Stampede – Von den Roten Bullen überrollt…

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…zeigt der Hamburger SV deutliche Auflösungserscheinungen, nicht nur während, sondern vor allem nach der verlorengegangenen Partie, die für Leipzigs Trainer Hasenhüttl ein innerer Reichsparteitag gewesen sein muss, ist seine Einschätzung des Gegners und seine darauf ausgerichtete Taktik, sein Matchplan doch voll aufgegangen.

Während also ein sichtlich entspannter Leipziger Trainer seine Freude über diesen erneuten Bullen-Coup kaum verstecken konnte und wollte, präsentierte sich Hamburgs Coach Bruno Labbadia auf der Pressekonferenz nach dem Spiel zunehmend frustriert und ratlos. Ratlos vor allem ob der vielen individuellen Fehler, die der HSV wieder einmal in seinem Spiel zeigte. Fehler gegen die kein Trainer der Welt gefeit ist. Oder doch?

Tatsache ist, dass die Leipziger bereits in ihrem Mediengespräch vor der Partie darauf setzten mit zunehmender Spieldauer mehr Räume für ihre schnellen Offensivkräfte zu bekommen. Aus diesem Grunde wechselte Hasenhüttl Timo Werner auch erst nach der Pause ein. Und der nutzte seine Schnelligkeit sowie die mit zunehmender Spieldauer größer werdenden Räume bekanntlich gnadenlos aus.

Das 0:1 per Foulelfmeter nach einer Stunde war gleichzeitig bereits das Aus für die Hamburger, die es eben nicht schaffen, ihre defensive Ordnung über die komplette Distanz zu halten und dabei nach vorne nach wie vor viel zu wenig Durchschlagskraft entwickeln um sich die notwendigen Chancen zu erarbeiten, auch mal einen komfortablen Mehr-Tore-Vorsprung herauszuarbeiten. Im Wissen um diese Schwäche, bricht die Mannschaft dann nach einem Gegentreffer regelmäßig zusammen

Wo aber liegen die Gründe für dieses Zusammenbrechen? Sind es physische oder psychische Gründe? Vieles spricht dafür, dass die Mannschaft nicht in dem körperlichen Zustand ist, die sie befähigen würde, ein aggressives Pressing über 90 plus Minuten durchzuhalten. Die immer wiederkehrenden Fehler und Ballverluste im Spielaufbau und das dadurch notwendige Hinterherhecheln verschleißen die nicht ausreichend vorhandenen Kräfte zusätzlich. Den Leipzigern macht das nichts aus, die haben ihre Mannschaft zielgerichtet mit jungen Spielern bestückt, die vor allem eines können, schnell und ausdauernd laufen. Dass die zudem jeder für sich Fußball spielen können und einen Trainer haben, der gegnerbezogen und spielsituativ jederzeit reagieren kann und reagiert…ein weiterer Vorteil.

Was man allerdings auch mit ‚minderbemittelten‘ Kickern Woche für Woche auf den Platz bringen kann, zeigen beispielsweise die Kickers aus Würzburg unter ihrem Trainer Bernd Hollerbach. Holler hat seine Jungs fit wie ein Turnschuh gemacht und sie damit in die Lage versetzt, über die volle Distanz dagegen zu halten und vor allem konzentriert dabei zu bleiben.

Ich behaupte an dieser Stelle einfach mal ganz frech, dass die Häufung der individuellen Fehler im Hamburger Spiel kausal mit der mangelnden Fitness zusammenhängt. Da fehlt dann auch die Kraft nach einem Rückstand noch einmal die Ärmel hochzukrempeln und ein Spiel umzubiegen, ohne dass man bei dem durchaus vorhanden Versuch waidwund den nächsten Bock schießt und sich so den finalen Todesstoß einhandelt wie zuletzt in Leverkusen und gegen RB Leipzig gesehen.

Nun wird man vom Trainer des HSV natürlich nie zu hören bekommen, dass es der mangelnden Fitness seiner Spieler zuzuschreiben ist, dass man die Spiele letztlich nicht für sich entscheiden kann und saisonübergreifend die schlechteste Mannschaft in der Liga ist.

“Wir hatten uns viel vorgenommen, Knackpunkt war, dass wir nicht selber ein Tor gemacht haben” analysierte Labbadia nach dem Spiel. Als hätte dieses eine Tor etwas genützt, haben doch die Spiele gegen Ingolstadt und Leverkusen bereits gezeigt, dass es mit diesem einen Tor längst nicht getan ist.

Inzwischen hat sich dann ja auch der Vorstandsvorsitzende Dietmar Beiersdorfer nach dem Spiel geäußert und konstatiert, dass man auch gegen Leipzig nicht an die Grenzen gegangen sei: “Auch nicht körperlich”. Darüber hinaus bemängelt er zu Recht, dass man unterm Strich zu wenige Torchancen habe und dass man sich schnellstens etwas einfallen lassen müsse, um dies zu ändern. Nach einem Schulterschluss mit dem Trainer sieht das nicht aus. Beiersdorfer positioniert sich und ist bereit, das nächste Bauernopfer nach Peter Knäbel ins Spiel zu bringen. Das mag seine Verweildauer im Amt verlängern, wird ihn aber auf Dauer auch nicht schützen können.

Nun ist es also wie in Krisensituationen üblich. Leute beginnen sich zu distanzieren, andere nutzen die Situation um sich zu positionieren. Die einen sehen ihre Felle davon schwimmen, die anderen sehen unverhoffte Chancen auf sich zu kommen. Weite Teile der Trainerschaft, standen und stehen den Personalentscheidungen Labbadias und hier insbesondere bezogen auf Alen Halilovic ohnehin skeptisch gegenüber.

Und plötzlich munkelt man auch wieder, dass Bernhard Peters unzufrieden sein soll. Für mich ein klares Zeichen, dass die Tage von Bruno Labbadia in Hamburg gezählt sind. Peters war schon die treibende Kraft bei der Entlassung Slomkas, die als Entlassungsgrund für Peter Knäbel angegebenen sportlichen Differenzen bezogen sich weniger auf die zwischen Beiersdorfer und Knäbel als vielmehr auf jene zwischen Knäbel und Peters, und jetzt also Labbadia…

Ja und dann kommt der für sein Abwägen und seine Besonnenheit durchaus bekannte Ashton Götz bei ‘Matz Ab Live’ nach dem Leipzig Spiel ums Eck und redet sich dort quasi um Kopf und Kragen. Wer Götz auch nur einigermaßen kennt, der weiß, dass dies nicht aus Versehen geschehen ist, weil er von einem grandios fragenden Journalisten auf’s Glatteis geführt wurde, sondern dass Götz‘ Worte sehr wohl überlegt gewählt waren.

Die Lasogga, der am Samstag früh noch aus dem Kader rutschte, und Wood bezogene Aussage „Es ist auch immer wichtig, wie der Trainer auf einen steht!“ befeuert die Vermutungen einiger, der Hamburger Trainer würde nur seine Lieblinge aufstellen, zeigt aber auch gleichzeitig, dass Ashton Götz nicht zu Labbadias Lieblingen gehört und ihm dies hochgradig missfällt.

Nun darf und muss man sich an dieser Stelle allerdings auch fragen, warum eben dieser Ashton Götz das Angebot von Darmstadt 98 letztlich nicht angenommen hat und die Chance Bundesliga spielen zu können leichtfertig ausgeschlagen hat. „Am Ende hat es einfach nicht mehr gepasst“ war die einzige Aussage, die von Götz zu diesem Thema zu vernehmen war, wohl auch der Tatsache geschuldet, dass hier nicht ernsthaft nachgefragt wurde.

Klar positioniert hat sich Götz auch beim Thema Alen Halilovic. Ein Kicker, der etwas Besonderes hat und den Unterschied macht. Deutlicher kann man es durch die Blume nicht mehr zu verstehen geben, was man von der Entscheidung des Coaches hält, diesen Spieler lediglich kurz vor Ende der Partien einzuwechseln.

Die Tatsache, dass ein – zugegebenermaßen gefrusteter, weil lediglich bei der U21 zum Einsatz kommender, Akteur des Lizenzspielerkaders, sich öffentlich derart aus dem Fenster lehnt, ist schon beredt genug und spiegelt die aktuelle Situation um Trainer Labbadia deutlich wieder. Aber da gab es noch etwas, was mich letztlich viel mehr hat aufhorchen lassen, weil es eben nicht nur ein schlechtes Licht auf den Trainer allein, sondern auf den gesamten Klub inklusiv seines Vorstandsvorsitzenden wirft.

Die Rede ist von der Vorbereitung auf den jeweils nächsten Gegner beim HSV. Nach Götz Aussage ist es den Spielern (inzwischen) freigestellt sich individuell mithilfe von Analysevideos auf ihren kommenden potentiellen Gegenspieler vorzubereiten. Es hätten in der Vergangenheit nicht alle Spieler diese Videos angeschaut.

Ja Herrschaftszeiten, wo sind wir denn hier? Im Kindergarten? Was für eine Arbeitsaufassung und –einstellung verbirgt sich denn dahinter? Das ist ein Skandal!!! Und das zeigt auch das Grundübel dieser Wohlfühloase auf. Es ist einfach, bequem und letztlich völlig egal, ob man gewinnt oder verliert und zwar abgesegnet von ganz oben.

Wie wohltuend im Gegensatz dazu:

„Wir wollen immer alles. Wir wollen ein 0:0 nicht nach Hause schaukeln, sondern dem Gegner den Todesstoß versetzen. […]Unsere Mentalität ist eine unserer stärksten Waffen. Im Moment liegen Glück und Vermögen dicht beieinander. Die Mannschaft ist jung und muss noch lernen. Aber sie lernt schnell.“

Ralph Hasenhüttl schreit seine Freud hinaus. Seine Rechnung ist aufgegangen und er stürzt den HSV in eine weitere große Krise.

Ralph Hasenhüttl schreit seine Freud hinaus. Seine Rechnung ist aufgegangen und er stürzt den HSV in eine weitere große Krise.

Diese Mentalität ist eine Mentalität, die der Verein in jeder Ebene vorlebt, die aus jeder Pore quillt. Beim HSV, dem Dino, quillt eine völlig andere Mentalität aus den Poren. Aus jenem Grund wird sich eben auch nach der anstehenden Entlassung von Bruno Labbadia nichts wirklich ändern.

Morgen steht die Partie gegen Freiburg an. Die wird der Trainer noch bestreiten dürfen. Je nachdem wie die Mannschaft dort auftreten wird ist entweder danach oder spätestens nach dem Bayernspiel Feierabend. Aber egal, wer danach kommt. Wirkliche Hoffnung auf Besserung ist nicht in Sicht.

Die Stampede der Roten Bullen wird nicht die letzte gewesen sein, die über den HSV gerollt ist.


P.S.

Es gibt allerdings auch noch Erfreuliches aus den unteren Regionen zu berichten. Die U21 konnte mit dem 3:1 gegen Borussia Hildesheim am Wochenende den vierten Sieg in den letzten fünf Spielen einfahren und hat mit nun 13 Punkten auf Rang 7 deutlich mehr Punkte auf dem Konto als dies erwartet werden durfte. Erneut traf Jatta für die Rothöschen doppelt. Wieder einmal mit rechts nach toller Porath Vorarbeit und einmal per Kopf nach einem Standard. Auch der Schweizer Neuzugang, der 17jährige Janjicic wusste in seiner ersten Partie zu überzeugen. Noch ist längst nicht alles Gold was glänzt und in dieser Liga kann jeder nach wie vor jeden schlagen, aber es sieht zumindest so aus, als sei Trainer Kunert mit seiner Truppe auf einem guten Weg. Die Mannschaft wirkt insgesamt stabiler als zu Beginn der Saison, der Ausfall des von Meppen als Stabilisator geholten Kapitän Strompen fällt überhaupt nicht und wenn, dann eher positiv ins Gewicht. Der ehedem noch als Top-Talent gehandelte Dren Feka war übrigens nicht einmal mehr im Kader.

Auch die U19 ist weiter auf ‚Erfolgskurs‘. Bereits am Freitag gelang ein durch Tore von Köhlert (12.), Kyeremeh (65.) und Storb (84.) am Ende mit 3:1 überzeugender Derbysieg gegen den FC St. Pauli. Die Jungs von Daniel Petrowsky rangieren nun mit 11 Punkten nach 6 Spieltagen auf Rang 5 der Tabelle. Es war der dritte Sieg in Folge und die fünfte Partie ohne Niederlage. Die Auftaktniederlage bei Underdog JFV Nordwest scheint also der rechtzeitige Schuss vor den Bug gewesen zu sein.

Ähnlich wie bei den Profis, wenngleich weniger debakulös verlief es für die U17 des HSV am vergangenen Wochenende, die ihre erste Niederlage der Saison hinnehmen musste. Auch hier musste man sich im Heimspiel den Roten Bullen aus Leipzig geschlagen geben. 0:1 lautete das Resultat am Ende der 80 Minuten. Hinter Bremen, Leipzig und Wolfsburg rangiert die Elf von Christan Titz nunmehr mit 9 Punkten nach 5 Spieltagen und einem Spiel weniger auf Platz 4.

3 Kommentare

  1. Mick

    Korrekter Beitrag. Gefällt mir. Wir haben noch ne lange Durststrecke vor uns. Now for something not so completely different, weil es ein Teil der HSV-Geschichte ist, die der NDR als Sportclub-Story anbietet: https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/sportclub/Sportclub-Story-Heinz-Bonn,sportclub7696.html . Über Heinz Bonn (der wäre jetzt zwei Jahre älter als ich).

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  2. ky

    Sensationeller Artikel, HL, klasse recherchiert, mit Zitaten belegt, und im Zusammenhang gedacht. Das ist Journalismus, und nicht, was die PK-Abnickenden der Hamburger “Sportpresse” so von sich geben.

    Ja, ein neuer Trainer wird zunächst nicht viel bewegen können, aber trotzdem vielleicht neue Impulse setzen können, und ggf. auch eine Mannschaft zusammen formen, die sich auch als solche versteht und miteinander spielt…

    Und vielleicht findet sich ja irgendwann auch ein kompetenter und geradliniger VV, der die “Wohlfühloase” nachhaltig ausmistet.

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  3. bopsi

    Klasse HL, so war das!
    Es ist für HSV-Fans aber wohl befremdlich, dass ein Trainer tatsächlich einen Plan haben kann und bereits Stunden vor dem Spiel seinem Spieler mit auf den Weg gibt, wie das heute genau laufen soll.
    Man sollte allerdings so fair sein und erwähnen, Labbadia hat diese Spieler gar nicht zur Verfügung.

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