Wohlstandskinder in der Wohlfühloase

Zum Teil eklatante Mängel in der Mentalität des deutschen Fußball-Nachwuchses hat das „Hamburger“ Urgestein und Kopfballungeheuer, Horst Hrubesch, als Trainer der U21 Nationalelf ausgemacht.

Seiner Meinung nach sollten die jungen Leute sich mal fragen: „Bin ich bereit, alles, wirklich alles dafür zu tun, Profi zu werden? Bin ich bereit, auf viel zu verzichten?“ Hrubesch jedenfalls findet, „dass einigen in diesem Punkte etwas fehlt“. Er führt dies in erster Linie auf die vielen „Annehmlichkeiten“ zurück, die die Vereine den Nachwuchskickern bereits seit frühester Jugend zuteilwerden lassen. Diese würden einigen fast zwangsläufig den Kopf verdrehen:

„Sie kommen [..] viel zu früh in eine Welt, in der sie First Class reisen. Nach zwei Jahren halten sie die ganzen Annehmlichkeiten für selbstverständlich. Deshalb sage ich immer wieder, dass man auch ‚Danke‘ sagen kann, wenn die Dame den Kaffee bringt. Ich erkläre ihnen, dass der Zeugwart kein Lakai ist.“

Eigentlich ein Schreckensszenario welches Horst Hrubesch dort zeichnet. Eines von verwöhnten Rotzgöhren, die sich wie Herrenmenschen aufführen und für die Danke ein Fremdwort ist. Es ist dann das kleine Einmaleins notwendig, jenes Einmaleins, welches bereits Thomas Tuchel seinen Spielern in Mainz damals beibrachte, gemeinsames Essen, keiner steht auf, bevor alle fertig sind und und und.

Nun gut, auf den HSV hatte Hrubesch seine Aussagen ja nicht bezogen. Auf den trifft das Ganze ja nicht zu. Zumindest, was die U21 anbelangt, denn bis dahin hat es ja keiner der HSV Akteure geschafft. Nimmt man den Leverkusener Senkrechtstarter Jonathan Tah einmal aus, der aber ohnehin nicht gemeint gewesen sein kann als langjähriger Kapitän diverser U-N11-Mannschaften.

Und auch auf den eventuell noch auf den U21 und Olympiazug aufspringenden Gideon Jung dürfte das kaum zutreffen. Der wirkt sehr geerdet (ob das wohl an seiner Oberhausener Zeit liegt?), läßt sich maximal von seinem Busenkumpel Ahmo, dem U23 Kapitän Ahmet Arslan, zum Training kutschieren, hat aber auch kein Problem damit mal eben 20 Minuten von seinem Eidelstedter Wohnsitz zum Training in den Volkspark zu laufen. Okay, in Ermangelung eines Führerscheins…andererseits gab es da auch schon andere Beispiele.

Dennoch, gerade beim HSV gibt es Annehmlichkeiten zuhauf. Bereits für die Jüngsten. Das beginnt mit einem Fahrservice zum Training in Norderstedt. Alleine 12 Leute weist die Homepage des HSV für den Transportdienst des Nachwuchsleistungszentrums (NLZ) in Norderstedt aus. Der Fahrdienst ist aufgeteilt in die Gebiete Nord, Ost, Süd, West sowie Lübeck und Neumünster. Während es nachvollziehbar ist die Jugendlichen aus der Region Neumünster und Lübeck zu fahren, weil die Anreise ansonsten in der Tat zu lang und zu beschwerlich wäre, ist das Leistungszentrum in Norderstedt aus dem Hamburger Raum hervorragend über den ÖPNV zu erreichen. Hier beginnt aus meiner Sicht bereits das fatale Pämpern, welches seine Fortsetzung im Profibereich findet und dann in einer 24/7 Dolmetscher Betreuung von Cléber-Reis gipfelt, mit dem Ergebnis, dass ein junger Mensch in bestem Lernalter nach mehr als einem Jahr immer noch nicht ausreichend Deutsch versteht und spricht um sich hier vernünftig integrieren zu können.

Wie es ist, wenn man aus dem wohlbehüteten HSV Nest fällt, durfte erst kürzlich Matti Steinmann erfahren, der in Chemnitz ziemlich rüde auf dem Boden der Tatsachen gelandet ist, als er erkennen musste, dass er dort nicht mal eben nebenbei Studieren und Fußballspielen kann, dass ihm nicht alles abgenommen wurde, sondern, dass er sich dort um alles selber kümmern muss. Einkaufen, Essen machen, sauber machen, Trainieren, auf sein Gewicht achten und vieles mehr.

Gut, dass sind Erfahrungen, die auch andere junge Menschen in diesem Alter machen müssen, aber auch hier gilt eben, je behüteter man vorher aufgewachsen war, desto schwieriger ist der Schritt und wenn ich dann mit einem Anspruchsdenken daherkomme, dann falle ich erst mal auf die „Schnauze“.

Will der HSV seine Talente also künftig vernünftig auf das Leben als Profi oder alternativ auf das wirkliche Leben vorbereiten, täte er gut daran, seinen „Nachwuchsstars“ nicht nur ein Leitbild in die Hand zu drücken, welches Demut und Bescheidenheit einfordert, sondern ihnen diese Attribute vorzuleben, sie zu lehren, wie Verzicht geht und ihnen Dankbarkeit – na, zumindest ein ernstgemeintes und herzliches Danke sagen – zu lehren.

Die „Kinder“ können nichts dafür, dass diese Summen im Fußball gezahlt werden, aber wir, die Vereine habe eine Verantwortung Ihnen gegenüber. Wir spielen mit ihren Träumen, die so häufig zerplatzen wie eine Seifenblase, aus Hochmut, aus Verletzungspech oder aus anderen Gründen.

Das teilweise gezeigte Verhalten, diese mangelnde Mentalität, sie ist ein Resultat dessen, was wir den jungen Menschen täglich vorleben. Das sollten wir nicht vergessen, wenn wir dann mal wieder abschließend über einen der „Gescheiterten“ urteilen.

3 Kommentare

  1. ky

    HL, das, was Du da beschreibst, ist schon seit Jahren irgendwie bei mir angekommen, und es liegt nicht nur an den Vereinen, sondern auch an den Eltern (Stichwort: Hubschrauber-Eltern). Der Vater von den Williams-Schwestern (Serena und Venus), Earl, heisst er glaube ich, hat in einem sehr spannenden Interview (war es in der ZEIT?) Details aus seiner Lebensgeschichte Preis gegeben. U.a. hat er in den späten 60ern mal per Zufall mitbekommen, dass eine Tennisspielerin für ihren Turniersieg (lokal in Amerika, keine US Open oder so) 48.000 USD erhielt (was in den späten 60ern richtig Kohle war, davon konnte man 2 911er kaufen…). Da beschloß er, seinen Kindern Tennis beizubringen.
    A. Er hatte zu diesem Zeitpunkt gar keine Kinder.
    B. Er spielte selbst zu diesem Zeitpunkt kein Tennis …

    Er hat es sich als Autodidakt beigebracht, später die Töchter bekommen, ihnen Tennis eingebläut, und ist sogar wieder in eine Slum-Gegend von LA gezogen, um seine Töchter zu motivieren, den Dreck hinter sich zu lassen. Hat ja ganz gut geklappt….

    So weit muss und sollte man nicht gehen. Es ist sicherlich das andere Extrem-Beispiel.

    Die Schweiz war jahrelang hinten dran beim Fußball auf internationalem Niveau. Eigenanalysen des Verbandes ergaben, dass die „wohlhabenden“ Schweizer Eltern ihre Kinder nicht auf die Strasse zum Kicken schickten, sondern in die Internate für Tennis, Leichtathletik, Basketball etc. und Wintersportarten.

    Erst durch die Migranten sind die Schweizer deutlich besser geworden (n.b. Djourou und Drmic sind ja nun auch nicht zwingend geläufige Schweizer Nachnamen).
    Es hat aber auch ausgelöst, dass die Gehälter deutlich höher wurden (auch in der Schweiz), sodaß seit einigen Jahren der Beruf Fussball-Profi auch bei nativen Schwiezzern deutlich an Popularität zugelegt hat (mit Benaglio, Sommer, Bürki und Hitz spielen zur Zeit 4 Schweizer alleine als Torleute in der Buli…).
    —-
    KP Boateng, der nun wahrlich nicht die hellste Kerze auf der Torte ist, hat mal vor Jahren in einem FAZ-Interview auf die Frage geantwortet, was er geworden wäre, hätte es nicht zum Profi-Fussballer gereicht: „Türsteher oder Zuhälter, wie alle Anderen aus meiner Jugend-Gang“. Fragen? Keine.

    Konsequenzen für den HSV? Fördern und fordern. Fordern u.a. nach Disziplin, Eigeninitiative, Demut vor den Älteren, sozialer Kompetenz, fördern aber auch durch Berufsbegleitung und gemeinsame Zeit mit den Spielern von HSV 1 und 2.

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  2. bopsi

    Da fasst du ja heute ein ganz heißes Eisen an.
    Ich würde mich daran nicht im Traume trauen.
    Die Ursachen für gewisse Entwicklungen kann wohl auch ein Herr Hrubesch nicht wirklich überblicken. Dafür müsste man ganz tief in die soziologische Kiste eintauchen.
    Da ist es doch viel einfacher und provokativer, zu sagen, die Jungs quälen sich nicht mehr …
    Und ich denke, das ist viel zu kurz gedacht und analysiert.

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    1. HeLuechtHeLuecht (Beitrag Autor)

      “Die Jungs quälen sich nicht mehr“ erinnert mich an die Omma, die sich über die Beatmusic aufregte und “früher war alles besser“. Das wiederholt sich Generation für Generation ohne dass man dadurch näher an die Wahrheit käme. Das einzig Beständige ist der Wandel und Profisport war/ist immer auch eine Triebfeder für jene, die ansonsten keine oder kaum eine Chance in der Gesellschaft hatten/haben.

      Ich konnte vor knapp 20 Jahren von meinem Küchenfenster in Wedel auf einen Bolz- und Basketballplatz schauen. Rist Wedel spielte in der 2. Basketballbundesliga recht erfolgreich. Da waren dann immer einige, die hook shots und so übten, das waren ‚Deutsche‘, sporadisch wurde dort auch gekickt, allerdings hatten ‚die mit der Pille‘ allesamt Migratioshintergrund, wie es so schönschlecht heißt. Ein Blick auf die Namen der U-Nationalspieler heute reicht, um festzustellen, dass sich daran nichts geändert hat, im Gegenteil.

      Früher sind auch Leute auf der Strecke geblieben, aus unterschiedlichen Gründen. Vielleicht ist man heute zu schnell satt und nimmt dieses satt sein als selbstverständlich, als Geburtsrecht wahr…

      Die Spieler sind junge Leute, Kindsköpfe, wie ihre nicht kickenden Altersgenossen auch. Sie schlagen über die Stränge, rauchen vielleicht mal eine oder etwas…stehen aber immer im Fokus, müssen fehlerfrei sein , auf und neben dem Platz und sollen Schimpf und Schande sowie Häme klaglos über sich ergehen lassen…Schmerzensgeld im Gehalt inbegriffen.

      Es ist so leicht zu ur- und vor allem zu verurteilen.

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