Skripnik oder Zinnbauer – Welcher U23-Trainer schafft es?

skripnik-zinne

Zwei ehemalige U23-Trainer schwingen nun seit geraumer Zeit das Zepter bei den beiden abstiegsbedrohten Nordclubs Hamburger SV und Werder Bremen. Gelegenheit genug, einmal zu schauen, wo die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der zwei Trainer liegen, unter welchen Voraussetzungen sie ihre Arbeit aufgenommen haben und wie diese Arbeit nach Beginn der Rückrunde einzuschätzen ist.

Beide sind bekannt als Fussballverückte und beiden sagt man nach, außerst bessen und akribisch arbeitende Trainer zu sein, aber das war es dann eigentlich auch schon an Gemeinsamkeiten, oder?

Der Eine . . .

Viktor Skripnik beobachtet seine Jungs

Viktor Skripnik beobachtet seine Jungs
(screenshot instagram)

der Schweiger aus dem Osten: Віктор Анатолійович Скрипник (Wiktor Anatolijowytsch Skrypnyk) aus Nowomoskowsk in der Ukraine, hierzulande bekannt als Viktor Skripnik, spielte aktiv bei Dnipro Dnipropetrowsk (110 Ligaspiele) und in der ukrainischen Nationalmannschaft (24 Einsätze). Er kam im Jahre 1996 nach Bremen und absolvierte bis 2004 134 Ligaspiele für die Grün-Weissen von der Weser. Er wurde Meister (2004) und zweifacher DFB Pokalsieger (1999/2004) mit Werder Bremen. Nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Laufbahn war er neun Jahre als Jugendtrainer tätig, bevor er 2013 Werders U23 übernahm und Ende Oktober von Bremens Sportchef Thomas Eichin – in gewohnt unaufgeregter Manier – zum Cheftrainer befördert wurde. Die Bremer hatten zuvor mit keinem anderen Trainer gesprochen. Viktor Skripnik war der erste und einzige Ansprechpartner!

. . . und der Andere

Zinnbauer versucht sich kryptisch non-verbal

Zinnbauer versucht sich kryptisch non-verbal
(screenshot instagram)

…der Dauerredner und Motivator aus dem Süden: Josef “Joe” Zinnbauer aus Schwandorf in der Oberpfalz (Bayern), ist in seiner aktiven Zeit als Spieler nicht über Einsätze bei Dritt- und Zweitligisten (17 Einsätze für Mainz 05) hinausgekommen und spielte von 1988 – 1998 in nicht weniger als zehn Vereinen. Aufgrund eines Knorpelschadens musste er seine Profikarriere 1998 beenden. Bereits während seiner Profikarriere bastelte Josef Zinnbauer sehr erfolgreich an einem zweiten Standbein. Mit der Gründung und der Führung eines Finanzdienstleistungunternehmens stieg er schon früh in den Kreis der Millionäre auf. Trotzdem liess ihn der Fussball nie los.

Im Amateurbereich fungierte er beim TSV Wendelstein und später beim Henger SV noch bis 2005 als Spielertrainer bevor er seine aktive Karriere endgültig beendete und als Trainer beim damals in der Niedersachsenliga spielenden VfB Oldenburg anheuerte, wo er im Mai 2010 trotz des geschafften Aufstieges in die Oberliga-Niedersachsen freigestellt wurden. Es folgte eine Hospitanz bei Uwe Rapolder beim Karsruher SC mit anschliessender Co-Trainer Tätigkeit sowie Übernahme der U23 des KSC als Cheftrainer.

Von Oliver Kreuzer 2014 als Nachfolger von Rudolfo Cardoso zum HSV geholt, reüssierte Joe Zinnbauer mit der, von ihm und Kreuzer, neu zusammengestellten U23 der Hamburger. Mit acht Siegen in Folge führte “Magic-Joe” die Nachwuchskicker der Rothosen souverän an die Tabellenspitze der Regionalliga-Nord, bevor er in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von Hamburgs Vorstandsvositzendem Dietmar Beiersdorfer “bis auf Weiteres” zum Cheftrainer des HSV befördert wurde.

Schaut man einmal, wie und warum Joe Zinnbauer und Viktor Skripnik zum Cheftrainer befördert wurden, fällt auf, dass bei Werder Bremen die Wahl ganz bewusst auf einen Trainer gefallen ist, der den Verein aus seiner Zeit als Spieler und aus der jahrelangen, erfolgreichen Jugendarbeit kennt. Die Entscheidung für Viktor Skripnik fiel ohne Wenn und Aber, weil man ihn schlichtweg für die einzige und beste Lösung hielt. Joe Zinnbauer hingegen darf man getrost als Notlösung betrachten. Beim HSV wurde ein Trainer nach erfolgter Saisonvorbereitung nach nur 3 Spieltagen entlassen, ohne dass man in der Führung einen Plan hatte, wer die Nachfolge antreten sollte. So wurde dann “Magic Joe” aus dem Hut gezaubert, jener Trainer, der erst zur neuen Saison von dem inzwischen geschassten und wenig geliebten Sportchef Oliver Kreuzer geholt wurde und den Verein bis zu diesem Zeitpunkt kaum kannte. Alleine bei der Betrachtung dieser Dinge wird deutlich, dass Viktor Skripnik eine längere Lebensdauer als Cheftrainer beschieden sein dürfte. Speziell, vor dem Hintergrund, dass in Bremen in der Regel eh langfristiger und vertrauensvoller agiert wird in Hamburg.

Sparen, Sparen, Sparen!!!

Sparen Sparen Sparen (screenshot instagram)

Welche Bedingungen haben nun die jeweiligen Trainer in ihren Vereinen vorgefunden? Nun klar, beide Vereine hatten die einstige Erfolgsspur schon länger verlassen, die Hamburger bereits ein gefühltes Jahrhundert, und die Situation entpuppte sich inzwischen als bedrohlich. Das Abstiegsgespenst war nicht eine abstrakte Romanfigur, es klopfte nicht einmal an die Tür, nein es hatte sich real schon mitten im Wohnzimmer der beiden Vereine gemütlich eingerichtet. Wie üblich auch hier beim Hamburger SV mit wesentlich mehr Komfort, der auch nach dem Umzug in die Zeltstadt nicht weniger sondern eher mehr geworden ist.

Mit zunehemend schlechterer Performance sah auch die finanzielle Situation der beiden Traditionsclubs aus dem Norden zusehends schlechter aus. Beide Vereine schrieben sich eine drastische Entschuldung auf ihre Fahnen. Die einen hielten sich daran, die anderen gaben mit einem arroganten “Wir sind das ‘mia san mia’ des Nordens!” das Geld wie gehabt mit beiden Händen aus und verpflichteten bereits im Sommer auf Teufel komm raus mehr als eine komplette neue Elf.

Neuzugänge und Transferausgaben beim Hamburger SV 2014/15

Anz. Name Position Ablöse abgeb. Verein
Sommertransfers (29,3 Mio)
1 Alexander Brunst  TW    ablösefrei HSV U19
2 Johan Djourou  IV  2.800.000 FC Arsenal
3 Cléber Reis  IV  3.000.000 Corinthians Sao Paulo
4 Gideon Jung  DM  150.000 RW Oberhausen
5 Matthias Ostzolek LV  2.750.000 FC Augsburg
6 Ashton Götz RV    ablösefrei HSV U23
7 Valon Behrami DM 3.500.000 SSC Neapel
8 Matti Steinmann DM    ablösefrei HSV U23
9 Lewis Holtby ZM 2.500.000 Leihe Tottenham
10 Nicolai Müller RA  4.500.000 Mainz 05
 11  Zoltan Stieber LA  1.300.000 Greuther Fürth
 12  Julian Green LA  300.000 Leihe Bayern
 13  Phillip Müller RA  ablösefrei  Wolfsburg U19
 14  Pierre-Michel Lasogga MS  8.500.000  Hertha BSC
Wintertransfers (3,5 Mio)
15 Ivica Olic MS    1.500.000 VfL Wolfsburg
16 Marcelo Diaz DM  2.000.000 FC Basel
Gesamttransfersumme Saison 2014/15: 32.800.000 (32,8 Millionen EURO) 

 

Sagenumwobene 29,3 Millionen EURO steckte der HSV in der Transferperiode I in seine Mannschaft, während die Werderaner gerade mal eben 1,6 Millionen Euro investierten. Im Winter, in der Transferperiode II rüsteten beide Vereine in etwa gleich stark nach. Die Gesamttransferausgaben in der Saison 2014/15 des Hamburger SV sind mit 32,8 Millionen Euro sieben mal höher als die des SV Werder Bremen mit 4,55 Millionen Euro. Während der HSV im Schnitt um die 2 Millionen Euro pro Spieler investierte, kommen die Werderaner durchschnittlich mit einem um fünf mal geringeren Betrag aus; lediglich 400.000 Euro gaben die Bremer in dieser Saison für neue Spieler aus.

Alleine aus diesen Zahlen wird, deutlich, dass es in Hamburg  – trotz HSV+  und der gemachten Versprechungen – auch weiterhin nicht um die Konsolidierung der Finanzen geht, zu groß ist die Angst vor dem Abstieg und den daraus resultierenden Folgen. Obschon die Angst bei den Bremern nicht geringer sein dürfte. Dort scheint man allerdings zumindest die besseren Nerven zu besitzen oder aber die kompetenteren Leute beschäftigt zu haben. Bei den Rothosen hingegen wird “weitergewurschtel”t wie bisher: Altes Geschäftsgebahren in neuem Gewand!

Neuzugänge und Transferausgaben beim SV Werder Bremen 2014/15

Anz. Name Position Ablöse abgeb. Verein
Sommertransfers (1,6Mio)
1 Raif Husic  TW   100.000 FC Bayern München
2 Alejandro Galvez  IV ablösefrei Rayo Vallecano
3 Santjago Garcia  LV  1.500.000 Rangers Talca
4 Marnon Busch  DM ablösefrei Werder U23
5 Fin Bartels RA ablösefrei FC St. Pauli
6 Izet Hajrovic RA  ablösefrei Galatsaray Istanbul
7 Davie Selke MS  ablösefrei Werder U23
Wintertransfers (2,95 Mio)
8  Michael Zetterer TW 100.000  SpVgg Unterhaching
9  Koen Castels  TW 150.000  Leihe VfL Wolfsburg
10  Jannik Vestergaard  IV 2.500.000  TSG Hoffenheim
11  Lev Öztunali  ZM 200.000  Leihe Bayer Leverkusen
Gesamttransfersumme Saison 2014/15: 4.550.000 (4,55 Millionen EURO) 

 

Nimmt man lediglich die Anzahl der Verpflichtungen und die Summen, die für die verpflichteten Spieler ausgegeben wurden, so sollte der HSV und mit ihm der Trainer Joe Zinnbauer einen klaren Vorteil gegenüber dem Bremer Konkurrenten Viktor Skripnik haben. Ein Blick auf die Statistik hingegen zeigt, dass Zinnbauer diesen vermeintlichen Vorteil bisher nicht für sich nutzen konnte.

Nach der Niederlage gegen den 1. FC Köln zum Auftakt der Rückrunde, brannte in Hamburg bereits wieder einmal der Baum. “Magic Joe” stand vor dem Paderborn Spiel mächtig unter Druck, wenn nicht gar bereits zur Disposition: Ungleich erfolgreicher verlief der Rückrundenstart für Viktor Skripnik, der – trotz ebenfalls eher schwachen Spielen während der Vorbereitung – mit einem Sieg in das neue Jahr startete. Insgesamt stehen für ihn und die Bremer nun drei Siege in Folge zu Buche. Eine Serie, von der der HSV nur träumen kann. Doch schauen wir uns die Resultate der beiden Trainer genauer an:

Spiele und Resultate unter Zinnbauer/ Skripnik

Spieltag Joe Zinnbauer Viktor Skripnik
4. Hamburger SV –
Bayern München
0:0
5. Mönchengladbach –
Hamburger SV
1:0
6. Hamburger SV –
Eintracht Frankfurt
1:2
7. Borussia Dortmund –
Hamburger SV
0:1
8. Hamburger SV –
1899 Hoffenheim
1:1
9. Hertha BSC –
Hamburger SV
3:0
10. Hamburger SV –
Bayer 04 Leverkusen
1:0 1. FSV Mainz 05 –
Werder Bremen
1:2
11. VfL Wolfsburg –
Hamburger SV
2:0 Werder Bremen –
VfB Stuttgart
2:0
12. Hamburger SV –
Werder Bremen
2:0 Hamburger SV –
Werder Bremen
2:0
13. FC Augsburg  –
Hamburger SV
3:1 Werder Bremen –
SC Paderborn 07
4:0
14. Hamburger SV –
1. FSV Mainz 05
2:1 Eintracht Frankfurt –
Werder Bremen
5:2
15. SC Freiburg –
Hamburger SV
0:0 Werder Bremen –
Hannover 96
3:3
16. Hamburger SV –
VfB Stuttgart
0:1 Mönchengladbach –
Werder Bremen
4:1
17. FC Schalke 04 –
Hamburger SV
0:0 Werder Bremen –
Borussia Dortmund
2:1
18. Hamburger SV –
1. FC Köln
0:2 Werder Bremen –
Hertha BSC
2:0
19. SC Paderborn –
Hamburger SV
0:3 TSG Hoffenheim –
Werder Bremen
1:2
16 Spiele (5S/4U/7N) 19 Punkte/12 Tore 10 Spiele (6S/1U/3N) 19 Punkte/20 Tore

 

Zinnbauer zeichnet seit nunmehr 16 Spielen verantwortlich für den Hamburger SV. In diesen Spielen hat er mit seinem Team sieben mal verloren, vier mal ein Remis erreicht (unter anderem gegen die Top Clubs aus Schalke und München) sowie fünf mal als Sieger den Platz verlassen. Die Torquote ist mit  Ø 0,63 Toren pro Spiel zwar immer noch unterirdisch, allerdings nach dem Paderborn Spiel bereits stark verbessert. Mit 19 Punkten aus den 16 Spielen kommt  Joe Zinnbauer immerhin auf einen Schnitt von 1,19 Punkten pro Spiel, der wesentlich besser als der seiner Vorgänger ist [Slomka Ø 0,78 (18 Sp/14 P)/van Marwijk Ø 0,8 (15 Sp/12 P)].

Skripnik ist seit 10 Spielen verantwortlicher Cheftrainer und hat es in dieser Zeit – bei 6 Spielen weniger – auf ebenfalls 19 Punkte bei allerdings 20 Toren gebracht. Er kommt damit auf einen Schnitt von 1,9 Punkten pro Spiel bei einer satten Torquote von  Ø 2 Toren pro Spiel. Unter Skripnik verliessen die Bremer immerhin 6 mal als Sieger den Platz, spielten einmal Unentschieden und hatten lediglich 3 mal das Nachsehen. Insgesamt eine erstaunlich positive Bilanz unter den oben geschilderten Begleitumständen.

Am Ende zählt nur der HSV

Am Ende zählt…
(screenshot instagram)

Stand jetzt hat Viktor Skripnik eindeutig die Nase vorn im Rennen der beiden Ex-U23-Trainer. Lediglich in den beiden direkten Vergleichen in dieser Saison obsiegt Joe Zinnbauer mit einem 4:2 Auswärtssieg seiner U23 in der Regionalliga Nord sowie dem 2:0 Heimsieg der Rothosen gegen die Grün-Weißen in der Bundesliga. Viktor Skripnik wird es inzwischen verschmerzen können.

Unterm Strich bleibt für mich festzuhalten, dass beide U23 Trainer in dem Haifischbecken Bundesliga einen ordentlichen Job machen, bei dem momentan aufgrund der derzeitigen Bilanz und aufgrund der Tatsache, dass das Haifischbecken in Bremen etwas weniger wild erscheint, der Ukrainer Skripnik etwas besser wegkommt. Aber das Geschäft ist schnelllebig und die Frage bleibt, wer am Ende der Saison sagen kann: “Ich habe es geschafft!

1 Kommentar

  1. Totti61

    ich halte beide für gute Trainer, die alte Garde dankt irgendwann ab, man braucht frische Kräfte

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