche Stühle setzen, aber wir führen hier keine Religionskriege, keine Stellvertreterkriege. Es geht immer noch – auch wenn es zunehmende schwerer fällt daran zu glauben im Event- und Geschäftemacherzeitalter des Fußballs – es geht immer noch um einen sportlichen Wettstreit, bei dem man mit fairen Mitteln alles gebend, versucht als Sieger vom Platz zu gehen und dabei die Leistung des Gegners respektiert.

Sport halt, Sport, so wie ich ihn als Aktiver kennengelernt habe, ihn betrieben habe und deswegen geliebt habe. Kämpfen, kratzen, beißen, spucken, auch mal über die Grenzen hinausgehen und eventuell dafür auch abgestraft zu werden. Nach dem Spiel shake hands, vergessen, gemeinsames Bier trinken und gut ist. Alte angelsächsische Tugenden, old fashioned maybe, but still the best.
Es nimmt sich für mich geradezu lächerlich aus, wenn ich mir vorstelle, dass ein Miyaichi, Sakai und Ito regelmäßig zusammen essen gehen, ein van Drongelen und Hoogma zusammen zocken und ei n Knoll, Allagui und Lasogga von alten Berliner Zeiten quatschen, ein Kauczinski und ein Wolf sich gut verstehen und ihre Familien befreundet sind und dann gibt es eine Horde Vollhonks hüben wie drüben, die ihre eigene Existenz nur dadurch rechtfertigen, dass sie den jeweils anderen diffamieren oder noch schlimmer massakrieren.

Ehrlich Leute, ich habe null Bock auf diese Scheiße! Ich will in Ruhe Fußball schauen, möglichst ein attraktives Spiel. Möge der Bessere gewinnen!

P.S. In diesem Sinne ist natürlich auch das Fußballgott-Gefasel des St. Pauli Präsidenten Oke Göttlich zu verurteilen und absolut kontraproduktiv, selbst dann, wenn ich ihm inhaltlich durchaus folgen kann. Das war alles andere als clever, zumal der Mann sich quasi in ein gemachtes Nest in seinem Verein setzen konnte, da andere vor ihm die Kastanien aus dem Feuer holten und den Klub vor dem verschwinden in der Kreisklasse bewahrten. Auch hier dann die berechtigte Frage: Warum gelingt es euch nicht, euch aus euch selbst heraus zu definieren, warum geht das nur über Herabsetzung des jeweils anderen. Was für ein erbärmliches Selbstwertgefühl steckt dahinter?

7 Kommentare

  1. GVGV

    Ein offensichtlich sehr erbärmliches Selbstwertgefühl, voller Angst und Feigheit.
    Nötiger Blog. Sehr gut !!

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  2. HeLuechtHeLuecht (Beitrag Autor)

    „Ich finde, es ist erlaubt, in der Woche vor dem Derby zu sagen: ‚Wir wollen den Großen kitzeln.‘ Wir sind wirtschaftlich vernünftig aufgestellt und wollen gerne ein bisschen mehr Respekt aus der Stadt dafür haben.“

    schiebt Oke Göttlich nach der Becker a Kritik in der BILD beim ndr nach (zumindest wird er dort so zitiert.

    Sorry, aber hohler geht es kaum noch. Von Augenhöhe sprechen, von besser sein, aber den Großen kitzeln wollen. Und dann mehr Respekt wollen? Bei wem, den eigenen Anhängern? Bei mir wurde gerade das Gegenteil erreicht und ich wertschätze die am Millerntor geleistete Arbeit durchaus.

    Klassisches Eigentor!

    Na ja, zum Selbstwert war ja bereits alles Wesentliche gesagt.

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  3. WORTSPIELERWORTSPIELER

    HSV-Kader fürs Stadtderby

    Tor: Pollersbeck, Mickel, (Behrens)

    Abwehr: Sakai, Bates, van Drongelen, Lacroix, Douglas Santos, Jung

    Mittelfeld: Mangala, Janjicic, Holtby, Ito, Hunt, Özcan, Narey, Jatta

    Angriff: Lasogga, Arp

    super, dass der HSV jetzt seine eigens-ausgebildeten talente im stadtderby aufs trapez bringt und sie morgen aufs parkett lässt…!

    naja, die nachwuchsjuwelen dürfen dann am montagabend auf der lohmühle glänzen und im DSF das vorprogramm zu den sexyclips bieten…

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    1. HeLuechtHeLuecht (Beitrag Autor)

      Mal abgesehen davon, dass Vagnoman und Ambrosius verletzt sind und der HSV mit Arp und Ito 2 vom Verein ausgebildete Local Player U23 im Kader für das morgige Spiel hat, ist der HSV in dieser Saison der Verein mit den meisten Kadernominierungen von im eigenen Verein ausgebildeten Spielern (im Sinne der LP-Regelung) unter 23. (77 Nominierungen) und auch bei den Pflichtspieleinsätzen (Liga & Pokal) führt man mit 45 Einsätzen.
      Würdest du ernsthaft mit folgender Elf antreten wollen:
      Behrens – Behounek, Pfeiffer, Knost, Santos – David, Kwarteng, Ito, Köhlert – Arp
      (alle ja mit Profiverträgen ausgestattet)

      Der Rivale vom Millerntor wird ja wohl auch lediglich Brodersen und Carstens aus seinem zur Zeit wahrlich nicht so schlechten Nachwuchs aufbieten (Zehir ist ja gesperrt)

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      1. WORTSPIELERWORTSPIELER

        von startelf war nie die rede. man könnte aber einfach mal ein zeichen setzen und für ein überraschungsmomentum sorgen. von vagnomans verletzung wusste ich jetzt einmal was, aber einfach mal pfeifer statt lacroix zu nominieren – sowas fehlt mir seit jahren beim HSV…! business as usual. dass die seltenen nominierungen dann auch noch seltener zu einsatzminuten führen, ist ja auch kein geheimnis. die statistiken sind dabei nichts als blendwerk. genau wie der altersdurchschnitt des HSV-kaders, der ja immer wieder positiv hervorgehoben wird, obwohl 1/3 des jugendlichen kaders selten bis gar nicht zum einsatz kam – wohlbemerkt in der 2. liga…!

        und richtig (negativ) auffällt mir das auch nur, wenn im gegenzug von „juwelen“ berichtet wurde/wird oder wenn man ständig auf die tolle (nachwuchs-)entwicklung beim HSV hinweist oder wenn die verantwortlichen von einer „guten entwicklung“ sprechen oder oder oder…!

        p.s. was den „rivalen vom millerntor“ angeht, hat man eben ganz anders kommuniziert und klar aufgezeigt, dass es eben nur diese 1-2 spieler pro jahrgang schaffen sollen/werden…! ferner lässt man die stärksten nachwuchsspieler auch in ihrem jahrgang reifen, anstatt sie medienwirksam bei den profis auf die bank zu setzen, wobei der trainer-kauz des FCSP vermutlich eh kein bock drauf hätte…

  4. HeLuechtHeLuecht (Beitrag Autor)

    @Wortspieler
    ‚Juwelen‘ und ‚Juwelier‘ für Bernhard Peters sind letztlich aber Attribute, die auf dem Mist der Presse gewachsen sind.

    Ja, der FCSP in persona Roger Stilz hat ganz klar kommuniziert, dass man anstrebe, 1 -2 Spieler pro Jahr zu den Profis in den Kader zu bringen (was nicht heißt, dass sie dort auch regelmäßig zum Einsatz kommen), man aber auch damit rechnen müsse und das akzeptieren könne, wenn mal der eine oder andere Jahrgang dabei, sei, wo das nicht gelänge. DAmit ist der FCSP selbstredend einen Schritt weiter als der HSV, der bezüglich seiner Nachwuchsarbeit bis dato gar nichts kommuniziert und nichts überprüfbares hinterlegt hat.

    Die Durchlässigkeit (NLZ Sternevergabekriterium) wird nun einmal an Einsatzzeiten bzw. Kadernominierungen des Nachwuchses gemessen. Danach werden dann ja auch entsprechend Gelder an die Vereine ausgeschüttet. Im Vergleich zu den Vorjahren war das in der letzten Saison und ist es in dieser Saison signifikant besser als in den Vorjahren. Liegt natürlich auch an einem Talent wie Fiete (Jahrgang/Einzelfall), aber mit insgesamt 6 nominierten und 5 eingesetzten Spielern ist das nun einmal mehr als bisher.

    Was den Kauz von der Kollau angeht, so hat er ja, den Nachwuchs mit im spanischen Trainingslager gehabt und danach Spielern wie Luis Cordes oder Finn Ole Becker dann bescheinigt, dass da noch Einiges fehle, nicht nur spielerisch. Dann geht es eben zum Reifen zurück in die U19 oder U23.

    Geschieht gleiches beim HSV wird von Degradierung gesprochen, von keine Chance geben. Von Reifung redet dann niemand.

    Einen Pfeiffer in der derzeitigen Form in den Kader für das Derby zu berufen, würde MIR übrigens momentan nicht einmal im Traum einfallen. Ich war schon maßlos überrascht, dass ein absolut formschwacher David am Montat im Kader von Hannes Wolf stand, aber da gab es dann ja wohl auch gar keinen Notnagel mehr für die 6.

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    1. WORTSPIELERWORTSPIELER

      ‚Juwelen‘ und ‚Juwelier‘ für Bernhard Peters sind letztlich aber Attribute, die auf dem Mist der Presse gewachsen sind.

      das meinte ich ja, weil es eben eine andere darstellung gibt, fällt es besonders auf – allerdings ist das eben nicht nur medial. die protagonisten des HSV sonnen sich ja auch in ihrer „aus der not eine jugend machen“…! beim FCSP herrscht da eben wesentlich mehr realismus…

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