U21 Heimspielauftakt zum Abgewöhnen

Sonntag 13 Uhr Hagenbeckstrasse. Nach heftigen Schauern zeigt sich die Sonne. Das erste Heimspiel der Saison steht an. Der Zuschauerandrang hält sich in überschaubaren Grenzen, wären nicht die zahlreichen Fans des Aufsteigers und HSV-Partnerklubs SV Eichede gewesen…

Ansonsten hat sich auch einiges gegenüber der Vorsaison verändert. Der HSV versucht sich professioneller darzustellen, schicke Plakate weisen auf einen VIP Container hin, in dem auch die Prssekonferenz stattfindet. Eine in Blau gekleidete Hostess blickt am ‘Barackeneingang’ gelangweilt auf das Treiben an der gegenüberliegenden Herrentoilette. Zack um die Ecke, Karte kaufen und die Leibesvisitation über sich ergehen lassen und dann, die erste grobe Enttäuschung. Es gibt keine Bratwurst mehr. Man hat den Caterer gewechselt, es gibt nur noch heissgemachte Wurst und auch keine knackigen Brötchen, sondern nur noch labberiges Toastbrot. Da ist man inzwischen ja sogar in Quickborn noch besser aufgehoben wenn es um kulinarische Genüsse geht. Wobei…für Hamburger Traditionalisten ein Trost am Rande, hier kann man sich noch ein ‘Holsten knallt am Dollsten’ reinziehen und muss nicht mit der ‘Pissbrühe’ aus Duisburg Vorlieb nehmen.

Okay, das mag nun nicht unbedingt jeden interessieren, aber was soll ich von diesem Tag sonst berichten. 2:3 der Endstand nach 90 Minuten. Die ‘Rothöschen’, die sehr zu meiner Freude wenigstens in den roten Hosen aufliefen, hatten ihr zweites Spiel in Folge verloren. Heimspielauftakt auch in die Büx gegangen. Und wie!

Dabei begann es noch nicht einmal so schlecht. Nach anfänglichem Mittelfeldgeplänkel und zahlreichen Abspielfehlern hüben wie drüben, begann der HSV das Spiel ab der 10. Minute so etwas wie zu kontrollieren, immer wieder angetrieben von einem sehr engagierten Dirk Kunert an der Seitenlinie, dem anzumerken war, dass er voll bei der Sache ist und hier mit seinen Jungs etwas reissen wollte. Jetzt konnte man phasenweise erkennen, wie Kunert sich das Spiel seiner Mannschaft nach Balleroberung vorstellt. Schnelles Umschaltspiel und kein Hintenrumgeschiebe des Balles, welches allerdings im HSV Spiel (noch) dermaßen verankert ist, dass es den neuen Coach immer wieder zur Verzweiflung trieb. Dennoch, der HSV kam besser ins Spiel und erzielte in der 16. Minute das 1:0 durch einen feinen Schuß von Daouri. Es war die erste wirkliche Chance des HSV. Eine weitere durch Daouri sollte noch folgen, dann war es aber auch vorbei mit der Herrlichkeit. Man kombinierte sich zwar immer recht ansehnlich bis zum Eicheder 16er vor, war im letzten Drittel allerdings nicht durchschlagsfähig und verlor sich letztlich im Klein-Klein und immer noch mal abspielen. Niemand, der mal das Herz in die Hand nahm und abzog oder sein Glück in einer 1 zu 1 Situation versuchte. So blieb eben nur der elendige, erfolglose Ballbesitzfussball.

In den letzten 10 Minuten vor der Pause kam Eichede wieder besser ins Spiel. Aus unerfindlichen Gründen gab es einen Bruch im Hamburger Spiel. Der Aufsteiger kam zu einigen Ecken und von da an nahm das Unheil quasi mit Ansage seinen Lauf, denn bei allen Ecken und Freistoßstandards entpuppte sich die Hamburger Defensive als Hühnerhaufen sondergleichen, völlige Desorientierung, mangelnde Abstimmung und eklatante Schwächen in Stellungs- und Kopfballspiel. Einzig der Unfähigkeit der Eicheder war es zu verdanken, dass es mit 1:0 in die Pause ging.

Nach der Pause allerdings änderte sich das. Ein HSV Spiel fand quasi nicht mehr statt. Die ebenfalls limitierten Eicheder immer gefährlich bei Standards, nutzten dann die Unordnung in der Hamburger Defensive sowie die wiederholten Schwächen von Tom Mickel im Hamburger Tor zum verdienten Ausgleich. Jetzt ging bei den Hamburgern gar nichts mehr zusammen, auch die Körpersprache von Dirk Kunert veränderte sich zusehends und nahm schnell resignative Züge an. Ich mach es kurz, der HSV erspielte sich keine einzige echte Torchance mehr, Eichede ging folgerichtig mit 3:1 in Führung. Törles Knöll konnte zwar noch den Anschlusstreffer mit einem Kopfball nach Freistoß erzielen, aber am Ende ging man verdientermassen ohne Punkt vom Platz.

So weit so schlecht. Der Saisonauftakt ist somit gänzlich in die Hose gegangen und so leid es mir tut, das was ich gesehen habe macht wenig Hoffnung, dass sich daran in Kürze etwas ändern dürfte. Das war maximal mittleres Oberliganiveau. So, in dieser Form ist der HSV ein klarer Abstiegskandidat.

Diese U21 ist weit schwächer als ich es ohnehin vermutet hatte, schwächer, als die U23 der letzten Saison. Ashton Götz spielte seit langer Zeit endlich mal wieder, mit Licht und Schatten. Ihm merkte man seine lange Verletzungspause noch an, so dass auch er nicht für die notwendige Stabilität und Führung sorgen konnte. Neuzugang und Kapitän Strompen war anzumerken, dass er Verantwortung übernehmen will. Er war emsig bemüht, aber auch er muss erst noch ankommen in dieser Mannschaft. Und da sind wir bei einem Kardinalproblem der diesjährigen U21 – Mannschaft. Diese U21 ist (noch?) keine Mannschaft, ganz anders als jenes Team von vor zwei Jahren, welches von Kreuzer und Zinnbauer gecastet und unter Teamgesichtspunkten zusammengestellt wurde.

Hier tummelt sich eine Ansammlung von ehemaligen A-Junioren, die in die U21 hochgezogen wurden um nach aussen Durchlässigkeit zu den Profis vorzugaukeln. Es fehlt der Zusammenhalt, wie er zum Beispiel unter Arslan, Marcos, Götz, Jung, Philipp Müller und Mo Gouaida immer vorhanden war. Der Abgang der Integrationsfigur und Stimmungskanone Ahmet Arslan macht sich hier schon deutlich bemerkbar. Und damit kommen wir letztlich auch zu dem, was mir wirklich Sorge bereitet, die Spieler verließen nach der Niederlage den Platz, stellten sichh nicht wirklich den Fans, wie es auch in der vergangenen Saison noch üblich war, schlichen in die Kabine und…

Wir standen nach dem Spiel noch draußen auf deem Parkplatz und unterhielten uns über das Spiel…da kamen sie dann an die Spieler, nach kurzer Zeit frisch geduscht, einer nach dem anderen, jeder für sich – alleine, ab ins Auto und dann Tschüß. Keine Verabschiedung voneinander, kein Reden miteinander, kein gar nichts. Es ist schwer, das hier wiederzugeben. Man muss das vor Ort erlebt haben.

Gut, das ist der Eindruck von einem Spieltag und muss von daher nicht zwangsläufig etwas heissen. Dennoch zeigt es für mich eine grundsätzliche Tendenz auf, die sich auch in anderen Teams des HSV wiederfindet. Der HSV hat keine Mannschaften und dann auch nicht die individuelle Klasse in seinen Teams, dass sich dieses Manko sportlich kompensieren ließe.

Für Dirk Kunert jedenfalls steht noch viel Arbeit an und sollte es ihm gelingen mit dieser Truppe (auf deren Zusammensetzung er kaum Einfluss nehmen konnte) die Klasse zu halten, wäre das fast soviel wert wie eine Meisterschaft.

P.S. Am Wochenende geht es zur U21 von Hannover 96, die derzeit einen erstaunlichen Lauf hat, die Woche drauf kommt Aufsteiger Lupo Martini Wolfsburg. Ob da die ersten Punkte eingefahren werden können?

9 Kommentare

  1. PaderbornerPaderborner

    Ich bewundere echt das du dir diese Spiele live und vor Ort geben kannst (vielleicht liegt’s am Holsten ;)).

    Aber ganz ehrlich, ich frage mich ob diese Truppe überhaupt noch eine Existenzberichtigung hat, ausser der von dir erwähnten Talent-Show für die Öffentlichkeit, macht doch diese ganze Nummer kaum noch Sinn. Regionalliga-Nord ist eh schon so weit weg von der BL und dann auch noch ständig Abstiegskampf (gut das hat wahrscheinlich noch ehesten was mit der 1. Mannschaft zu tun), aber das man zuhause vom SV Eichede abgefertigt wird kann’s einfach nicht sein?!?!?

    Ich war eigentlich immer Befürworter von U-Mannschaften und in einigen US-Sportarten zeigen Farmteams wirklich wie Erfolgreich so ein Konzept sein kann, aber wenn ich deinen Bericht so lese, würde ich sagen das man das Geld auch sparen kann und die Truppe einfach abmeldet!

    Antworten
    1. HeLuechtHeLuecht (Beitrag Autor)

      Über den “Sinn und Unsinn einer Zwoten” schreibe ich gerade etwas. Hoffe, das in Kürze fertigstellen zu können. Einfach abmelden? Na, im Abstiegsfalle dürfte das ohnehin passieren, aber warten wir mal ab. Die wirklich ‘schockierenden’ Erlebnisse waren eher nach dem Spiel, die Erkenntnis, dass diese Truppe einfach keine Mannschaft ist. Da wird es gaaaanz schwer wenn man unten drin steht und eh noch grün ist. Richtig aufbauen kann man natürlich auch niemanden, der nur im Abstiegskampf steckt. Ist sicher auch eine wichtige Erfahrung, aber Erfolge beflügeln eben auch und das halte ich in der Phase der Entwicklung für besser und wesentlicher.

      Und so schlimm ist es dann doch nicht vor Ort zu sein. In Gesellschaft lässt sich das gut ertragen. Übrigens auch völlig ohne Holsten.

    2. PaderbornerPaderborner

      @HL deswegen verstehe ich auch nicht warum man nicht wieder eine Schlagkräftige Truppe aufbaut die oben mitspielen kann, dazu braucht man doch eigentlich erstmal nur einen vernünftigen Stamm mit guten 3-4. Liga Kickern (wie du schon schreibst, so’n paar Arslan’s halt) solche Leute können doch nicht so teuer sein und garantieren doch fast schon halbwegs gute Ergebnisse in Liga 4.

      Um dieses Gerüst integriert man dann 3-4 A-Jugendspieler, von denen man glaubt das sie das Talent für die 1. Liga mitbringen (idealerweise auf Positionen bei der man in der 1. Mannschaft irgendwann frisches Blut braucht … aktuell Innen- Außenverteiger z.B.). Diese Spieler versucht man dann gezielt aufzubauen (auf und neben dem Platz) und wenn es auch nur einer von diesen jedes (oder jedes zweit Jahr) schafft, ist das doch schon ein Erfolg.

      Ich bin total deiner Meinung das sich die jungen Leute wesentlich besser in einer funktionierenden und erfolgreichen Mannschaft weiter entwickeln. Auch das Leistungsprinzip muss von Anfang an klar vorgeben sein. Hört sich zwar hart an, aber man muss sich auch jedes Jahr gnadenlos immer wieder von jungen Leute trennen die einfach nicht gut genug sind, oder nicht weiter in der U-Mannschaft beitragen können. Aber am Ende geht’s um Leistung und Weiterentwicklung, wer’s nicht schafft muss halt zum SV Eichede, aber bitte nicht beim HSV weiter durchschleppen. … natürlich nicht pauschal und immer im Detail analysiert, man muss seine Jugendspieler halt gut einschätzen können (auf und neben dem Platz) und wenn man nicht immer kleine Messi’s bekommt, muss man zumindest schauen ob es nicht vielleicht für ‘nen Hollerbach reicht.

      Trotzdem wenn ich solche Spielberichte lese (und ich finde es ja durchaus gut das du das machst, habe mich bisher überhaupt nicht für die U-Gurken interessiert), oder auch so Sachen wie Porath ist Physisch noch nicht soweit für die 1. Mannschaft, also sorry dann weiß ich nicht was die den ganzen Tag so beim HSV machen (setzen 6).

      Aber ich freue mich schon auf den nächsten Bericht, das macht mir mittlerweile mehr Spaß als mir schon wieder durchzulesen das Ostrzolek ein weiteres mal 90min rumgestümpert hat ;)

  2. ky

    HL, alles, was Du beschreibst, fördert in mir den nachwievor geltenden Vorwurf an die “Führung” der Fussball AG: Verwalten statt gestalten.

    Hier wird auf alles und jeden Rücksicht genommen, anstelle das Leistungsprinzip als Massstab zu erheben. Aber wenn von oben nur Schulterzucken und weiter wurschteln kommt, dann ist es nicht verwunderlich, dass diese “Kultur” sich auch in den niedrigeren Etagen etabliert hat.

    Der Verein hätte von einem Sanierer auf links gedreht werden müssen, statt dessen haben wir einen “Versöhner”, für den u.a. auch Zahlen nur theoretische Bedeutung haben. Hauptsache, es “menschelt”.

    Antworten
  3. Reinhard1954Reinhard1954

    Ich bin am Samstag bei 96II – HSVII in Hannover. Ich hoffe die holen da die ersten Punkte.

    Antworten
    1. der Coach

      Na. Ein HSV wird ja auf jeden Fall punkten, mindestens. ;)

    2. HeLuechtHeLuecht (Beitrag Autor)

      Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wenn es gelingt, die Leistung abzurufen, die zwischen der 10. und 35. Minute gegen Eichede gezeigt wurde über die komplette Distanz auf den Platz zu bringen, dann dürfte der eine oder andere Punkt wohl drin sein, vor allem wenn man nach den bisherigen Leistungen nicht so wirklich ernst genommen wird. Aber bei 96 erwarte ich außer deinem frustrierten Bericht vom Spiel nicht wirklich etwas.

  4. HeLuechtHeLuecht (Beitrag Autor)

    Paderborner
    12. August 2016 um 5:27

    @HL deswegen verstehe ich auch nicht warum man nicht wieder eine Schlagkräftige Truppe aufbaut die oben mitspielen kann, dazu braucht man doch eigentlich erstmal nur einen vernünftigen Stamm mit guten 3-4. Liga Kickern (wie du schon schreibst, so’n paar Arslan’s halt) solche Leute können doch nicht so teuer sein und garantieren doch fast schon halbwegs gute Ergebnisse in Liga 4.
    ————-
    Okay, dann kurz mal zur Ehrenrettung für den HSV bzw. die verantwortlich Handelnden (?):
    Es war ist/geplant eine junge vorwiegend aus aufgerückten A-Junioren bzw. sehr talentierten B-Junioren um einen Kern von den von dir angesprochenen 3-4 erfahrenen Spielern zu bauen. Letztlich sind von der Papierform auch diese erfahrenen Spieler in der Zwoten vorhanden: Tom Mickel (27), Ashton Götz (23) und auch Oliver Oschkenat (2. Liga Erfahrung bei Union Berlin) sind da in erster Linie zu nennen, genau wie der von Meppen gekommene neue Kapitän Strompen. Das Problem dabei ist nur, dass diese Spieler nicht wirklich in der lage sind zu führen. Das liegt in der Position begründet, aber auch im Charakter der Spieler. Götz ist eher introvertiert, Oschkenat ähnlich. Mickel wird schon mal lauter und gibt Anweisungen, hat aber momentan auch mit seiner eigenen Leistung zu kämpfen und Strompen, der ist neu und auch später zu der Truppe gestoßen. Er ist schon bemüht, wird es alleine aber auch nicht reissen können. So wie das ganze Konzept angedacht ist, wird es immer eine hohe Fluktuation geben und auch künftig wird die Hinrunde dann zum Finden und Einspielen be- und genutzt werden müssen. Und, das für mich Entscheidende, worüber allerdings niemand wirklich spricht: Der HSV hat kein Geld. 1,5 Mio soll die Zinnbauer U-23 gekostet haben (bei den damaligen Aufstiegsdiskussionen war die Rede davon, dass man den Etat auf 3 Mio in der 3. Liga verdoppeln müsste). Bereits im letzten Jahr bekam Zinnbauer die versprochenen Verstärkungen auf den Defensivpostionen nicht, weil die Kassen leer waren. Einfaches Rechenbeispiel: 22 Spieler, 2500 Euro/Monat = 660.000 dann noch die ganzen Fahrten, Trainingslager, Betreuerstab etc. und die 2.500 im Schnitt dürften eher vorsichtig kalkuliert sein. Eintracht Frankfurt hatte beispielsweise einen kolportierten Etat von 900.000 für seine U23 bevor die vor 2 Jahren abgemeldet wurde.

    Antworten
    1. PaderbornerPaderborner

      Ich bin gespannt und du bist sicherlich auch näher dran an dieser Nummer, aber am Ende zählt das was bei rum kommt und das sind Spieler für die Profis. Ich warte mal deinen nächsten Bericht ab und gebe dann wieder schlaue Sprüche aus der Ferne ab. ;)

      Ja das mit dem “kein Geld” höre und lese ich auch ständig, bekomme dann aber jede Saison einen anderen Eindruck wenn ich mir bei TM.de die +/- Transferausgaben ansehe. ;)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>