Vom Schleifer und vom Feinschliff

schleifer-feinschliff

Hollerbach ein Schleifer?

5 Tage ist Bernd Hollerbach nun an und bei der Arbeit und die Presse läßt nichts unversucht das Bild vom gnadenlosen Schleifer zu zeichnen der nun im Volkspark Einzu gehalten hat.

Als Hollerbach am Montag die Treppen vom Stadion hinunter, das erste Mal auf die Trainingsplätze schritt, schallte ihm ein vielkehliges “Mach sie lang, lass sie endlich mal laufen!” entgegen, das der gelernte Metzgermeister nicht blutrünstig, sondern eher mit einem müden und milden Lächeln quittierte.

Von Schleiferei war während der ersten Trainingseinheit unter ihm dann auch wenig, genaugenommen gar nichts zu sehen.Bezeichnend an diesem Tage lediglich, dass der Neue es vorzog erst die Mannschaft kurz kennenzulernen, dann zu trainieren und sich erst danach der Presse und den Medien auf der Vorstellungs-PK präsentierte. Knapp, kurz und bündig.

Am Montag Abend gab es dann schon die ersten Schlagzeilen, die von Kasernierung sprachen. Warum? Der neue Coach hatte, wie bereits diverse andere neue Coaches vor ihm eine Ganztagesanwesenheitspflicht für die Profis angekündigt (gemeinsames Frühstück, 1. Training, Mittagessen, Mittagsruhe, 2. Training). Als die Profis dann auch noch beim 1. Training 6
mal hintereinander vermeintliche 1000 m innerhalb von jeweils 3 Minuten absolvieren mussten, machte Hollerbach für die Journalisten seinem Ruf als Schleifer alle Ehre und damit war dieser in der Hansestadt auch endgültig besiegelt. Nun, die 1000m stellten sich im Nachhinein als knappe 800 m heraus und auch ansonsten gab es an diesem Tag nichts, was auch nur annähernd etwas von Schleifen an sich hatte, es wurde gearbeitet ubn´nd zwar überwiegend ohne Ball und die Einheiten dauerten länger als unter Markus Gisdol, was allerings nicht viel zu bedeuten hat.

Dienstag ist der Tag, an dem gearbeitet wird, sagt Hollerbach, der künftig die Mannschaft in normalen Wochen jeweils am Dienstag und am Donnerstag 2 mal trainieren lassen will und die Mannschaft dann auch den ganzen Tag am Stadion versammelt sehen möchte, mit GEMEINSAMEM Frühstück und Mittagessen.

Mittwoch wurde also nur einmal trainiert und das dann überwiegend mit Ball, nur eine etwas längere Athletik/Motorik Übung war dabei.

Spätestens jetzt war dem einigermaßen vorurteilsfreien Betrachter der Trainings klar, dass hier niemand lang gemacht wurde, dass nicht geschliffen wurde, sondern, dass sich hier lediglich ein Trainer in verschiedenen Bereichen versucht, so schnell wie möglich und so profund wie möglich, einen Überblick über den derzeitigen Leistungsstand der ihm unterstellten Profis zu verschaffen. Es dürfte ihm, ob der teilweise haarsträubenden motorischen Unzulänglichkeiten einiger dieser Herren und aufgrund der katastrophalen Abschlußschwäche (gefühlt jeder 3. Ball landete beim Torschusstraining nicht nur nicht im Tor, sondern flog hoch über den Zaun in den angrenzenden Wald im Volkspark, die Zornesröte ins Gesicht getrieben haben, aber Hollerbach blieb ruhig und jovial, munterte immer wieder auf.

Mit Empathie und Offenheit ging er in diesen Tagen auch auf Walace zu. Mit erstaunlichem Erfgolg, bereits am Mittwoch sah man den Brasilianer spiel- und einsatzfreudig im Training wie selten (nie) zuvor.

Nein, dieser Bernd Hollerbach ist kein Schleifer, er ist weit mehr als das und man wird weder ihm als Menschen noch ihm als Trainer gerecht indem man ihn immer wieder auf die Schlichtheit und Schleiferei reduziert. Auch wenn das bei den Fans seine Wirkung nicht verfehlen mag.

Ich habe am selten so viele und so desillusionierte Fans getroffen wie zum Trainingsauftakt von Bernd Hollerbach. Allgemeine Skepsis und große Zweifel, ob er denn der Richtige sei. Inzwischen scheint sich das Blatt gewendet zu haben. In einer Umfrage der mopo von heute früh votierten immerhin 81% er sei der richtige Trainer für den HSV. Nach einer Umfrage des Hamburger Abendblattes trauten ihm zur gleichen Zeit alerdings lediglich 51% zu, den Hamburger Sportverein vor dem Abstieg zu retten.

Ich gehöre zu den 49% und ich bin mir auch nicht sicher, ob Holler nun der Richtige ist oder nicht. Die Hände überm Kopf zusammen geschlagen habe ich allerdings nicht als Spontanreaktion wie dies der Fall bei Bruno Labbadia und Markus Gisdol der Fall war.

Die Karten werden unter Hollerbach neu gemischt, jeder erhält eine neue Chance. Lange sah es in dieser Woche so aus, als könne Lewis Holtby diese Chance nutzen, auffällig gut gelaunt und engagiert präsentierte Holtby sich in den ersten Trainingstagen. Diese Laune dürfte inzwischen allerdings wesentlich schlechter sein. Er wurde nämlich genau wie Luca Waldschmidt, Sven Schipplock und Bakery Jatta nicht für den Kader berücksichtigt.

Mit Mathenia, Pollersbeck, Papadopoulos, van Drongelen, Mavraj, Santos, Diekmeier, Sakai, Walace, Jung, Janjicic, Hunt, Salihovic, Kostic, Ito, Hahn, Wood und Arp hat Hollerbach allerdings einen 18 Mann Kader nominiert, der ihm einige OPtionen offenlässt auch während des Spiels auf mannigfaltige Gescheh- und Erfordernisse reagieren zu können.

Eine zeitweilige Verbannung von Vasilije Janjicic hatte ich eher erwartet, ließ Vasi doch bei den Läufen schwer pumpend abreissen und wurde auch so für zu ‘schwer’ befunden. Dem will man jetzt wohl mit einem extra abgestellten Ernährungsberater beikommen. Auch das eine sinnvolle Maßnahme, um das sicherlich vorhandene Potenzial des Schweizer nutzen zu können und alles andere als Schleiferei, auch wenn es dem Jungen vielleicht ein ums andere Mal schwerfallen dürfte.

Wir dürfen also gespannt sein, wie sich die Mannschaft präsentiert in Leipzig. Ich rechne mit 0 Punkten und ja ich kann auch mit einer Niederlage leben, so denn spielerische Fortschritte erkennbar sind. Die Lage ist noch nicht aussichtslos, auch nach einer Niederlage nicht, wenn man dann endlich anfinge es mit Fußball spielen zu versuchen.

Christian Titz und der Feinschliff

Fußball spielen, das tut die Zwote des HSV in dieser Saison unter dem inzwischen nicht mehr so neuen Trainer Christian Titz eigentlich in jedem Spiel. Das Team steht, die Mannschaft ist stabil, personelle Änderungen gibt es nicht, nachdem weder ein Wechsel von Toerles Knöll nach Sandhausen noch einer von Mats Köhlert nach Österreich zum tragen kommt.

Da kann und konnte es für Christian Titz in der Vorbereitung auf die verbleibenden Rückrundenspiele um den Feinschliff gehen. Und da schleift und schleift er, ruhig, besonnen, aufmunternd, ehrgeizig und zwischendurch immer mal wieder laut und impulsiv, mit klarem Plan und strukturierten, komplexen Trainingseinheiten in denen die Automatismen verfestigt werden sollen. Das gelingt mal mehr und mal weniger gut. Treibende Kraft und zentraler Spieler dabei ist Mo Gouaida, der Rückkehrer aus St. Gallen, der sich nicht verleighen lassen wollte und lieber in der Zwoten, in der Regionalliga kickt.

Es ist wie Christian Streich einst sagte, je weiter weg der Junge von seiner Heimat ist, desto besser, dann kann er sich auf Fußball konzentrieren. Man sieht es Mo Gouaida und seinem Spiel förmlich an, dass ihm Hamburg auch in der Regionalliga gute bekommt.

Die Vorbereitungsspiele hat die U21 allesamt erfolgreich bestritten. Ein 2:1 gegen die TSG Neustrelitz (RL Nordost), ein 6:1 gegen den Hamburger Oberligisten Teutonia 05 und ein starkes 2:0 gegen die Zweitvertretung des BVB, die letztlich auch mit eine Janni Serra chancenlos gegen die Rothöschen war, das waren die Resultate, die allesamt bei konsequenterer Chancenausnutzung hätten höher ausfallen können/müssen.

Genau daran wurde in den letzten Tagen im Hinblick auf das an diesem Wochenende anstehende Punktspiel bei Egestorf/Langreder gearbeitet. Man erwartet noch tiefstehendere, noch kompakter stehende Gegner und da will man Lösungen haben, um dennoch die entscheidenden Treffer setzen zu können. Ziel ist Platz 1 zu verteidigen. Ob es der Mannschaft gelingt und ob sie letztlich diesen Platz überhaupt vertreidigen darf? Wir werden es sehen.

AN diesem Wochenende allerdings noch nicht, denn das Nachholspiel vom 17. Spieltag in Egestorf wurde unterdessen wegen Unbespielbarkeit des Platzes abgesagt.

Allerdings testet die HSV U21 stattdess morgen um 13:30h am Campus gegen den Ligakonkurrenten VFV 06 Borussia Hildesheim bevor es dann eine Woche später hoffentlich zum Schlager gegen Eintracht Norderstedt kommt.

P.S.
Nach Informationen der “Bild” hat Bernd Hollerbach veranlasst, dass die Spielerin Zukunft vermehrt mit der Bahn zu Auswärtsspielen anreisen und nicht mehr in 5Sterne-Hotels absteigen werden Es soll auf das Budget geachtet und eine vernünftige Balance zwischen Leistung und Kosten gefunden wird. Auch das eine vernünftige und angesicht der desaströsen Finanzlage längst überfallige Entscheidung, die nichts mit Schleiferei zu tun hat.

P.P.S.
Ich hatte kurzzeitig die Befürchtung, der HSV könne aus Kostengründen Christian Titz zum Trainer der 1. Mannschaft machen. Ich traue ihm diese Aufgabe durchaus zu und hätte mich auf der einen Siete auch für ihn gefreut, andererseits bin ich froh, dass die gute Arbeit bei der U21 nun kontinuierlich weitergeführt werden kann.

Beiden Trainern, ihren Mannschaften und uns Viel Erfolg!

7 Kommentare

  1. GVGV

    Moin, dann ist sozusagen Titz zu wertvoll für den HSV und seine ungewisse Zukunft, um ihn zwecks aussichtsarmer kurzfristiger Brandlöschereien zu verheizen?

    Antworten
  2. GVGV

    Wie gut Hollerbach die Kicker erreichen kann, wird sich vorerst in den nächsten zwei Begegnungen zeigen. Ob er auch spielerisch nachhaltiger etwas zu bewegen vermag, sehen wir wohl erst einige Spieltage später; ob dies im positiven Fall mehr als nur Strohfeuer sein kann, darf bezweifelt werden, wenn man die wirtschaftliche Lage berücksichtigt.
    Da könnte eine gute Arbeit von Titz in der Zweiten möglicherweise noch sehr wichtig sein.

    Antworten
  3. PaderbornerPaderborner

    @HL eigentlich schade wenn Holler gar kein „Schleifer“ ist, mit dem Abstieg habe ich längst meinen Frieden gemacht, da hätte ich es zumindest gut gefunden wenn die Luschen wenigstens immer schön beim Training kotzen müssten! (Kein Zwinkersmiley an dieser Stelle)

    Antworten
  4. ky

    Sehr schöne Zusammenfassung der Woche 1 der Wahrheit, HL.
    Endlich mal wieder lesenswerter Journalismus und kein Headline-Augenpulver der “Bezahl-Medien”.
    Danke Dir !

    Antworten
    1. GVGV

      Stimmt. Solide Hintergrunginformation ist zunehmend zur Rarität geworden.
      Das hat Qualität.

  5. Lighthouse

    Ja…na klar…dieser Punkt in Leipzig war schon ein gelungener Einstand für den neuen Trainer Bernd Hollerbach. Wir haben einen HSV gesehen, der kämpft, rackert, beißt und voll dagegen hält. Und der sich mentale Unsicherheit einfach aus den Beinen läuft. Und dazu noch Glück und die Unaufmerksamkeit der Schiedsrichter auf seiner Seite hat. “Egal” sagt man jetzt in HSV-Reihen und lobt das tolle HSV-Spiel. Unerträgliche Verklärung. Es war kein tolles Spiel Herr Todt. Es war, ganz klar, ein erkämpfter Punkt.

    Und da bin ich bei meinem persönlichen Problem mit dieser “Ansichtssache”:
    Ich freue mich für den HSV auch über diesen Punkt, obwohl sich der Jubel bei dem Ausgleichstor durch Kostic arg in Grenzen hielt.
    Weil…das ist nicht der HSV, den ich sehen möchte. Für diese Spielweise ist in Hamburg kein Platz frei…das haben wir schon in der 2. Liga. Mit der Spielweise sind wir Pauli 2.0….leider nicht erstrebenswert.

    Quo Vadis HSV?

    Antworten
    1. bopsi

      Man kann ja nun nicht erwarten, dass Holler übernimmt und der HSV den Gegner gleich an die Wand SPIELT. Dafür ist dieser Kader in der Tat viel zu schwach.
      Man kann erwarten, dass Hollerbach Struktur in diese Mannschaft bringt, dass Abläufe verinnerlicht und beherrscht werden. Damit wäre verdammt viel erreicht und der HSV stünde wirklich auf Augenhöhe mit sämtlichen anderen Abstiegsaspiranten.
      So lange wir allerdings nicht endlich zur Kenntnis nehmen, dass dieser Kader hundsmiserabel ist und eben nur Abstiegskampf bedeuten kann, solange wird es keine Wende beim HSV geben können.
      Momentan gibt es für DIESEN HSV nicht wirklich eine andere Spielweise, leider.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>